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„Sehr geehrter Herr, Ihre große Rede und namentlich der in ihr angeschlagene glückliche Ton in der Reparationsfrage ermuntert mich, Ihnen das anliegende Heft ‚Die Freiwirtschaft’ zu übersenden und Ihre Aufmerksamkeit auf die die Reparationsfrage behandelnden ersten beiden Artikel zu lenken. Ich mache Sie besonders auf die Tatsache aufmerksam, dass die einflussreiche große Zeitung ‚L’Eclaireur du soir’ meine Vorschläge als Erfolg versprechend bezeichnet und fördert und dass auch bereits der ‚Temps’ (Paris), von der Redaktion des ‚L’Eclaireur du soir’ angeregt, ähnliche Vorschläge macht. Das Warten auf die Revision des Versailler Diktates hat uns bereits viel mehr geschadet als die weitestgehende Revision uns nutzen könnte, wie auch die in England noch herrschende und in Amerika jetzt überwundene Arbeitslosigkeit beiden Ländern mehr geschadet hat als der Gesamtbetrag der von Deutschland erwarteten Reparationen ausmacht. Der von mir gemachte Vorschlag würde uns ermöglichen, ganz auf alle Revisionen des Vertrages zu verzichten und diesen unter erträglichem Druck nach dem Buchstaben zu erfüllen, wobei die Nebenerscheinung zur Hauptsache wird, nämlich dass die Weltwirtschaft sofort wieder in Vollbetrieb kommen würde. Mit vorzüglicher Hochachtung Silvio Gesell“
Brief an Reichskanzler Dr. Gustav Stresemann vom 30.8.1923 aus Rehbrücke http://www.silvio-gesell.de/html/briefe.html
„Die Monarchie brachte uns den Krieg und überließ der Demokratie die Aufgabe, den Blödsinn zu liquidieren. Es wird sich zeigen, dass die Demokratie, auch in der jetzigen Gestalt einer bürgerlichen Diktatur, der gestellten Aufgabe nicht gewachsen ist. Die äußerste Kraft vollkommener Unabhängigkeit von allen Parteien gehört jetzt dazu, um die Eingriffe in das Privatvermögen durchzuführen, die heute unumgänglich geworden sind. Diese Kraft wird keine bürgerliche Partei jemals aufbringen. Denn es ist nichts mehr noch weniger als Harakiri, was die Lage jetzt von den Sachwertbesitzern fordert. Seit fünf Jahren warten wir auf dieses Harakiri und wir werden darauf ewig warten. Rettung kann in solcher Lage nur das Proletariat bringen. … Somit werden wir aus den jetzigen Währungsverhältnissen nicht herauskommen und die Auflösung des Reiches wird ihren Fortgang nehmen. Was die brutale Gewalt des Schwertes zusammenfegte, das löst die Notenpresse wieder auf.“
Die Zertrümmerung des Deutschen Reiches durch die Demokratie und sein Neu- und Aufbau durch die Freiwirtschaft (1923), in: Band 14, S. 389.
„Das Programm des Freiwirtschaftsbundes … ist das Programm des Zukunftsstaates, wenn unter diesem Ausdruck das verstanden wird, was zu allen Zeiten als Ideal vorgeschwebt hat den besten Vertretern des Christentums, der Anarchie, der Utopie, des Sozialismus, des bürgerlichen Freiheitsdranges. Der Geist Moses, Solons, Laotses, Stirners, Ibsens, Proudhons, des Bauernkrieges lebt in diesem Programm. … Wird es dem Freiwirtschaftsbund gelingen, auf dem Boden seines Programms das Proletariat noch rechtzeitig in einer Einheitsfront zu einer aktionsfähigen Macht zusammenzuschließen? Es ist unsere Hoffnung, die letzte Hoffnung.“
Die Reparation als direkte Aktion des deutschen Proletariats (1923), in: Band 14, S. 398.
