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LESEPROBEN 03.2 | Autobiografisches 2

„An den Herrn Präsidenten des Sowjet, Wladimir Iljitsch Uljanow Lenin,
St. Petersburg
Liebwerter Genosse!
Wenn jetzt aus Millionen banger Menschenherzen Dankgebete zum Himmel steigen, so ist das Ihrem und Ihrer mutigen Freunde Wirken zu verdanken. Und zitternd fragen sich alle wieder, ob es gelingen wird, das große Werk der Revolution vor den im Geheimen wirkenden Kräften der Reaktion unter Dach und Fach zu bringen. Wir haben in dieser Beziehung doppelte Sorgen. Wir sagen uns: Lenins Werk wird an den Mängeln des Geldwesens scheitern. Alle Revolutionen sind bisher am Geldwesen gescheitert. Auch die russische wird diesem Schicksal nicht entgehen, wenn nicht noch rechtzeitig das Freigeld die Situation rettet. … Wenn der Erfolg einer Revolution dauernd gesichert sein soll, so kann dies nur dadurch erreicht werden, dass alle nicht aktiv an der Umgestaltung des Staates mitwirkenden Personen unter Anspannung aller Kräfte zur Arbeit zurückkehren, denn aus dieser Arbeit soll der Wohlstand erwachsen, der für die Masse das Zeichen ist, dass die Revolution wohltätige Wirkungen hat und darum zu unterstützen ist. Eine Revolution, die dem Volke Entbehrungen bringt, ist des Misserfolges sicher. Nun würde das von uns geschaffene Freigeld ganz außerordentlich anspornend auf die Arbeit wirken, indem es den Tausch der Produkte unter allen Umständen sichert und dadurch erst jedem den vollen Ertrag der persönlichen Arbeit gewährleistet. Das Freigeld würde diese Arbeit ganz automatisch in die richtigen Bahnen lenken. … Da die Zeit zum Theoretisieren nicht die geeignete ist, so machen wir der russischen Regierung den Vorschlag, auf unsere Kosten eine geeignete Persönlichkeit nach Petersburg zu schicken, um das System im mündlichen Vortrag auseinanderzusetzen und um die nötigen Anweisungen zur Ausführung der Reform zu geben.
                                       Mit revolutionären Grüßen
                                       Schweizerischer Freiland-Freigeld-Bund
                                       Fritz Trefzer – Dr. Ernst Schneider – Silvio Gesell“

Brief an Lenin vom 2.12.1917 aus Les Hauts Geneveys, in: Band 18, S. 184 – 185.
(Dort wurde er versehentlich auf den 23.7.1918 falsch datiert.)


„Werter Genosse!
Genosse Dr. Schneider ersuchte mich, Ihnen den Brief zur Einsicht zu übersenden, den der Schweizer Freiland-Freigeld-Bund im Dezember vorigen Jahres an Genosse Lenin sandte, der aber von der Post als unzustellbar (?) zurückgesandt wurde. Ob die gleichzeitig mit dem Brief abgesandte Literatur das Ziel erreicht hat, wissen wir nicht. Auch hiervon kam ein Teil zurück. Der Brief liegt in der Abschrift hier bei.
   Genau das, was Lenin in seiner Programmrede sagt (Berner ‚Tagwacht’ 13.6.), nämlich dass der Hauptfeind der russischen Revolution der Hunger und die Arbeitslosigkeit sind, das finden Sie bereits in dem Briefe ausgedrückt. Die Revolution kann sich nur an der Macht halten, wenn sie das Volk vor Hunger bewahrt und ihm schnell und sichtbar wachsenden Wohlstand bringt. Wir sind uns vollkommen klar, dass wie der Hunger das Zarenregiment stürzte er auch jede andere Regierung stürzen muss, auch die Diktatur des Proletariats. Der Hunger ist und bleibt der einzige ernsthafte Feind dieser wie jeder anderen Revolution.
   Um den Hunger zu bekämpfen, sieht sich Lenin in der Zwangslage, ‚eiserne Disziplin’ zu fordern, womit er aber auf die, wie es scheint, recht zahlreichen Gruppen kleinbürgerlicher, anarchischer, freiheitlicher Elemente stößt, deren Widerstand sicher sehr unlieb ist, deren Kooperation auch, wie uns scheint, durchaus zur Sicherung, ja Rettung der Revolution nötig ist. Könnte Lenin darauf verzichten, diese freiheitlichen und sicher in jeder Beziehung recht wertvollen und auch einflussreichen Volkselemente (Kropotkin!) zu zwingen und zu disziplinieren, könnte in der russischen Wirtschaftsordnung auch deren Platz an der Sonne bewahrt werden, die sich persönliche Freiheit erhalten wollen und diese über alles schätzen. So wäre die Lage der Revolution eine ungleich festere und alle ihre Freunde könnten mit mehr Ruhe in die Zukunft schauen. … Wir sind gerne bereit, Ihnen weitere Aufschlüsse über diese von uns propagierte ‚Natürliche Wirtschaftsordnung’ zu geben, auch mündlich, sofern Sie uns dazu Gelegenheit zu geben belieben.
                                   Mit arbeiterbäuerlichem Gruß
                                   Silvio Gesell“

