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LESEPROBEN 04 | Menschenbild

   „Wo ist der unbändige Freiheitsgeist eines Volkes geblieben, welches sich durch Mai- und Sozialistengesetze knebeln lässt? Welchen Sinn für Freiheit muss ein Volk haben, welches den eigenen Mitbürgern die Freiheit schmälert?“

Die Reformation im Münzwesen als Brücke zum sozialen Staat (1891), in: Band 1, S. 64.


   „Das edelste und gleichzeitig begehrlichste geistige Bedürfnis des Menschen besteht in der Freiheit, in der vollkommenen Unabhängigkeit des Menschen. Wer daher die Magenfrage, die heutige soziale Frage lösen will, der darf nicht vergessen, dass die Lösung nicht auf Kosten der Freiheit, der unbändigen Freiheit und Unabhängigkeit des Menschen stattfinden darf, denn damit fordert er den Kampf zwischen Magen und Geist heraus, einen Kampf, in dem der Geist, das Edelste des Menschen, erliegen muss.“

Nervus rerum (1891), in: Band 1, S. 147.


   „Wer die Persönlichkeit in jedem Menschen achtet, auch im Kind und Hottentott, und nicht verlangt, dass andere ihn als Halbgott anstaunen, der kommt überall trefflich mit allen Menschen aus. Wenn wir keine Grenzen und Zäune hätten, die Farbe, die Sprache und die Gesetze würden niemals zu Kriegen Anlass geben.“

Krieg und Bodenmonopol (1904), in: Band 3, S. 324 – 325.


   „Da man sich der Laster in der Regel vor Fremden mehr schämt als in der Heimat vor Bekannten, so ist anzunehmen, dass der Verkehr mit Fremden die Sitten strenger und reiner machen wird.“

Die Verwirklichung des Rechts auf den vollen Arbeitsertrag (1906), in: Band 4, S. 71.


   „Einer der unbändigsten tiefsten Triebe ist unzweifelhaft der allen höher entwickelten Naturen eigene Sinn für Freiheit, Selbstständigkeit, Persönlichkeit und Selbstverantwortung und als Korrelat dazu der glühende Hass gegen jede Tyrannei, Obrigkeit, Befehl, Gehorsam, Uniform, Kirche, Partei, gegen staatliche Bevormundung jeder Art, namentlich auch gegen alle im voraus gezogenen Richtlinien für die völkische Gestaltung künftiger Geschlechter. Nach welcher Richtung wir uns zu entwickeln haben, das soll uns kein Pergament, keine Gesetzestafel, nicht der Wille und die Laune verstorbener und darum auch verantwortungsloser Menschen vorschreiben.“

Freihandel oder Schutzzoll? (1912), in: Band 7, S. 199.


   „Wir sind nicht die gutartigen, weitherzigen Wesen, für die wir uns gegenseitig halten. Die anderen sind nicht anders als wir selbst. Betrachte sich jeder selbst genau, dann weiß er wie die anderen sind. Sind wir individuell unsoziale Wesen, so sind wir es ganz sicher auch kollektiv.“

Ein abgelehnter kommunistischer Vorschlag (1913), in: Band 7, S. 271.


   „Wir wollen selbstständige, selbstverantwortliche, unabhängige Vollmenschen, keine Menschen, die auf Befehl handeln und auf ‚Beförderung durch die Obrigkeit’ lauern. Das kann gar nicht oft und scharf genug betont werden.“

Zum Meinungsaustausch über Mittel und Wege der Bodenbesitzreform (1914),
in: Band 8, S. 101.


   „Nicht dadurch ehren wir die alten Meister, dass wir ihre Lehren in staubigen Bücherschränken aufbewahren, sondern dass wir sie lebendig erhalten und vervollkommnen. … Dem wahren Wissenschaftler macht es genau den gleichen Spaß, die eigenen Irrlehren zu entschleiern und zu vernichten wie die der anderen. Vor der Wissenschaft hört das ‚ich’ einfach auf. Der wahre Wissenschaftler schaut auch neidlos auf die Leistungen der anderen; er freut sich über jeden Erfolg auch dann, wenn er die Seinigen in den Schatten stellt.“

Die marxistische Kapitaltheorie und der Rückgang der Grundrenten in Frankreich (1914),
in: Band 8, S. 125.


   „Die sozialen, wirtschaftlichen Einrichtungen sind Menschenwerk. Der Mensch entwickelt sie vorwärts oder rückwärts, je nach den Wünschen und nach der Erkenntnis der jeweiligen Machthaber, wie das schon aus den Parteibenennungen Konservativer, Reaktionär, Sozialist, Anarchist usw. hervorgeht. Eine gesetzmäßig und automatisch sich vollziehende Entwicklung, wie man sie in der Natur beobachtet, gibt es hier nicht. Der Glaube an die Entwicklung des kapitalistischen Staates zum sozialen Gebilde ist ein Märchen. Der Mechanismus, der zum Kapitalismus führt, muss zerstört werden. Und diese Zerstörung erfordert eine Tat. Solange diese Tat nicht getan wird, ist alles vertan, was die Arbeitenden aller Stände und Berufe tun werden.“