„Sehr geehrter Herr, es dürfte für die Führung Ihres Amtes bedeutsam sein, über eine Lösung der Valutafrage rechtzeitig unterrichtet zu werden, die jetzt in Frankreich in Angriff genommen worden ist und worüber die beiliegende Abschrift eines mir zugegangenen Zirkulars Aufschluss gibt. Die Lösung entspricht in allen Einzelheiten dem Vorschlag, den ich selbst der deutschen Regierung vor nunmehr drei Jahren machte, auf den aber bis zur Stunde in keiner Weise reagiert wurde. In den anliegenden Schriften, die ich hiermit der Bibliothek der Reichsbank stiften möchte, werden Sie den Vorschlag von vielen Seiten aus beleuchtet finden. … Die Währungs- und die Valutafrage verlangen eine synchronische Lösung. Von Ihrer Seite könnte der Lösungsprozess dadurch außerordentlich beschleunigt werden, dass Sie Ihren Einfluss benutzten, um die deutsche Presse zu einer allgemeinen Besprechung des im Zirkular gemachten Vorschlages zu veranlassen. Noch besser wäre es, wenn Sie offiziell eine Kommission zur Prüfung des Vorschlages bestellten. Die Vorgänge im Rheinland zeigen, wie viel mit der ungelösten Währungs- und Valutafrage auf dem Spiel steht. Mit vorzüglicher Hochachtung Silvio Gesell“
Brief an den Reichsbankpräsidenten Dr. Hjalmar Schacht vom 30.12.1923 aus Rehbrücke http://www.silvio-gesell.de/html/briefe.html
„Die deutsche Geschichte ist die Geschichte meiner persönlichen Schande. Die deutsche Geschichte ist die Geschichte der Leibeigenschaft für die weitaus größte Mehrzahl der deutschen Bürger. Auch Stresemann, auch der Reichskanzler Marx, ja sogar unser Reichspräsident werden, wenn sie ihre Familiengeschichte durchforsten, sehr bald auf namenlose Wesen stoßen, die irgendwo auf dem Lande ‚geworfen’ wurden und als Haustiere betrachtet wurden. Nicht viel mehr als 100 Jahre sind es her, dass die Landgrafen von Hessen, von Braunschweig und Lüneburg ihre Untertanen als Schlachtvieh an die Engländer verkauften. … Nein, die deutsche Geschichte, die Geschichte der ‚glorreichen’ alte Armee, die Geschichte der Kriege und Schlachten ist nicht meine Geschichte.“
Die Rechtfertigung der französischen Ruhrpolitik durch den Reichskanzler (1924), in: Band 15, S. 165 – 166.
„Wie alle unsere Staatsmänner versteht es Dr. Schacht meisterhaft, eine schöne lange Rede zu halten und keinen seiner Gedanken zu verraten. Auch Schacht zeigt, dass man sich daran gewöhnen muss, die Staatsmänner nurmehr nach dem, was sie nicht sagen, zu beurteilen. … Niemals seit Gründung der Reichsbank, auch in der Kriegszeit und in der Inflationszeit nicht, hat irgendjemand aus dem Kreis, vor dem Dr. Schacht in Leipzig sprach, ein Wort der Kritik über die Reichsbankpolitik gewagt. Ob aus Unwissenheit, ob aus Feigheit, d.h. aus Furcht vor den finanziellen Folgen, einerlei, Tatsache ist, dass die Reichsbank die fürchterliche, wahnsinnige, verbrecherische Papiergeldwirtschaft zehn Jahre lang betreiben konnte, ohne dass aus der Kundschaft der Reichsbank ein einziger Mund zum Protest sich geöffnet hätte. … Sie beteiligten sich alle an der Plünderung der Sparkassen, der Mündelgelder und lohnten Schacht mit brausendem Beifall, als er ihnen das Zeugnis ausstellte, dass sie ein ‚starkes Gefühl hätten für eine allgemeine Gerechtigkeit’. … Schacht hat nichts von einer Sachwertsteuer für die Reparationen und für die Entschädigung der Sparkassengläubiger gesagt. … Mit der Eintreibung der Sachwertsteuer wird die Reparation restlos auf die Sachwerte als hypothekarische Last abgebürdet werden und dann weiß jeder, dass die Finanzen des Reiches in Ordnung sind. … Wie kann uns Schacht die Rückkehr zur Goldwährung empfehlen? Die Goldwährungsanbeter pflegen vom Gold als von einem Maß, einem sog. Wertmaß zu reden. Von diesem ‚Wertmaß’ sagt nun Schacht folgendes: ‚Seit dem Waffenstillstand haben wir nicht weniger als 40 Milliarden gute Goldmark an die Entente geleistet, die sie uns mit 8 Milliarden anrechnet.’ Also der eine misst 40 und der andere 8, und beide bedienen sich des Goldes als ‚Maß’. Und dieses Schwindelmaß empfiehlt uns Schacht. … Schacht ist gefährlich. Er muss fort.“
Fort mit Dr. Schacht! (1924), in: Band 15, S. 193 – 198.