Brief an den russischen Legationsrat Dr. Schlowsky vom 15.6.1918
aus Les Hauts Geneveys, in: Band 18, S. 178 – 179.


   „Man sagt, Ex-Kaiser Wilhelm wäre in Holland und ein Genosse wäre Reichskanzler. So kommt jetzt der Bolschwikenstaat, das Gegenteil von dem, was wir wollen. Aber die Genossen werden wohl darauf bestehen, dass das Experiment zum Ende geführt werde. Und wir müssen uns für dieses Ende rüsten. Das kann ein Jahr oder auch fünf Jahre dauern. Es wird überhaupt so lange dauern, bis wir theoretisch siegen, denn ein Zurück zum Kapitalismus scheint mir unmöglich. Jetzt gibt es nur noch zwei: Wir und die Kommunisten.“

Brief an Dr. Theophil Christen vom 12.11.1918 aus Les Hauts Geneveys,
in: Band 18, S. 193.


   „Die Sozialisten würgen sich tüchtig untereinander. Es wird noch besser kommen. Mit der so lang erhofften Diktatur des Proletariats wissen die Führer nichts anzufangen. Es ist jetzt sehr interessant und lehrreich zuzuschauen, wie ein Klassenstaat in Trümmer geht.“

Brief an Dr. Ernst Schneider (undatiert, Januar 1919) aus Berlin, in: Band 18, S. 197.


   „Es darf nicht das Geringste geschehen, was nicht das ganze Volk klar übersehen kann; denn nur so ist es zu vermeiden, dass bei jeder öffentlichen Beunruhigung große Scharen aufgeregter Menschen sich vor die Schalter der Banken drängen, um dort – Geldpapier zu holen.“
Das Volksfinanzhaus
Abteilung für Volksaufklärung

Zur Aufklärung über die Währung (9. April 1919), in: Band 10, S. 265.


   „Ich will mit durchgreifenden Mitteln die Währung sanieren, verlasse die Wege der systemlosen Papiergeldwirtschaft, gehe zur absoluten Währung über und bitte um Bekanntgabe Ihrer Stellungnahme.“

Telegramm Gesells als Volksbeauftragter für das Finanzwesen der Räterepublik Bayern
 an die Deutsche Reichsbank (11. April 1919), in: Band 10, S. 269.


   „Einladung zu einer internationalen Valutakonferenz durch Radiotelegramm:
An alle! Das Volksfinanzhaus der Räterepublik Bayern hat die Neuordnung des zerrütteten Geldwesens in die Hand genommen, um den Austausch der Produkte aller Arbeitenden sicher zu stellen, und lässt an alle Länder eine Einladung zu einer internationalen Valuta-Konferenz in München ergehen. Silvio Gesell.“

Internationale Valuta-Konferenz (14. April 1919), in: Band 10, S. 276.


