|
„Wir schätzen Henry George’s Arbeiten hoch, sehr hoch ein. Die Pietät hindert uns daran, ihn auf einem Gebiete zu kritisieren, auf dem er offenbar nicht zu Hause war. Dies um so mehr, als die völlige Unhaltbarkeit seiner Zinstheorie so offen zu tage liegt, dass man sich mit ihr nicht zu befassen braucht. Wie wenig George selbst von ‚seiner’ Zinstheorie hielt, erzählte mir Michael Flürscheim. Nicht lange vor George’s Tod hatte Flürscheim lange Gespräche mit George, um ihm zu zeigen, dass seine Kapitaltheorie nicht stichhaltig sei und dass sie sein Werk entwerte. Flürscheim suchte ihm zu beweisen, dass der Zins mit gewissen Mängeln in unserem Geldwesen zusammenhänge und dass mit ihrer Beseitigung auch der Kapitalzins fallen müsse. Hierauf erwiderte Henry George hocherfreut: ‚Um so besser!’ Flürscheim sagte mir wiederholt, dass aus seinen Gesprächen mit George es klar hervorging, wie unsicher er sich auf dem Gebiete des Kapitalzinses fühlte und dass es nur an dem Mangel an fremder Kritik gelegen habe, dass Henry George nicht auch das Zinsproblem umfassend behandelt habe.“
Die argentinischen Bodenreformer und wir (1923), in: Band 14, S. 373.
„Ich verlege bei der Beurteilung der Handlungsweise anderer meinen Standpunkt gerne nach dem Mond und betrachte von dort die Freiwirtschaftler, wie sie alle so emsig sind, so voll guten Willens, der eine bedächtig, der andere vorsichtig, der eine mit Taktik, der andere rücksichtslos vorstürmend, jeder von seinem Standpunkt aus. Und wie dieser Standpunkt durch die äußeren Lebensverhältnisse ständig geformt, umgegossen, neu angestrichen wird. Wenn ich satt bin, umgeben von frohen satten Menschen, oh wie schnell vergeht dann die Zeit, was bedeutet mir da ein Jahrhundert für die Fortentwicklung der Menschheit, wie gewaltig erscheinen mir da die Fortschritte des Freiwirtschaftsbundes in den wenigen Jahren seines Bestehens! Aber wenn ich dann die Zeitung lese, wenn ich von dem Elend erfahre, das durch die Politik der Reichsregierung über die Massen des Volkes gebracht wurde, wenn ich vom Selbstmord alter Leute höre, dann sehe ich rot, dann wackelt mein Standpunkt wie durch ein Erdbeben bewegt.“
Brief an Otto Maaß vom 2.1.1924 aus Rehbrücke, in: Band 18, S. 283.
„In der Volkswirtschaftslehre geht es zu wie in verschiedenen Religionslehren, wie in der Philosophie, wie in der Medizin. Ist man am Ende seines Lateins, so überbrückt man die Schwierigkeit, indem man ein neues Wort ‚prägt’.“
Die Deckung des Geldes durch Rentenpapiere (1924), in: Band 15, S. 42.
„Die Theorien, die in letzter Zeit über das Geldwesen veröffentlicht worden sind (Knapp, Bendixen, Liefmann, Irving Fisher usw.), sind – sofern sie nicht auf der Quantitätstheorie aufgebaut sind – falsch, sonst aber unvollständig und darum als Richtschnur für die Währungspolitik unbrauchbar. Chronologisch hinken sie übrigens auch alle weit hinter der Freigeldtheorie her, so dass darum auch noch das, was etwa richtig an ihnen ist, überflüssig ist.“
Die Schweiz auf der Bahn des Fortschritts (1925), in: Band 15, S. 321.
„Im Übrigen möchte ich bemerken, dass ich mich freuen würde, wenn alles, was ich hier als neu, von mir entdeckt bezeichne, sich als alte bekannte Wahrheiten, als Gemeingut der Wissenschaftler erweisen würde, wenn von allen Seiten bleiche Gerippe auf mich einstürmen würden mit dicken Bänden in den Händen, in denen – wie Veilchen im Gestrüpp – unter tausend eng bedruckten Seiten das Sätzchen zu finden ist, das ich als neu bezeichne. Mich drängt keine Ruhmsucht zu den folgenden Aufzeichnungen. Die Ruhmsucht entsteht aus einem heißen Bedürfnis nach öffentlicher Anerkennung, nach Ehrerweisungen. Aber welche Ehre könnte mir ein Volk erweisen, das ich nicht mehr achten kann, das um die Besitzer der Sachwerte mit Steuern zu schonen die Sparkassengelder unterschlug und unzählige Greise, Witwen und Waisen der Notgroschen beraubte und das jetzt auch noch tatenlos zuschaut, wie unzählige Opfer dieser Schandtat sich das Leben nehmen müssen, weil es sie anwidert, bei denen, die sie betrogen und bestohlen haben, betteln zu gehen? Es muss schon ein Volk anderen Kalibers sein, nach dessen Anerkennung ich mich sehnen könnte.“
Was bietet die Freiwirtschaftslehre eigentlich Neues an volkswirtschaftlichen Erkenntnissen? (1925), in: Band 15, S. 335 – 336.