„Uns interessiert die Frage, wie sich der Reichspräsident zur Inflation gestellt hat. Da fast alle Güter hypothekiert oder sonst wie verschuldet waren, so nehmen wir an, dass auch Hindenburgs Gut in Ostpreußen belastet war und dass diese Last durch die Inflation, d.h. durch politische Liebesdienste in Wohlgefallen aufgelöst wurde auf Kosten der Sparkassengelder, der Mündelgelder, des Notschatzes aller kleinen Leute und der arbeitsunfähigen Greise. … Es wäre durchaus möglich, dass … Hindenburg seine persönlichen Hypothekenlasten nicht durch Helfferich und Lips Tulian auf Kosten der proletarischen Spargelder tilgen ließ. Es wäre fast zu schön, wenn es so wäre. … Aber nein, es kann ja gar nicht so sein. Niemals wäre Hindenburg gewählt worden, wenn er solch empfindliches Ehrgefühl gehabt und entsprechend gehandelt hätte, wenn er der Sparkasse in Ostpreußen geschrieben hätte, dass ein Hindenburg selbstverständlich die Hypothek in Geld von derselben Güte zurückerstattet, in der die Schuld seinerzeit kontrahiert wurde. Dann wäre Hindenburg, statt zum Präsidenten ernannt zu werden, von seinen Standesgenossen als Verräter agrarischer Interessen wie Rosa Luxemburg und Liebknecht umgelegt worden. … Das deutsche Verbrechen verlangt Sühne und Gutmachung. … Die Sparkassengelder sollten die letzten, nicht die ersten Mittel sein, die der Staat seinen Interessen opfert. Und so lange die Höhe der Steuern den Grundbesitz, die Industrieaktien, die Gebäude nicht völlig und restlos entwertet, kann der Staatsmann nicht behaupten, dass es nicht möglich sei, auf dem Wege der Steuer und der Konfiskation diese Sparkassengelder wieder zusammenzubringen, die man 22 Millionen Sparkassenbücherbesitzern geraubt, gestohlen, unterschlagen hat. Und man sage auch nicht, dass solche Steuer als Eingriff in die Substanz die Wirtschaft zugrunde richten müsste. Das ist nicht wahr. Es ist gelogen.“
Das deutsche Verbrechen (1925), in: Band 15, S. 343 – 345.
„Das Gedächtnis der Menschen ist kurz, zumal für unangenehme Dinge. Die meisten erinnern sich kaum der eigenen Geschichte. … Es ist aber nötig, dass die Erinnerung an die Gräuel wach erhalten werde, nicht um Rachegefühle lebendig zu erhalten, sondern um die Kräfte zu schaffen, die nötig sein werden, wenn es sich um die Abwehr von kapitalistischen Restaurationsversuchen handeln wird. Denn dass solche Versuche immer und immer wieder wiederholt werden, ist nur allzu menschlich und selbstverständlich. Wir brauchen Denkmäler unserer Schande viel mehr als Denkmäler des Ruhms. Denkmäler der Niederlagen, Denkmäler der Sklaverei und der Leibeigenschaft, Denkmäler der Massengräber, Denkmäler der Landgrafen von Hessen, die die Bauernsöhne nach Amerika als Kanonenfutter zu 100 Dollar das Stück (inkl. Strick) verkauften. Wir brauchen Denkmäler der Hexenprozesse und der Inquisition. Denkmäler Havensteins und Helfferichs, Denkmäler der Inflation, der Sparkassenplünderung, der Goldwährung, des Kapitalzinses, des Alkoholismus. Unsere gesellschaftlichen Zustände sollen der Nachwelt nicht durch Geschichtsfälscher überliefert werden.“
Ein Index für die Handelsprofitrate (1925), in: Band 15, S. 375.