   „Wir, die Unterzeichneten, sind gestern Nachmittag 3 Uhr auf Veranlassung einer uns unbekannten Instanz mitten aus unserer Arbeit verhaftet und in das Polizeigefängnis abgeführt worden. Nachts um 3 Uhr wurden wir durch Gewalt befreit und setzen heute unsere Arbeit fort.
   Die Unterbrechung unserer Ordnungsarbeit geschah nur, weil wir der Gewalt weichen mussten. Und wir erklären feierlichst, dass wir freiwillig unsere Posten nicht verlassen werden, bevor das große Werk der Neuordnung unseres zerfahrenen Geldwesens vollendet und der Neuaufbau des bayerischen Wirtschaftslebens, vornehmlich die Arbeitsgemeinschaft zwischen Stadt und Land, gesichert ist. Wir sind dagegen fest entschlossen, uns wieder zurückzuziehen und die weiteren Verwaltungsarbeiten unseren Nachfolgern zu überlassen, sobald unser Ziel erreicht ist.
   Wir bitten aber auf das Dringlichste, uns in unserer Arbeit künftig nicht mehr zu stören. Unseren Gegnern erklären wir, dass unsere gewaltsame Entfernung auch ein zweites Mal nutzlos sein wird. Denn es sind heute schon zu viele Arbeiter und Bauern, die uns Vertrauen entgegenbringen. Diese werden uns immer wieder zurückholen und uns auf unseren Platz stellen.
Der Volksbeauftragte für das Finanzwesen Silvio Gesell
Der Rechnungsbeirat Dr. Theophil Christen
Der Rechtsbeirat Prof. Dr. Karl Polenske“

Erklärung (14. April 1919), in: Band 10, S. 274.


   „Es geht mir hier sehr gut. Ich habe für solches einsame Leben von jeher viel Vorliebe gehabt und kann mir vorstellen, dass die Mönche sich gar nicht nach der so genannten Freiheit sehnen. Die Freiheit liegt immer in uns selbst. Die Verwaltung dieses Gefängnisses ist vorzüglich, fabelhafte Ordnung. Nicht einen Tag hat man mich in meiner Zelle vergessen. Die Verpflegung ist reichlich und gut; wie mir scheint, ist sie sogar mit etwas Menschenliebe gewürzt. Als Finanzminister hatte ich Hunger -  als Mönch bin ich satt.  … Der Tag der Gerichtsverhandlung muss nun bald kommen. Ich freue mich sehr darauf, obschon das Ergebnis der verwirrten Rechtsverhältnisse wegen ziemlich schwer vorauszusehen ist.
   Lebe wohl, Jenny  - auf Wiedersehen in Sonne und Freiheit.
1000 Grüße. Silvio.“

Brief an Jenny Blumenthal vom 3.6.1919 aus dem Strafvollstreckungsgefängnis
München-Stadelheim, in: Band 18, S. 206.


   „Ich habe nun eine Zelle für mich allein. Welche Wohltat! Kein Tabaksqualm, kein ödes Gespräch, Einsamkeit! … Meine Schreibutensilien (Papier, Feder, Tinte) lassen manches zu wünschen übrig. Die Urteile des Standgerichts fallen, wie ich sehe, hart. Der Staat kann sich natürlich nur mit den Mitteln verteidigen, die einem Staate zugänglich sind. Geduld! Vor 3000 Jahren war es auch schon so. Unsere Sozialisten haben daran nichts geändert  - und können auch nichts daran ändern. Wir werden es schaffen!“

Brief an Dr. Rolf Engert vom 18.6.1919 aus dem Strafvollstreckungsgefängnis
München-Stadelheim, Zelle 169, in: Band 18, S. 206 – 207.