„Wenn Roth den Vorsitz behalten soll, dann rate ich Ihnen, das Programm auch ganz auf den Rothschen Geist umzustellen. So können Sie dann mit ihm die breite und bequeme politische Straße gehen.“
Brief an Fritz Schwarz vom 28.7.1925 aus Buenos Aires, in: Band 18, S. 309.
„Die Freilandforderung ist in der Schweiz nach allen Richtungen hin so überaus kümmerlich behandelt worden, so dass das Wort in der ‚Freiwirtschaftlichen Zeitung’ kaum zu finden ist. Den Männern des Schweizer Freiwirtschaftsbundes ist Freiland und damit auch die Freiwirtschaft ein Stein des Anstoßes. Sie wollen das im Namen liegende Programm nicht realisieren. … Ich kann den Männern vom SFB nicht Besseres raten, als das Programm rückwärts zu revidieren und alles zu streichen, was sie nicht vertreten wollen. Es bleibt dann sicher noch genug übrig für einen Verein für Währungsreform. … Dann geht jeder seinen Weg und niemand braucht sich über den anderen zu ärgern und sich zu schämen, dass er auch zu jenen gezählt wird. … Wenn Sie dann noch das Programm des früheren schweizerischen Vereins für Steuerreform dazu nehmen, dann haben Sie ein genügend weites Programm, um das Leben eines Durchschnittspolitikers auszufüllen. … Zerstörte Ideale machen einen Menschen wurmstichig und mürbe.“
Brief an Fritz Roth vom 29.7.1925 aus Punta Chica bei Buenos Aires, in: Band 18, S. 310 - 311.
„Der Winter ist hier nicht sehr schlimm. Es schneit nicht und es kommt auch selten zur Bildung einer dünnen Eisschicht, die wieder verschwindet, sobald die Sonne erwacht. Denn vor der Sonne haben die Eiszapfen mächtigen Respekt. Dann öffnen sich auch wieder die Rosen, die Zitronenblüten, die Mispelblüten und eine ganze Reihe anderer Blumen. Und so viele Vögel kommen aus dem kälteren Süden an, um den Winter hier zu verbringen. Winzig kleine Kolibris und mächtige Wasservögel. Einige Flamingos und Schwäne will ich morgen für meinen See kaufen. Die Hütte für die Schwäne habe ich auf einem Floß errichtet. In der Mitte vom See ist eine Insel. Da werden die Hühner, die Enten, die Pfauen und Truthühner untergebracht. Da braucht man sie nicht zu hüten und auch ein Zaun ist überflüssig. Rings um den See habe ich Bäume gepflanzt. Palmen, Eukalyptus, Trauerweiden, Pappeln. Der Eukalyptus wächst besonders schnell. Auf der Insel stehen Orangen- und Mandarinenbäume. Jetzt ist die Zeit, wo die Früchte reif werden. Die Erntezeit dauert fast ein halbes Jahr. Auch für die Trauben dauert sie so lange. Da gibt es auch Kakiäpfel, die sind süß wie Honig, und Feigen und Pfirsiche und alle Früchte, die auch in Deutschland wachsen. Da es hier das ganze Jahr Blüten gibt, so tragen die Bienen ungeheuer viel Honig zusammen, manche Stöcke 100 Kilo im Jahr von 365 Tagen. In Schaltjahren natürlich noch etwas mehr.“
Brief an Hans-Joachim Blumenthal vom ?.12.1925 aus Punta Chica, in: Band 18, S. 314 – 315.
„Jeder misst die Zeit mit der Zahl der Pulsschläge des eigenen Herzens. Um das zu erreichen, was der eine vor seinen Füßen liegen sieht, braucht der andere Jahrhunderte, wenn er Siebenmeilenstiefel anhat. Lassen wir solche Leute in Ruhe und wenden wir uns an solche Menschen, die das, was wir wollen, auch wünschen. Diesen hilft dann der Wunsch auch zum Glauben, mit dem man ja bekanntlich nicht nur Berge versetzt, sondern auch Jahrtausende überspringt.“
Brief an Otto Lautenbach vom 15.5.1926 aus Rehbrücke, in: Band 18, S. 321.