„Man kann mit dem Papiergeld jedem Ziele nachlaufen, sogar dem von Morgan und Konsorten manipulierten Golddollar. Natürlich wird man dabei einer ordentlichen Portion Brutalität und Rücksichtslosigkeit nicht entraten können. Es darf einem dabei nicht darauf ankommen, Tausende, ja Millionen von Proletariern dem Elend der Arbeitslosigkeit auszuliefern und alte, solide geführte Firmen dem Bankrott zuzutreiben. Wer über Leichen vergnügt spazieren kann, der hat alles, was nötig ist, um mittels Deflation und Inflation den Dollar zu stabilisieren. … Kann uns Schacht sagen, wie die Manipulatoren in Amerika in Zukunft den Dollar behandeln werden, der ihm als Richtmaß seiner Währungspolitik gilt? Schacht weiß nicht mehr als unser Nachtwächter. Er läuft dem Dollar nach wie der Mops dem Windhund. …Und auf diesem Börsenpanier, dem von der New Yorker Börse manipulierten Dollar, soll sich nun die Weltwirtschaft reibungslos abspielen? Ob es jenen Herren einfällt, Deflations- oder Inflationspolitik zu betreiben, einerlei, die ganze Welt soll da mitmachen. Mit den Machtmitteln des Notenmonopols hat die Reichsbank die Stricke zu drehen, mit denen Morgan die deutsche Wirtschaft zur Erpressung von Differenzen zu drosseln beabsichtigt. Morgan weiß, was er tut. Die anderen Börsenleute aber, die spekulieren nicht, sondern spielen, spielen wie die Glücksspieler in Monte Carlo. Sie haben auf die Entwicklung der Kurse keinen Einfluss. Ach, wir Armen. Und diese Spitzbüberei nennt Schacht stolz die Stabilisierung der deutschen Währung. Oh, welche lächerliche Rolle lässt Morgan da den deutschen Michel spielen! … Also überlassen wir den Dollarkurs seinem Schicksal. Führen wir die Indexwährung ein und suchen wir die Valutafrage dadurch zu lösen, dass wir auf einer Weltkonferenz die Völker zur Einführung derselben Indexwährung veranlassen.“
Wird Schacht den Dollarkurs halten können? (1926), in: Band 16, S. 68 – 71.
„Damit das Volk aber das Vertrauen zu den deutschen Sparkassen wieder gewinnen kann, muss das große deutsche Verbrechen gesühnt werden: die Plünderung der Sparkassen durch die Inflation. Durch Konfiskation des Privatvermögens aller an der Inflation gesetzgeberisch beteiligten Personen, in erster Linie also der Reichstagsabgeordneten und der Gerichtspersonen, durch Konfiskation des Vermögens der Zeitungsredakteure und der Zeitungsbesitzer, die es unterließen, das Publikum vor der Inflation zu warnen, durch Konfiskation des Vermögens der Fürsten und aller an der Fürstenabfindung beteiligten Personen soll ein Fonds gebildet und durch Zuschuss aus der Vermögensabgabe so weit ergänzt werden, dass die Sparkasssengelder in der vollen ursprünglichen Höhe zuzüglich der Zinsen und Zinseszinsen zurückgezahlt werden können. Ehe solches nicht geschieht, kann das Volk kein Vertrauen zu den Sparkassen, zur Regierung und überhaupt zum Eigentum haben.“
Wie man die Kreditnot bekämpfen soll (1926), in: Band 16, S. 148.
„Legt man die für den Geschichtsunterricht verfertigten Karten des deutschen Reiches übereinander und zieht mit einer Nadel Jahrhundert um Jahrhundert die Grenzen der einzelnen Staaten, dann erhält man ein wüstes Gekritzel. Und für dieses Gekritzel opferten die Fürsten Blut und Gut des Volkes. … Für das deutsche Volk mündet die Tradition immer sehr schnell irgendwo auf dem Schlachtfeld eines Bruderkrieges, wie noch 1866, wo die Preußen, Bayern, Hannoveraner, Österreicher sich zum Spaß der Fürsten gegenseitig mit dem Bajonett bearbeiteten. Nein, dem nach Einigkeit strebenden deutschen Volk sollte Hindenburg keine deutsche Geschichte ins Gedächtnis rufen. … Das deutsche Volk hat keine andere Geschichte als Blut, Modergeruch und Knute. Die Geschichte der deutschen Volksmassen ist die Geschichte der Sklaverei und der Leibeigenschaft. … Statt den Blick des deutschen Volkes nach rückwärts zu brechen, sollte uns Hindenburg einmal zeigen, wie er sich die Zukunft denkt und noch mehr, wie er sie sich wünscht. Darüber hat er noch nie ein Wort gesagt. … Hindenburg als Diener der Könige und Kaiser wünscht sich einen Herrn, und dieser Herr ist nicht das revolutionäre deutsche Volk, das seinen Herrn fortgeschickt hat. Ein treuer Fürstendiener kann unmöglich ein treuer Mitarbeiter am Aufbau der Republik sein. Es zieht an allen Fingern ihn nach der Restauration seines Herrn hin. Darum muss Hindenburg eine Gefahr für die Republik sein, die er gegen die Reaktion und Restauration zu schützen hat und immer noch zu schützen vorgibt. Und nicht nur eine Gefahr für die Republik. Hindenburg und die Restauration der Hohenzollern bedeuten den Galgen für alle, die an der Republik ehrlich und offen mitgearbeitet haben und sie mit allen Mitteln zu schützen suchen. Wenn Hindenburg vor dem Gedanken nicht zurückschreckte, einer Offensive 100.000 Mann zu opfern, so wird er auch nicht davor zurückschrecken, zum Schutze seines Herrn 100.000 Galgen in den deutschen Städten zu errichten. Denn Hindenburg nennt sich ja selbst einen Fürstendiener. Seine Offensiven galten also dem Schutze des Fürsten. Dem Fürsten, nicht dem Volk opferte er die Regimenter. Folglich wird er auch gegebenenfalls bereit sein, dem Fürsten das Volk am Galgen zu opfern.“
Ein Fürstendiener als Präsident der Republik (1926), in: Band 16, 190 – 192.