   „Warum nahm ich die Wahl zum Volksbeauftragten für das Finanzwesen in der Bayerischen Räterepublik an? Sehnte ich mich nach dem Posten? … Es war weder Sehnsucht nach der Büroluft noch die Hoffnung auf Lohn. Diesen habe ich nicht nötig. …
   In einer nun schon dreißigjährigen ununterbrochenen Arbeit habe ich die Gesetze des Lohnes, der Grundrente, des Papiergeldes, des Zinses, der Wirtschaftsstockungen (Krisen) ausgearbeitet und für das wirkliche Leben verwendbar gemacht. … Man hat meine Lehre totgeschwiegen, viele Jahre lang, weil sie sowohl den Kapitalisten wie den Sozialisten oder wenigstens ihren wissenschaftlichen Führern unbequem war. …
   Niemand hat im Deutschen Reiche nur eine Ahnung, nach welchen Richtlinien die Reichswährung geführt werden soll. … Die herkömmlichen Mittel zur Gesundung der Währung versagen jetzt. Solange wir aber die Währung, diesen Drehpunkt der Volkswirtschaft, nicht zu einem starken Fels machen, kommen wir nicht heraus aus dem Zustand der Streiks, der Empörung und der Gewalttaten. Wir stehen auf einem Vulkan von Papiergeld. Mein ganzer Sinn, meine ganze Kraft war darauf gerichtet, den bayerischen Freistaat vor der Fortsetzung der Berliner Papiergeldwirtschaft zu schützen. …
   Mich brauchen Sie. Das geht aus allen Maßnahmen hervor, die die Reichsregierung, die Bundesstaatsregierungen, die Gemeinden jetzt ergreifen. Nirgendwo ein leitender Gedanke, nirgendwo die Spur einer Führung. Schlaff hängen die Zügel. Schießereien, Gerichtsverhandlungen, Todesurteile, blutrieselnde Richterstühle, mehr ist nicht zu sehen. Flickarbeit, vollkommene Ratlosigkeit gegenüber der Arbeitslosigkeit, der Wohnungsnot; Hoffnungslosigkeit in den Arbeiterkreisen, Verzweiflung in den führenden Schichten. …
   Als Kaufmann, als Landwirt in Deutschland, Spanien und Argentinien, in der Schweiz, und als Fabrikant habe ich die volkswirtschaftlichen Zusammenhänge ergründet, meine Erkenntnisse zu einer Wissenschaft ausgebaut und so Theorie und Praxis, Wissenschaft und Leben verknüpft -  zu beider Vorteil. Ich gedieh. Mir war die Theorie nicht grau, bares Geld war sie mir. …
   Mich brauchen Sie jetzt hier und im Deutschen Reich. Nicht dass es an Männern fehlt, die die geistigen Fähigkeiten zu dieser Arbeit haben. Daran liegt es nicht. Aber niemand ist da unter den 70 Millionen, der sich für diese Aufgabe vorbereitet hätte. Ich allein tat es. …
   Also wie ist es, sollte ich nur an meine Sicherheit denken, nachdem mir die Pflicht den Weg zeigte, den ich ging? Wer solches von mir fordert, der hat sicherlich in seinem Leben noch niemals empfunden, was sittliche Pflicht ist, der hat keine Vorstellung von dem, was es heißt, vom Schicksal als Lastträger einer der Menschheit gehörenden Wahrheit erkoren oder besser gesagt verurteilt worden zu sein, und noch dazu einer Wahrheit wie dieser. Seit 3000 Jahren suchte man nach der Quelle des Zinses. Vergeblich. Mir gelang es, sie im herkömmlichen Gelde festzustellen. Lange Jahre war ich in Sorge, dass ich verunglücken könnte, ehe ich meinen Fund seinem rechtmäßigen Eigentümer ausgehändigt hätte, ehe es mir gelänge den Bann des Totschweigens zu brechen.  Seit dreißig Jahren bin ich ganz bestimmt nicht ein einziges Mal zu Bett gegangen, ohne mich zu fragen, was ich noch tun könnte, um meinen Schatz loszuwerden, ihn zum Gemeingut zu machen. Wahrhaftig, keinem Christophorus ist ein so schweres Kind auf die Schulter gebürdet worden. Und nun, da mich das Proletariat aufforderte, sollte ich mich, mein ganzes Leben verleugnen, sollte ich das Proletariat verraten? …
   Ich wenigstens halte es für eine selbstverständliche Bürgerpflicht, dass jeder in entscheidungsschweren Zeiten dort eingreift, wo er glaubt, Unheil, Schaden, Verbrechen, Hochverrat, Amtsanmaßung und dergleichen verhindern zu können, unbeschadet der Möglichkeit, dass man ihn darob selber der Amtsanmaßung und der Beihilfe zum Hochverrat anklage. Zuerst kommt die Erfüllung der Pflicht und dann die Überlegung, ob die Handlung uns Lob oder Tadel einbringen wird. …
   Ich bin sozusagen die fleischgewordene Lehre vom Zins und wenn Sie von dieser Zinstheorie absehen, so bleibt nichts als ein Häufchen Asche, nichts Greifbares für den Staatsanwalt. Was Sie darum an mir einkerkern oder erschießen würden, das wäre die Theorie des Zinses. …
   Die Lehre vom Zins ist das Scheidewasser für edle und unedle Geister, aber daneben auch, solange es noch Menschen gibt, die sich vom Zins, vom fremden Arbeitsertrag nähren, ausgesprochen politisches Gift, gefährlichster Korruptionsstoff. Und da möchte ich Ihnen, meine Herren, um Schaden von unserem Gerichtswesen abzuwenden, raten: Halten Sie sich fern von diesem Gift, tragen Sie es nicht in den Gerichtssaal hinein. Berühren Sie Silvio Gesell nicht. Er hat für Sie als Richter die Räude, ist aussätzig. Jeder Richter, der sich an diesem Manne vergreift, besudelt sich und seinen ganzen Stand. Heraus aus dem Gerichtssaale mit der Theorie des Zinses! Hände weg von Silvio Gesell!“

Verteidigungsrede (1919/20), in: Band 12, S. 22 – 23, 27, 32 – 34, 38 – 40.