„Wer in unruhiger Zeit fest auf seinen Sinn beharrt, der bildet die Welt sich. Bisher, seit 30 Jahren, sind wir den Proletariern nachgelaufen wie eine Mutter dem verlorenen Sohn, mit dem einzigen Erfolg, dass wir verhöhnt und ausgelacht wurden. Doch wer zuletzt lacht, der lacht am besten.“
Die allgemeine Enteignung im Lichte physiokratischer Ziele (1926), in: Band 16, S. 30.
„Der Vorschlag der Aufteilung ist eine Konzession auf Kosten unseres Programms, die wir zu dem Zwecke machen sollen, den schon so lange vergeblich gesuchten Anschluss an die proletarischen Massen zu erreichen. … Wir werden immer nur einzelne Kommunisten gewinnen, die dann aus der kommunistischen Partei austreten oder aus ihr abgestoßen werden. Seit 20 Jahren haben Blumenthal und ich diese Frage ventiliert. Regelmäßig kamen wir zum Schluss, dass wir von links her an die Massen herantreten müssen, dass aber links keine Massen sind. Von einigen Anarchisten abgesehen, die unseren Kohl nicht fett machen, gähnt links vom Sozialbürokraten eine große Leere. Wer von links kommt, stößt sofort auf die chinesische Mauer der Kommunisten und Sozialdemokraten, die ihr Gebiet luftdicht vor Eindringlingen mit größter Sorgfalt abschließen. Dass diese Mauer irgendwo einen schwachen Punkt haben muss, ist bei der Unvollkommenheit aller menschlichen Dinge sicher genug. Aber wir haben diesen schwachen Punkt bisher nicht finden können. Ein einzelnes Werk, eine Stadt im weiten Land, wo die Arbeiter aus irgendeinem Grund mit der Parteileitung unzufrieden waren und wo man uns dann aus Lust an der Opposition hätte reden lassen. Bei der Wachsamkeit der Bonzen, die um ihre Stellung zittern, ist solche Hoffnung vielleicht auch noch utopisch, bis der Zufall einmal den Bonzen den Schabernack spielt. Als vor einiger Zeit von einer beginnenden Auflösung der Gewerkschaften die Rede war, glaubten wir Morgenluft zu wittern. Aber mit der Beseitigung der Inflation konsolidierten sich die Gewerkschaften wieder und bei dem großen Hass, den die Arbeiter allen denen entgegen tragen, die die Gewerkschaften und die Geschlossenheit der Parteien angreifen, sind die Aussichten hier nicht besser als am ersten Tag. Der Arbeiter kann auf den ersten Blick selbstverständlich nicht sehen, dass wir die jetzigen Arbeiterparteien zu dem Zwecke angreifen, um aus ihren Trümmern den Stoff für die Einheitsfront zu schaffen. Der erste Blick zeigt ihm uns als die Angreifer seiner Partei, also als Spaltpilz, und das genügt. Wenn nun aber unsere Werbetätigkeit in Arbeiterkreisen so absolut versagt, wenn die einzelnen Arbeiter, die wir gewinnen, in ihren Kreisen nicht werben können, ohne sich den größten Gefahren auszusetzen und somit als Aktivposten unserer Werbearbeit kaum mitrechnen, so fragt man erneut: Was können wir überhaupt tun? Die Antwort: Wenden wir uns an die Unorganisierten, an die sog. freien Berufe, wo wir von Anfang an immer leicht Verständnis gefunden haben, müssen wir ablehnen, denn auf diese Weise verbarrikadieren wir uns endgültig den Weg zum Proletariat. Und ohne die entschlossene Mithilfe des Proletariats können wir unsere Ziele ja doch nicht politisch erreichen. Wozu dann eine Organisation schaffen, die doch niemals die Macht an sich reißen wird? Freilich, wir brauchen die Mitarbeit der Leute aus den freien Berufen. Hier finden wir die Personen, die vermöge ihrer allgemeinen Vorbildung schneller begreifen und die auch unsere Sache in der Öffentlichkeit fachlich zu vertreten wissen. Ohne solche Leute können wir selbstverständlich auch nichts anfangen. Aber – so war wenigstens die Meinung, mit der ich mit Blumenthal immer einig ging – diese Leute aus den freien Berufen, die Lehrer, die Ingenieure und Chemiker, die kaufmännischen Weltreisenden mit ihrer bürgerlichen Kleidung, mit ihrem bürgerlichen Portemonnaie, mit ihren bürgerlichen Beziehungen und mit ihrer antirevolutionären Gesinnung – die dürfen nicht den Grundstock unserer Bewegung bilden. Es muss sich im sozialen Aufbau des Fysiokratischen Kampfbundes genau umgekehrt verhalten. Proletarisch in sozialer Beziehung muss der Grundstock des FKB werden und diesem Grundstock sollen sich die Elemente aus den anderen Schichten anschließen, aber numerisch immer so, dass der Proletarier niemals das Empfinden verliert, im FKB wirklich zu Hause zu sein. Ich habe diese Dinge so oft in aller Stille überlegt und bin von der Richtigkeit dieser Betrachtung so überzeugt, dass ich für die FKB-Organisation nichts als Streit und Zank erwarte und ewige Ohnmacht, wenn dieser Vorbedingung sozialer Struktur des FKB nicht genüge getan wird. Darum bin ich auch dafür, dass wir die Werbung außerhalb des Proletariats einstellen, bis wir im Proletariat ernsthaft Fuß gefasst haben. Auf letzteres Ziel müssen wir also noch mehr als es geschehen unsere ganze Aufmerksamkeit lenken. Wie das mit besserem Erfolg geschehen könnte, darüber bin ich völlig im Unklaren.“
Die allgemeine Enteignung im Lichte physiokratischer Ziele (1926), in: Band 16, S. 65 – 66.