Proletarische Hoffnungen und Aktionen (unveröffentlichtes Manuskript 1917/1918)
http://www.silvio-gesell.de/html/ms_1917-18_1.html


   „Das höchste Gut ist die Unabhängigkeit, die Freizügigkeit, die Selbstverantwortung. Wer diese Güter auch nur 14 Tage genossen hat, wird vom proletarischen Zukunftsstaat mit seiner allgemeinen Verstaatlichung, Gebundenheit, Bevormundung nichts wissen wollen. Mit diesem Programm kann man bei den oben genannten Arbeiterkategorien nicht krebsen gehen. Sie werden ausnahmslos sagen: Lieber ertrage ich die kapitalistische Ausbeutung, als dass ich mich zum Staatsknecht degradieren lasse. Mit dem proletarischen Zukunftsstaat kann man nur auf den Hund gekommene Menschen vom Ofen locken. Menschen, die sich sagen: Im kommunistischen Staate kann es auch im schlimmsten Fall nicht schlimmer gehen als heute. Leute, die nichts zu verlieren haben, sind nicht die geeigneten Architekten des Zukunftsstaates.
   Sieht man ab von dem Druck, den der Kapitalismus auf alle Arbeiterklassen ausübt (und zwar proportional dem Einkommen!), so ist die Freiheit, die die heutige Wirtschaftsordnung dem Menschen bietet, fast eine ideale. Sobald man seine Steuern bezahlt hat und sich hütet, gegen die Gesetze zu handeln, kümmert sich der Staat nicht mehr um uns. Wir können tun und lassen, was wir wollen – im Umfange unserer Mittel. Kein Mensch fragt danach, wie wir unser Leben gestalten wollen, was wir mit unserem Geld machen, warum wir hierhin, dorthin reisen. Wir wohnen, wo wir wollen, wählen unsere Berufsarbeit, studieren oder verbringen unsere Zeit am Biertisch. Niemandem sind wir Rechenschaft schuldig. Wären wir die Zinsbezüger los, Götter könnten uns beneiden. Es steht jedem frei, sich als Dichter, Künstler, Schriftsteller auszugeben und zu benehmen. Kein Mensch fordert vom Künstler eine staatliche Approbation. Es ist seine Sache, ob er Absatz für seine Werke und Machwerke findet. Findet er keinen Absatz, hungert er, so darf er den Staat dafür nicht verantwortlich machen. Findet der Schriftsteller keinen Verleger, so kann er immer noch auf eigene Kosten seine Werke drucken lassen, wobei ihn seine Freunde unterstützen mögen.“

Proletarische Hoffnungen und Aktionen (unveröffentlichtes Manuskript 1917/1918)
http://www.silvio-gesell.de/html/ms_1917-18_1.html