   „Morgen, Sonntag, kommen die Freiwirtschaftler zusammen. Ich werde mir nicht viel Mühe geben, die Vereinigung mit der Physiokratischen Vereinigung herbeizuführen. Diese Gruppe muss eine Weile allein laufen und sich nach links entwickeln. Dann erst wird die Vereinigung möglich sein. … Montag oder Dienstag reise ich nach Berlin und suche mit der USPD zu verhandeln.“

Brief an Georg Blumenthal (undatiert, September 1919), in: Band 18, S. 211.


„Sehr geehrte Frau Dr. Christen!
Der Jahrestag der Münchener Geschehnisse brachte mir jene Episode lebhaft in Erinnerung. Wir wollten weiter zusammenarbeiten bis ans Ziel, ans gewaltige Ziel der Schaffung einer des Menschen würdigen Ordnung auf Erden, in der er nicht nur wirtschaftlich, sondern auch seelisch gedeihen kann.
   Dieses schöne Ziel hat Dr. Christen zwar nicht erreicht, aber erlebt hat er es im Geiste oft. Und die Stunden, die er der Arbeit raubte, um sich in seinem Paradies zu ergehen, mögen die schönsten gewesen sein, die je ein Vollmensch genossen. Es war zwar ein kurzes, aber doch ein ganzes, ein großes Leben.
   Ihnen und uns vom FF-Bund fehlt nun der treue Gefährte. Trost finde ich nicht. Ihn gibt es offenbar nicht. Empfangen Sie, sehr geehrte liebe Frau Dr. Christen den Ausdruck meines Beileides und meines Schmerzes.
Ihr Silvio Gesell“

Beileidsbrief an Frau Dr. Christen vom 15.5.1920 aus Rehbrücke, in: Band 18, S. 219.


   „Die Wahrheit ist faul wie ein Krokodil im Schlamm des ewigen Nils. Die Zeit gilt für sie nicht; es kommt ihr auf ein Menschenalter nicht an; sie ist ja ewig. Aber die Wahrheit hat einen Impresario, der, sterblich wie der Mensch, es immer eilig hat. Ihm ist Zeit Geld. Immer ist er rührig und aufgeregt. Dieser Impresario heißt ‚Irrtum’. Der Irrtum kann nicht faul im Grab die Ewigkeiten an sich vorbeiziehen lassen. Er stößt überall an und wird überall gestoßen. Allen liegt er überall im Wege. Niemand lässt ihn ruhen. Er ist der wahre Stein des Anstoßes.
   Darum kommt es gar nicht darauf an, dass man Proudhon totschweigt. Sein Gegner selbst, Marx, sorgt mit seinen Irrtümern schon dafür, dass die Wahrheit zu Tage gefördert wird. Und in diesem Sinne kann man sagen: Marx ist zum Impresario Proudhons geworden. Proudhon hat sich noch nie im Grabe umgedreht; er ruht. Seine Worte haben ewigen Wert. Aber Marx hat es eilig. Er hat keine Ruhe, bis Proudhon erwacht und ihm die ewige Ruhe im Museum menschlicher Irrungen gibt. Und wäre Proudhon wirklich totgeschwiegen worden, die Natur des Kapitals ändert sich doch nicht. Ein anderer findet die Wahrheit. Auf den Namen der Finder kommt es ihr nicht an.
   Der Verfasser dieses Buches ist auf die gleichen Wege geraten, die Proudhon wandelte, und kam auch zu denselben Schlüssen. Vielleicht war es sogar ein Glück, dass er nichts von der Proudhonschen Kapitaltheorie wusste, denn so konnte er unbefangen an die Arbeit gehen. Und Unbefangenheit ist die beste Vorbereitung für die Forschung.
   Der Verfasser hat mehr Glück als Proudhon gehabt. Er fand nicht nur das, was Proudhon bereits vor fünfzig Jahren entdeckte, d.i. die wahre Natur des Kapitals. Er fand oder erfand darüber hinaus noch den gangbaren Weg zu dem Proudhonschen Ziele. … Als Proudhon diese Riegel- und Sperrnatur des Geldes erkannt hatte, stellte er die Forderung: Bekämpfen wir dieses Vorrecht des Geldes, indem wir die Ware und Arbeit zu barem Geld erheben! ... Das war Proudhons Gedanke und Vorschlag. Und um diesen auszuführen, gründete er die Tauschbanken. Sie schlugen bekanntlich fehl. Und doch ist die Lösung der Aufgabe, die Proudhon nicht glücken wollte, einfach genug. … Das ist es doch, was Proudhon eigentlich erstrebte, wenn er Waren und Geld auf gleiche Rangstufe setzen, sie vollkommen gleichwertig machen wollte. … Also lassen wir die Waren in Ruhe. Sie sind das Gegebene, die Welt, der sich der Rest zu fügen hat. Sehen wir uns dafür einmal das Geld näher an. Hier können wir schon eher Änderungen vornehmen. … Das Geld soll also, wenn es den Waren gegenüber keine Vorrechte haben darf, wie die Waren verrosten, verschimmeln, verfaulen. … Dann ist das Geld nicht mehr besser als die Ware, dann ist es für jeden einerlei, ob er Geld oder Waren besitzt oder spart, dann sind Geld und Ware vollkommen gleichwertig, dann ist Proudhons Rätsel gelöst.“