„Diese Zusammenhänge und die daraus sich ergebenden unheilschwangeren Folgen wurden der Reichsbank ausführlich im Jahre 1909 von Ernst Frankfurth und mir in einer besonderen Schrift ‚Aktive Währungspolitik’ auseinander gesetzt. Es war aber auf der Reichsbank kein Mensch, der etwas von diesen Zusammenhängen begriff. Und auch als Koch abgesetzt wurde und Havenstein an seine Stelle trat, hat man nicht gemerkt, dass ein anderer Wind sich auf der Reichsbank aufgemacht hätte.“
Die Reichsbank unter Koch – Havenstein – Schacht (1926), in: Band 16, S. 134 – 135.
„Der in die Welt geschleuderte Stoff muss den Gärungsprozess durchmachen, um genügend Träger und Interessenten dieser Ideen zusammenzubringen. Heute muss man sich noch an den Funken erfreuen, die die Innenreibungen sprühen lassen. Doch auch hier kommt bald genug die Zeit, wo solche Arbeit mit mehr als mit der Freude am Streit bezahlt werden wird. Ich werde es nicht erleben, aber andere.“
Brief an Johannes Buchholz vom 2.2.1927, in: Band 18, S. 329.
„Die Beamten gehorchen der Majorität und gestatten sich den Luxus einer eigenen Meinung nicht. Die Agrarier erwarten ihr Heil wie immer von einer Inflation. Der fundierte Besitz will Deflation. Die Börsenkreise und damit die gesamte Presse wollen Fluktuation. Ach, wie klein und ohnmächtig sind die, die eine wirkliche Stabilität erstreben. … Jedoch man darf sich durch derartige Betrachtungen nicht einschüchtern lassen. Das Ziel ist so groß, dass es noch locken kann, wenn es noch so fern ist.“
Brief an Albrecht von Hoffmann vom 14.10.1927 aus Eden, in: Band 18, S. 338.
„Zum Glück für unsere Sache treiben die Notwendigkeiten des Lebens und des Tages die Menschheit von selbst in unsere Richtung. Es könnte freilich etwas schneller gehen, aber was bedeuten schließlich noch einige Jahrzehnte mehr für die Überwindung einer Krankheit, die die Menschheit nunmehr schon 6000 Jahre plagt? Aber solche optimistische Hoffnung soll mich nicht abhalten, nach besten Kräften die ‚Entwicklung’ zu schüren, denn es kann auch anders kommen. Es kann auch alles wieder in die Barbarei zurückfallen - wie schon so oft.“
Brief an ? Cordes (undatiert 1927), in: Band 18, S. 339 – 340.
„Ich glaube, es ist an der Zeit, dass wir uns auf dem Gebiet der sozialen Frage neu zu orientieren suchen, denn so wie die sozialen Probleme bis heute hier im Parlament behandelt wurden, geht es einfach nicht weiter. Wir machen uns und den Parlamentarismus in der ganzen Welt lächerlich, wenn wir uns weiter sträuben, diese Probleme wissenschaftlich zu behandeln. Die parteipolitische Behandlung der sozialen Probleme führt – das sehen wir alle Tage klarer – einfach ins Chaos. Nur die Wissenschaft kann uns retten. … Auf allen Gebieten haben die Technik und die Wissenschaft Fortschritte gemacht. In allen sozialen Fragen stehen wir aber wie die Ochsen vor dem Berge. Und ich bin überzeugt, dass, wenn wir uns nicht wissenschaftliche Arbeitsmethoden aneignen, wir sehr bald wieder bei den Bismarckschen Methoden, bei Sozialistengesetzen, Kulturkämpfen, Ausweisungen, kurz bei der Bismarckschen Brutalität anlangen werden.“
Der abgebaute Staat (1927), in: Band 16, S. 279 – 280.