  „Immer ist die Ordnung, die wir uns geben, eine Tat, und zwar eine bewusste und gewollte Tat. … Dort, wo der Mensch am besten gedeiht, wird auch die Wirtschaftsordnung die natürlichste sein. Ob eine in diesem Sinne sich bewährende Wirtschaftsordnung zugleich die technisch leistungsfähigste ist, ist eine Frage minderer Ordnung. Man kann sich ja heute leicht eine Wirtschaftsordnung vorstellen, die technisch hohe Leistungen aufweist, bei der aber Raubbau am Menschen getrieben wird. Immerhin darf man wohl blindlings annehmen, dass eine Ordnung, in der der Mensch gedeiht, sich auch in Bezug auf Leistungsfähigkeit als die bessere bewähren muss. …
   Wie bei allen Lebewesen, so hängt auch das Gedeihen des Menschen in erster Linie davon ab, dass die Auslese nach Naturgesetzen sich vollzieht. Diese Gesetze aber wollen den Wettstreit. … Der Erfolg des Wettstreits muss ausschließlich von angeborenen Eigenschaften bedingt sein, denn nur so wird die Ursache des Erfolges auf die Nachkommen vererbt und zur allgemeinen Menscheneigenschaft. …
   Der Mensch soll sein nicht scheinen. Er muss immer erhobenen Hauptes durchs Leben gehen können und stets die lautere Wahrheit sagen dürfen, ohne dass ihm daraus Ungemach und Schaden erwachse. Die Wahrhaftigkeit soll kein Vorrecht der Helden bleiben. Die Wirtschaftsordnung muss derart gestaltet sein, dass der wahrhaftige Mensch auch wirtschaftlich vor allen am besten gedeihen kann. Die Abhängigkeiten, die das Gesellschaftsleben mit sich bringt, sollen nur die Sachen, nicht die Menschen betreffen. …
   Der Volkswirtschaftler, der mit dem Eigennutz rechnet und auf ihn baut, rechnet richtig und baut feste Burgen. Die religiösen Forderungen des Christentums dürfen wir darum nicht auf die Wirtschaft übertragen; sie versagen hier und schaffen nur Heuchler.
   Gemeinsinn und Opferfreudigkeit gedeihen dort am besten, wo mit Erfolg gearbeitet wird. Opferfreudigkeit ist eine Nebenerscheinung persönlichen Kraft- und Sicherheitsgefühls, das dort aufkommt, wo der Mensch auf seine Arme bauen kann. Auch sei hier noch bemerkt, dass Eigennutz nicht mit Selbstsucht verwechselt werden darf. Der Kurzsichtige ist selbstsüchtig, der Weitsichtige wird in der Regel bald einsehen, dass im Gedeihen des Ganzen der eigene Nutz am besten verankert ist. …
   Die natürliche Wirtschaftsordnung wird nun durch Freiland und Freigeld von all den hässlichen, störenden und gefährlichen Begleiterscheinungen des Manchestertums befreit werden und alle Vorbedingungen für ein wirklich freies Spiel der Kräfte schaffen; dann soll es sich erweisen, ob solche Ordnung nicht doch noch besser ist als der neumodische Götze, der alles Heil vom Bienenfleiß des Beamten, von seiner Pflichttreue, seiner Unbestechlichkeit und seiner menschenfreundlichen Gesinnung erwartet. … Es geht einfach nicht weiter, so wie es ging. Wir haben zu wählen zwischen der Beseitigung der Baufehler unserer alten Wirtschaftsweise und dem Kommunismus, der Gütergemeinschaft. Ein anderer Ausweg ist nicht da. … Sind die Baufehler in unserer Wirtschaft nun ein Grund, um diese selbst zu verwerfen und dafür ein Neues einzuführen, das diese Freiheiten allen rauben und das ganze Volk in die allgemeine Gebundenheit stürzen soll? Wäre es nicht im Gegenteil vernünftiger, die Baufehler zu beseitigen, die klagende Arbeiterwelt zu erlösen und dadurch allen Menschen, restlos allen, die wunderbare im Grundplan liegende Freiheit zugänglich zu machen? Darin kann doch nicht die Aufgabe liegen, wie wir alle Menschen unglücklich machen sollen, sondern darin, allen Menschen die Quellen der Lebensfreude zugänglich zu machen, die allein durch das freie Spiel der Kräfte der Menschheit erschlossen werden können.“

Die Natürliche Wirtschaftsordnung (1920), in: Band 11, S. XV – XVII, XX und XXII.


   „Die Völker sind im Vergleich zu ihren Bestandteilen immer minderwertig. Der Mensch gewinnt nicht, wo er die Verantwortung für alles Tun und Lassen auf die Masse abwälzt. In der Gemeinschaft handelt der Mensch schäbiger als einzeln.“

Die Natürliche Wirtschaftsordnung (1920), in: Band 11, S. 62.


   „Das Sicherheitsgefühl ist Vorbedingung für klares Denken und gerechtes Urteilen.“
  
Die Natürliche Wirtschaftsordnung (1920), in: Band 11, S. 226.


   „Allgemeiner Wohlstand ist möglich, allgemeiner Reichtum ist ein Unding.“

Das Reichswährungsamt (1920), in: Band 12, S. 81.


   „Die Bauern, Handwerker, Techniker, Ärzte, Kaufleute, Künstler, Schriftsteller, also heute noch in allen Ländern die große und gewichtige, wahre Masse des Volkes, wollen selbstständig bleiben, selbstverantwortlich, keinen verfügenden, befehlenden Behörden in ihrer Berufstätigkeit unterworfen sein. Sie ziehen die persönliche Verantwortung dem Kommunismus unbedingt vor, und das sogar heute, wo diese Schichten vom Kapitalismus ebenso ausgebeutet werden wie das Proletariat.“

Die Diktatur der Not (1922), in: Band 14, S. 66.


   „In der Regel liefen die Mittel der Propheten darauf hinaus, vom Menschen eine ‚Besserung’ seiner Natur zu fordern. Man stellte an ihn sog. ‚moralische’ Forderungen. Damit begann die Herrschaft der Pfuscher. Jeder hielt sich für berufen, dem Menschen Vorschriften zu machen. Der Staat, die Kirche, die Philosophen überschütteten die armen Menschen mit tausend Gesetzen. Du musst, du sollst. Dies ist erlaubt, das ist verboten. So entstand denn der unsichere Tropf, das linkische Wesen, dem man auf 1000 Schritte ansieht, dass er nicht sich selbst, sondern fremden Wesen gehorcht.“

Der Aufstieg des Abendlandes (1923), in: Band 14, S. 205.


   „Des Nachts, draußen im Wald, wo man sich allein weiß, da ist man auch ehrlich. Da schimpft man über sich und andere. Aber wenn wir öffentlich unsere Meinung sagen sollen, da schielen wir nach links und rechts aus Furcht, in die Minorität zu gelangen.“

Die Bewaffnung des Proletariats (1923), in: Band 14, S. 221.


„Zerstörte Ideale machen den Menschen wurmstichig und mürbe.“

Brief an Fritz Roth vom 29.7.1925 aus Punta Chica, in: Band 18, S. 311.
 

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