Die Natürliche Wirtschaftsordnung (1920), in: Band 11, S. 6 - 9.


   „Die Gleichgültigkeit des Volkes, der Wissenschaft, der Presse, des Handelsstandes gegenüber der Lehre vom Wesen des Geldes war bisher so groß, dass man schon Mühe hatte, im Millionenreich der Deutschen nur ein Dutzend Männer zusammen zu bringen, mit denen sich überhaupt die Theorie des Geldes ernsthaft besprechen ließ.“

Die Natürliche Wirtschaftsordnung (1920), in: Band 11, S. 146 – 147.


   „Haben wir für unsere Nachkommen nicht genug gesorgt, wenn wir ihnen wirtschaftliche Einrichtungen hinterlassen, die ihnen den vollen Arbeitsertrag sichern?“

Die Natürliche Wirtschaftsordnung (1920), in: Band 11, S. 275.


   „Wer etwas zu sagen hat, was mehr als Parteipolitik ist, der findet dazu keine Presse im demokratischen Staate. Die wenigen Blätter, die ehrlich sich bemühen, parteilos zu bleiben, stehen dann doch noch im Banne des Klassengeistes. Für Parteien und Klassen ist aber dieses Buch nicht geschrieben. Und so kommt es, dass die gesamte Presse des In- und Auslandes mit diesem Buche nichts anzufangen weiß. …
   Was kann in solcher Lage ein kluger Parteipolitiker tun? Schweigen! Solches Schweigen aber ist das, was man ‚Totschweigen’ nennt. Was kann man heute ohne Presse erreichen? Es heißt doch: Wer die Presse hat, hat auch die Macht.
   Und dennoch, es geht auch so, sagt man mir. Es braucht dann halt etwas mehr Zeit. Ganz recht. Aber haben wir jetzt noch so viel Zeit zur Verfügung? Jetzt muss das Geschwätz ein Ende nehmen und Taten müssen fallen, zielbewusste Taten, wenn das Land bewahrt werden soll vor sozialer, wirtschaftlicher, politischer Auflösung, wenn wir das große Sterben noch verhindern wollen. …
   Was tun? Wie hilflos ist man doch, wenn man sich an die Öffentlichkeit werden muss und hat keine Presse dazu. …
   Wenn die Zeit nicht so drängte, wenn man mir nicht zuriefe: ‚Grollt es nicht in fernen Donnern, siehst du nicht, wie der Himmel ahnungsvoll schweigt und sich trübt?’, so würde ich dieses Buch systematisch umgearbeitet haben, wobei es hätte verkleinert werden können. Doch die letzte Auflage ist vollkommen vergriffen und die Flut von Bestellungen will nicht versiegen. … Vielleicht ist dies die letzte Auflage, die ich herausgeben muss. Wenn wir einmal die Natürliche Wirtschaftsordnung erleben, dann braucht man sie nicht mehr in Büchern zu studieren. Dann wird alles so klar, so selbstverständlich. Wie bald wird dann auch die Zeit kommen, wo man den Verfasser bemitleiden wird -  nicht aber, wie es heute noch geschieht, weil er solch utopischen Wahngebilden nachstrebt, sondern weil er seine Zeit der Verbreitung einer Lehre widmete, die ja doch nur aus einer Reihe banalster Selbstverständlichkeiten besteht.“