„In der Nationalversammlung zu Weimar, wo unsere Verfassung ausgearbeitet wurde, kann kein einziger Vertreter gegenwärtig gewesen sein, der etwas von den volkswirtschaftlichen Grundlehren verstand, denn man höre und staune: Es wurde in Weimar vergessen, den Angelpunkt der Volkswirtschaft, das Fundament des Staates, d.h. die Währung in die Verfassung einzubauen. Und es wurde vergessen, obschon eine sehr eingehende Eingabe mit Denkschrift über die Währungsfrage vom Freiland-Freigeld-Bund eingereicht und an alle Abgeordneten verteilt worden war. Was es bedeutet, wenn ein großes Handels- und Industrievolk von Analphabeten vertreten wird, das haben wir ja dann bald darauf erfahren. Die Papiergeldwirtschaft, die die Witwen und Waisen bestohlen, die die Sparkassengelder, die Notgroschen der kleinen Leute zu Gunsten der Sachwertbesitzer geplündert hat, die Mein und Dein durcheinander geworfen, die Schwindler zu Krösussen, die ehrbaren Kaufleute und Handwerker zu Bettlern gemacht hat, die wäre niemals möglich gewesen, wenn hier im Parlament auch nur ein einziger gewusst hätte, was sie da guthießen. Und ich empfinde es jedes Mal wie einen Keulenschlag, wenn unser schmähliches Verhalten in dieser Sache mit den Worten entschuldigt wird: Herr, vergib ihnen, denn sie wussten nicht, was sie taten. Wir müssen eben wissen, was wir tun. Und wer es nicht weiß, der hat hier nichts zu suchen. Das Verbrechen, das wir mit der Papiergeldwirtschaft geduldet und damit persönlich begangen haben, das schwerste Verbrechen, das je begangen worden ist, fordert Sühne. … Wir sind am Ende unseres Lateins. Die Sozialdemokraten haben versagt. Die Kommunisten in Russland versagen. Die Kapitalisten sind unfähig, das Brot für die Volksmassen sicher zu stellen. Die Krise, die nun schon seit Monaten anhält und Hunderttausende von Arbeitern aufs Pflaster geworfen hat und im Reichshaushalt ein Milliardendefizit erwarten lässt, für das es keine andere Deckung mehr geben kann als neue Steuern, zwingt uns, neue Wege zu gehen.“
Der abgebaute Staat (1927), in: Band 16, S. 280 – 282.
„Damaschke ist von seinen besten, d.h. ehrlichsten Freunden immer wieder auf die Bedeutung, die das Zinsproblem für die mit der Bodenreform (angeblich wenigstens) erstrebten Ziele hat, aufmerksam gemacht worden. Wir erinnern hier an den von Damaschke unbeantwortet gelassenen offenen Brief Christens, an die Werke Flürscheims, der eigentlichen Begründers des Bundes der Bodenreformer, an die Bemühungen Polenskes. Damaschke wich der Auseinandersetzung mit seinen Freunden aus.“
Damaschke ironisiert sich selbst (1927), in: Band 17, S. 84.
„Alles, restlos alles, was ich sage, wird in weniger als 20 Jahren zu den Dingen gerechnet werden, die jeder klare Kopf als platte Selbstverständlichkeiten bezeichnen wird, so dass ich - ähnlich wie Newton und Galilei - zu den Leuten gerechnet werde, die nur banale, auf der Hand liegende Selbstverständlichkeiten zu sagen wussten.“
Brief am Johannes Lang vom 27.3.1928, in: Band 18, S. 353.
„Das, was ich will, ist nicht Sache eines Menschen. Ich konnte die Richtung angeben, das Übrige tun andere. Und es geht gut vorwärts, und zwar nicht im Sinne einer Organisation, von der ich selbst nie übertrieben viel erwartet habe, sondern auf der ganzen Breite einer Front von 1500 Millionen Menschen. Überall sieht man Fortschritte. Und was bedeuten schließlich die Jahre eines Menschenlebens in einem Kampfe gegen eine Pest, die seit über 6000 Jahren die Menschheit plagt?“
Brief an Prof. Dr. Heinrich Rissom vom 28.3.1928, in: Band 18, S. 354.
„Die ganze englisch sprechende Welt ist meines Erachtens am besten für die ‚Natural Economic Order’ vorbereitet.“
Brief an Ludwig Vogt vom 18.7.1928 aus Eden, in: Band 18, S. 367.
„So möchte ich Sie also bitten, die Sache mit den Vanguard Verlag als gescheitert zu betrachten und als solche zu behandeln, indem Sie den Subskribenten das gezeichnete Geld zurückerstatten und mir das Manuskript zurückschicken. Die Mittel für den Druck werde ich bald persönlich aufbringen.“
Brief an Hugo Fack vom 23.8.1928 aus Eden, in: Band 18, S. 374.
„Eine bedeutende Stärkung der ganzen Bewegung erwarte ich von der nun bald erscheinenden englischen Übersetzung der NWO. Die Freiwirtschaft entspricht mehr dem amerikanischen Ideal. Wir werden dort wie in England nicht mit der sozialdemokratischen Pest zu kämpfen haben, da der Marxismus in jenen Ländern kaum Fuß gefasst hat. … Deutschland war und ist wirklich für unsere Bestrebungen der schwierigste Boden, den es auf Erden gibt - wenigstens so weit es die Leute angeht, denen die Freiwirtschaft in erster Linie Hilfe bringen sollte, das Proletariat.“
Brief an Pavel Stanisic vom 5.4.1929, in: Band 18, S. 387.
„Die Herausgabe einer ‚Gesammelte Werke’-Ausgabe erschien mir bedenklich. Das, was ich schreibe, sind Banalitäten wie alle Wahrheiten. Sobald sie begriffen worden sind, kümmert sich kein Mensch noch um die Herkunft derselben. Sie gehen wie die Erfindung des Hosenknopfes in das Inventar menschlichen Besitzes über. Das kann mit den Grundgedanken der Freiwirtschaft jeden Tag geschehen. Wer würde heute noch seine Zeit verlieren, die gesammelten Werke eines Theologen oder Mediziners aus dem vorigen Jahrhundert zu lesen? Solange die Freiwirte kämpfen müssen um die Anerkennung ihrer Lehren, kauft außer den Freiwirten selbst kein Mensch ihre Schriften. Und sobald sie nicht mehr zu kämpfen brauchen, geht das öffentliche Interesse daran auch schon verloren. So oder so ist es ein faules Unternehmen.“
Brief an Dr. Paul Diehl vom 2.12.1928 aus Eden, in: Band 18, S. 377.
„Liebe Freunde, liebe Zeitgenossen, die Kiste, die vor uns liegt, birgt die irdischen Reste unseres lieben Freundes Georg Blumenthal. Es sind nur die irdischen Reste. Wir werden sie nun in dieses Loch bergen zur Wiedervereinigung mit der Mutter Erde. Aber wie der Geist Gottes einst über den Nebeln und Wassern schwebte, so schwebt auch neben dieser Kiste etwas, was mehr ist als bloßer irdischer Staub. … Ich persönlich stand seit fast einem Vierteljahrhundert mit Blumenthal in enger Verbindung. Wir arbeiteten und kämpften zusammen. Wir ernteten kleine Erfolge und große Misserfolge. Zuweilen, wenn die Misserfolge in allzu krassem Widerspruch standen mit unseren Hoffnungen, blinkten verstohlene Tränen in seinen Augenwinkeln. Aber die Hoffnung gaben wir keinen Augenblick auf. … Blumenthal nannte sich mit Überzeugung Individualist und Egoist. … Sich selbst treu bleiben zu können, das ist das Glück des individualistischen Egoisten. Sich völlig ausleben können, sich Seiner Sache völlig hingeben können, sich auch für seine Sache wie Giordano Bruno verbrennen, für seine Sache wie Christus kreuzigen zu lassen, das ist des Lebens höchster Genuss. Das gehört zu den Gütern, zu den Lebensfreuden, die der Egoist allein sich vorzustellen vermag. In diesem Sinne wird auch nur allein der Egoist für die Neugestaltung unserer Gesellschaftsordnung zu haben sein, denn er allein vermag den Satz uneingeschränkt als richtig anzuerkennen, dass er sich nur glücklich fühlen kann in einer Welt, die allen die Möglichkeit bietet, glücklich zu sein.“
Am Grabe Georg Blumenthals (2.7.1929), in: Band 17, S. 147 – 150.