Vorwort zur 5. Auflage der Natürlichen Wirtschaftsordnung (1921), in: Band 11, S. 396 - 397.


„Auch in der Demokratie gehört Mut zum Wahrheitsbekenntnis, wenn es sich um das Kapital handelt.“

Die Wissenschaft und die Freiland-Freigeld-Lehre (1921), in: Band 12, S. 262.


   „Wir schickten dem Reichsfinanzminster ein Exemplar des roten Buches.* Es wurde uns zurückgeschickt, als ob es giftig wäre. Es darf also nicht einmal in den Papierkorb, aus Angst, dass es dort Unheil anrichtet.“
*  Silvio Gesell „Die Natürliche Wirtschaftsordnung“

Eine letzte Warnung an unsere Reichsregierung (1921), in: Band 13, S. 131.


   „Wir vertreten die Sache der Ausgebeuteten und werden darum wohl immer eine leere Kasse haben.“

Mitteilung des Herausgebers des „Befreier“ (1921), in: Band 13, S. 169.


   „Mein Ziel ist dasselbe, was allen Sozialisten vorschwebt: die ausbeutungsfreie Wirtschaft. Mein Weg ist dem marxistischen genau entgegengesetzt. Wie man von Berlin nach Charlottenburg auch über Moskau und Sibirien gelangen kann, so mögen die oben genannten beiden Wege in genügender Verlängerung das gleiche Ziel haben. Es fragt sich dann nur, welcher der kürzere und namentlich auch der sicherere ist.
Mit herzhaften Flüchen auf den Kapitalismus
verbleibe ich mit vorzüglicher Hochachtung
Silvio Gesell“

Brief an Dr. Karl Kautsky vom 30.3.1922 aus Rehbrücke, in: Band 18, S. 249.


   „Meine Warnungen blieben unberücksichtigt. Im Reichstag war niemand, der mich verstand, niemand, der das Geldwesen dynamisch begriff. Der statische Gedanke herrschte wie fast überall so auch auf dem Gebiete des Geldwesens. … Die einzige Wirkung meiner Schriften schien die zu sein, dass sich die Hochfinanz ihrer zur besseren Leitung ihrer Geschäfte bediente. Sie konnte nun mit Bewusstsein erkenntnismäßig das tun, was sie bis dahin mehr empirisch und instinktiv tat. … Die Kapitalisten schwiegen meine Schriften tot. Die Sozialisten behandelten sie mit überlegenem Hohn. …
  Die Stunde der Arbeiterorganisationen hat geschlagen. Entweder sie reißen das Ruder der Geldverwaltung jetzt an sich, zum Heile des ganzen Volkes, oder sie verpassen diese Gelegenheit, und dann können wir alle mit Einschluss der Kapitalisten nichts Besseres tun, als uns für den Tod und Untergang vorzubereiten.“

Vorwort zur Denkschrift an die deutschen Gewerkschaften zum Gebrauch bei ihren Aktionen in der Frage der Währung, der Valuta und der Reparationen (1922), in: Band 13, S. 194 – 197.


   „Wir glauben, dass die neuzeitliche Kultur wie die Kultur Babylons und Roms untergehen wird, wenn wir keine neuen Grundlagen schaffen für das soziale und internationale Leben der Völker.“

Die Diktatur der Not (1922), in: Band 14, S. 76.


   „Die Diktatur einer Räteregierung, wie sie in München in Angriff genommen wurde, hätte die politischen Schwierigkeiten … noch überwinden können, wenn die deutsche Arbeiterschaft damals nicht durch den Marxismus entzweit gewesen wäre. … Wir sind ja immer ausgelacht worden von der KPD, der SPD und der USPD, wenn wir die Aufmerksamkeit auf das Geldwesen lenkten. … Jetzt sitzt der Keil in allen Parteien, in allen Arbeiterorganisationen. Spaltung auf Spaltung wird kommen, bis alles aufgelöst ist in einem wüsten Brei von Wahnsinnigen, die sich gegenseitig erwürgen.“

Die Versiegelung der Notenpresse durch die Entente (1922), in: Band 14, S. 130.