„Kaum 56 Jahre war Blumenthal alt, als er vor einigen Tagen begraben wurde. … Ich lernte ihn vor 25 Jahren kennen. Damaschkes Zeitschrift hatte die Bekanntschaft vermittelt. Und seitdem blieben wir in regem brieflichen Verkehr. Wir betrachteten beide die Welt vom Standpunkt der Stirnerschen Philosophie. … Wir waren dann bald so weit einig, dass wir an die Herausgabe der Zeitschrift ‚Der Physiokrat’ denken konnten. Die erste Nummer erschien im Mai 1912. Wir hatten ein wohlüberlegtes Programm. Wir kannten die Widerstände, die zu überwinden waren, und waren durchaus nicht enttäuscht, als wir nach zweijähriger Arbeit über 200 Abonnenten zählen konnten. Und nicht nur Abonnenten, auch Mitarbeiter waren herangewachsen auf mehreren Gebieten unseres fast allumfassenden Programms. Wir hatten Grund zu froher Hoffnung. Dann kam der Krieg. Die Mitarbeiter wanderten zum Teil in die Massengräber. Die Abonnenten zerstreute die Zensur. Schließlich wurde auch Blumenthal noch militärisch eingezogen. Nach Schluss des Krieges versuchte Blumenthal vergebens, den ‚Physiokraten’ wieder lebendig zu machen. Der Sieg der Sozialdemokraten in Deutschland und der Kommunisten in Russland hatte das Interesse der Massen völlig mit Beschlag belegt. Und die wirtschaftliche Lage gestattete den Abonnenten, die bis dahin den ‚Physiokraten’ durch freiwillige Beiträge unterstützt hatten, nicht, das wirtschaftliche Defizit des Unternehmens zu decken. Dann zwang die Not des Lebens Blumenthal, die Feder gegen die Elle zu tauschen, die dann bis zu seinem Tode seinem Leben die Richtlinien gab. Die Tätigkeit des Kaufmanns lässt sich nicht mit intensiver geistiger Arbeit vereinigen. Blumenthal wurde stiller und stiller. … In zahllosen Versammlungen, die er einberief und leitete, versuchte er die physiokratischen Erkenntnisse ins Volk zu tragen. Er ist unter den Propagandisten der Physiokratie der einzige gewesen und geblieben, dem es gelang, einen Kontakt mit dem Proletariat herzustellen. … Auch Blumenthal hat niemals Proletarier um sich her versammelt. … Allen, die ihn gekannt haben, wird sein Tod Schmerz bereiten.“
Georg Blumenthal (1929), in: Band 17, S. 194 – 195.
„Die Zeit kommt, d.h. für mich ist sie schon da, wo das Abbauen das Vernünftigste ist, was man tun kann. Und dieser Abbau bedeutet für mich sehr, sehr viel Arbeit. Ich muss früher als andere damit anfangen, wenn ich nicht mitten in der Arbeit überrascht werden will.“
Brief an Jakob Eckert vom 12.7.1929, in: Band 18, S. 394.
„Genau wie man sich bis dahin nicht mit der Währungsfrage befassen wollte – was uns schließlich die Inflation brachte - , so unterlässt man es, das Zinsproblem zu durchdenken. Und weil man die Zusammenhänge nicht durchschaut, wird man, wenn der Fall eintritt, zur Bekämpfung der Erscheinung – wie damals, als man die Inflation durch eine Deflation wieder ‚gut machen’ wollte – Maßnahmen ergreifen, die das Gegenteil des Erstrebten herbeiführen müssen. Und Tausende und Abertausende von strebsamen, klugen, fleißigen Unternehmern und Kaufleuten werden von solcher Entwicklung überrascht und zertreten werden.“
Der Zinsfuß in Deutschland und in der Welt (1929), in: Band 17, S. 241.
„Ihr werdet mir tausend Fragen stellen und nachdem ich sie alle zu eurer Zufriedenheit beantwortet habe, werdet ihr von vorne anfangen. Denn ihr sucht einen Ausweg, den es nicht gibt. Alles, was ich euch sage, dringt nicht ein. Persönliche, mit der Natur der Dinge unvereinbare Wünsche drängen euch immer und immer wieder vom geraden Weg der Erkenntnis ab. Ein unkritisch orientierter Selbsterhaltungstrieb sperrt bei euch den Weg zur Selbstbeantwortung eurer Fragen. Denkt an den Jüngling, zu dem Jesus sprach: Willst du mir folgen, so verteile deine Güter unter den Armen. Da drehte sich der Jüngling um und weinte, denn er hatte viele Güter. Ja, natürlich! Wer möchte nicht die köstlichen Güter des Bürgerfriedens und des Völkerfriedens genießen und dabei von den Zinsen seiner Kapitalien leben! Wer aber erkannt hat, dass solcher Wunsch eine Phantasterei ist, an dessen Erfüllung nur ganz naive Menschen glauben können, da Zinsen und Krieg Zwillingsgeschwister sind, und wer nun vor der Alternative steht: entweder Zinsen und Krieg oder lohnende Arbeit und Frieden, der wird, wenn er wirklich christlich-friedlichen Sinnes ist, für das letztere sich entscheiden. Er ist dann auch innerlich für diese neue Volkswirtschaftslehre vorbereitet und wird selbst die Lösungen für alle sich ihm etwa in den Weg stellenden Fragen finden. Für diese Menschen ist dieses Buch geschrieben.“
Nachwort zur 1. englischen und zur 8. deutschen Auflage der Natürlichen Wirtschaftsordnung (1929), in: Band 11, S. 403.
„Allerliebste Boettgersanna, eine große Freude hast Du mir mit Deinem Bild gemacht. Ich finde, es ist die beste Fotografie, die ich nicht nur von Dir, sondern überhaupt gesehen habe. Manchmal gelingt es mir, hinter den Augen des Bildes auch noch die aus der Braunschweiger Zeit hervorleuchten zu lassen. Und dann erlebe ich eine doppelte Freude. Wie stark solch ein Blick sich einprägt! Und dann denke ich an die Zeit, wo Dein Bild auf meinem Schreibtisch in der Calle Tucaman No. 303 stand und ich auf die Ankunft vom Dampfer ‚Ohio’ wartete. Es war eine schöne Zeit und eine solche Zeit erlebt man nur einmal. … Ich selbst bin alle Tage mehr entschlossen, in die Binsen zu gehen. Es ist mir, als ob jede einzelne Binse mit einem elektrischen Funken an der Spitze mich anzöge. Ich bereite meine Sachen so langsam vor. Dann verbrenne ich eine Menge Papiere, damit sich nachher niemand damit herumplagt, und heize den Ofen mit Büchern. Wenn es kälter wäre, würde diese Arbeit schneller vonstatten gehen. In der Vernichtung liegt die göttliche Ordnung.“
Brief an Anna Boettger-Gesell vom 31.12.1929 aus Eden http://www.silvio-gesell.de/html/briefe.html
„Die Wirtschaftsordnung, die Gesellschaftsordnung, der Staat sind – das sieht man jetzt endlich ein – auf dem Geldwesen, auf der Währung aufgebaut. Mit der Währung steht und fällt der Staat, und zwar nicht nur der Staat, wie ihn die herrschende Schicht zu Herrschaftszwecken erreichtet hat, sondern der Staat schlechthin, der Staat der Bürokraten, der Sozialisten, sogar der ‚Staat’ der Anarchisten. Denn mit dem Sturz der Währung hört jedes höhere Gesellschaftsleben einfach auf und wir fallen in die Barbarei zurück. … Für das, was uns bevorsteht, wenn nicht noch etwas Außergewöhnliches, Unerwartetes geschieht, gebraucht man heute vielfach den Ausdruck ‚Zusammenbruch’, worunter sich viele einen plötzlichen kurzen und darum schmerzlosen Vorgang vorstellen, eine Verallgemeinerung des Endes, das viele unserer Altersrentner heute für sich als Lösung des Problems wählen. Aber so beruhigend der Gedanke an einen solchen Zusammenbruch auch ist: Es geht nicht an, wir müssen einen solchen ‚süßen’ Traum zerstören und die, die sich ihm überlassen, mit rauer Stimme wachrufen. Das ist auch das einzige Mittel, um die Kräfte, die das Rettungswerk benötigt, anzuspornen, zu sammeln und zu mehren. Die Hoffnung auf den Zusammenbruch soll einem Schreck vor dem Zusammenbruch Platz machen. Und das wird geschehen, wenn wir den Kopf aus dem Sand ziehen und mit offenen Augen die Entwicklung der Dinge betrachten, wie sie zwangsläufig vor sich gehen wird. Denn was wir von der Zukunft zu erwarten haben, wenn wir weiter wie bisher dem Geschehen tatenlos zuschauen, das ist nicht der Zusammenbruch, wohl aber die Schwindsucht, auch Auszehrung genannt, mit all ihren Schrecken, die, wenn die Vorsehung uns gnädig ist, die galoppierende Form annehmen kann, sonst aber den Todesweg mit einer langen, langen Reihe von Leidensstationen und Martersteinen zu begleiten pflegt. Wenn wir unfähig bleiben, die Aufgabe, die uns gestellt wurde, zu lösen …, so werden die Empörungen und Verzweiflungstaten, die nicht ausbleiben können, immer größere Kreise umfassen und immer größere Opfer verlangen. Die Hungerrevolten werden kein Ende mehr nehmen. Die Regierung von links nach rechts und von rechts nach links pendeln. Und jeder Pendelschlag wird nur die Verwirrung, die Hilf- und Ratlosigkeit vermehren.“
Vorwort zur 7. Auflage der Natürlichen Wirtschaftsordnung (Fragment 1929/30), in: Band 11, S. 401 - 402.
|