   „Die Reichsbank, die seit Kriegsbeginn die Währungspolitik autokratisch führt, duldete keine Kritik und bedrohte die Kritiker mit Kriegsgesetzen. … Wie oft sind ihr meine schweren Angriffe auf ihre Politik, schön rot angestrichen, zugeschickt worden, oft mit einem Begleitbrief. Niemals hat sie sich bedankt. Es sind selten unhöfliche Menschen, das Personal der Reichsbankaktionäre. Und auch etwas eingebildet. Sie brauchen keine Kritik von außen, die Selbstkritik genügt ihnen.“

Die Reichsbank und die Börsendifferenzen / Kreditnot aus Überfluss
an barem Geld (1922), in: Band 14, S. 185.


   „Ich stelle eine Denkschrift zusammen für die deutschen Gewerkschaften. … Eben kommt ein Brief von Frau Dr. Hildegard Wegscheider, Mitglied des Preußischen Landtags. Sie will mich morgen besuchen, um zu sehen, was sie tun kann, um mir Gehör in ihrer Partei (Sozi) zu verschaffen.“

Brief an Otto Maaß vom 11.11.1922 aus Rehbrücke, in: Band 18, S. 259.


   „Der Eiffelturm war, als er errichtet wurde, für die Betrachtung von Paris offenbar ein neuer Standpunkt. Ähnlich ist es mit Freiland-Freigeld. Ein neuer Standpunkt für das Gesellschaftsleben der Menschheit. Das dazugehörige Studium folgt, ebenso die Literatur. Überall sind Hände und Köpfe am Werke.“

Brief an Fritz Heberlein vom 14.11.1922 aus Berlin, in: Band 18, S. 261.


   „Du weißt, wie schwer alles auf meinen Schultern lastet. … Ich habe immer eine Vorliebe für die Naturwissenschaft gehabt. Eine einzige naturwissenschaftliche Tatsache gibt mir mehr Anregung als 1000 philosophische Werke, die im Laden des Buchhändlers stehen.“

Brief an Hanna Blumenthal vom 23.11.1922 aus Rehbrücke, in: Band 18, S. 262.


   „Unsere Sache ist nur zum kleinsten Teil Sache des Geldes. Viel wichtiger als das Geld ist für uns Zeit. Wenn wir wieder ruhigere Zeiten hätten wie etwa vor dem Kriege, so würde es mir nichts ausmachen, wenn die Freiwirtschaft erst in 50 oder 100 Jahren zur Verwirklichung käme. Hauptsache ist, dass diese Lehre vor dem Untergang geschützt wird und dass sie, wenn auch langsam, dann aber umso sicherer, sich Bahn bricht.“

Brief an Carlos und Martha Gesell vom 8.2.1923 aus Rehbrücke bei Potsdam, in: Band 18, S. 265.


   „Will der Freiwirtschaftsbund in die Rettungsaktion eingreifen, so muss das bald geschehen. Dann kann er sich aber nur auf die links gerichteten radikalen Kräfte stützen. Die nationalistische Einheitsfront ist der Untergang Deutschlands.“

Brief an Wilhelm Beckmann (Gewerkschaftsbund der Angestellten)
vom 27.2.1923 aus Rehbrücke, in: Band 18, S. 266 – 267.


   „Wer keinen anderen Bundesgenossen hat als die Logik der Dinge, die er vertritt, der braucht dann wenigstens Zeit und Geduld. Es könnte anders sein, wenn in dieser Angelegenheit nicht eben alle versagten, die beim Volk etwas gelten, die Parteimänner, die Geistlichen, die Wissenschaftler, die Arbeiterführer, die Presse. Aber in dieser ganzen Gesellschaft ist nicht einer zu finden, der sich mit der Währungsfrage befasst hätte. Und so herrscht auf diesem wichtigsten Gebiete, genau wie bei den Hottentotten, die schwärzeste Finsternis.“

Der Goldwahn triumphiert (1923), in: Band 14, S. 351.

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