„Es hat immer Nörgler gegeben, die nicht mit der Reichsbank zufrieden waren. Und die Reichsbank hat sie immer leicht abschütteln können. Sie antwortet übrigens immer auf solche Nörgeleien, um dem Pöbel zu zeigen, dass es demokratisch zugeht in dieser wunderbaren Republik. Wenn aber die Reichsbank sich ernsthaften Kritikern gegenübersieht, die auf Klärung der Geldtheorie hinarbeiten, dann – schweigt die Reichsbank. Sie lässt sich also immer auf Geschwätz, niemals auf theoretische Erörterungen ein. In dieser Sache befolgt sie das Rezept Kochs und Havensteins, die sich niemals an theoretischen Erörterungen beteiligten. Wohin das System führt, hat uns die Inflation gezeigt, die unmöglich gewesen wäre, wenn die Reichsbank die Kritiker mit derselben Aufmerksamkeit behandelt hätte, mit der sie den Nörglern und Schwätzern entgegentritt. … All der hier aufgehäufte Unsinn ist als solcher in unserer Literatur bis zum Überdruss aufgezeigt worden. Unsere Leser mögen daraus ersehen, wie wenig Erfolg wir bisher mit unseren Bemühungen gehabt haben. Wenn wir zu den Hottentotten gesprochen hätten, der Erfolg hätte dort nicht viel geringer sein können. Wenn keine Macht hinter den wirtschaftlichen Theorien steckt, dann können sich die Theoretiker getrost begraben lassen. … Macht ist alles in allem. Was braucht sich der Mächtige noch um die Theorie zu kümmern. Einerlei, was mit seiner Macht Schacht macht, Unsinn oder Narretei, das Volk stellt sich darauf ein und es geht auch so. Es geht anders, schlechter für die große Masse, aber ausgezeichnet für die Schieber, Spitzbuben und Schwindler. Und wenn es denen nur lange genug gut geht, so geht auch mit dem so gewonnenen Geld die öffentliche Macht auf sie über. Dann muss Schacht nach der Melodie seiner eigenen Geschöpfe tanzen. Welche Macht hatte Stinnes durch die Inflation erreicht! Und gehorchte nicht die Notenpresse schließlich der Macht, die sie selbst kreiert hatte. … Wenn aber das nur der einzige Nachteil wäre, den wir von der falschen Auffassung Schachts vom Wesen der Banknote zu erwarten haben! Schacht macht für die Goldwährung Reklame! Und hinter Schacht steht die gewaltige deutsche Industrie. Solche Reklame will also etwas heißen. Seit dem militärischen Zusammenbruch wächst Deutschlands Ansehen in der Welt schnell und man achtet auf alles, was hier gemacht wird. Und wenn Deutschland zur Goldwährung zurückkehrt, so werden andere Staaten versuchen, Deutschlands Beispiel zu folgen. Dann beginnt wieder der alte Kampf um die ‚zu kurze Decke’, der erfahrungsmäßig zu Krisen, Schutzzöllen, zur nationalistischen Wirtschaftspolitik und schließlich zum Krieg führt. … Aber Schacht verspricht mit seiner Goldpolitik und Golddeckung noch mehr. Je größer die Golddeckung, umso niedriger der Zinsfuß, so sagt er. Er will den Zinsfuß in Deutschland senken. Mit Gold will er den Zinsfuß senken! Fort mit Schacht! Er ist und bleibt ein Schwätzer.“
Schacht vor dem Geld- und Kreditausschuss der Wirtschaftsenquete (1926), in: Band 16, S. 216 – 217 und 220.
„In der Erkenntnis, dass die Währungsfrage die weitaus wichtigste öffentliche Angelegenheit darstellt … , forderte die Münchener Räteregierung als erste Tat durch ein Telegramm an die Reichsbank eine sofortige Stilllegung der Notenpresse mit der Drohung, dass im ablehnenden Fall die bayerische Räteregierung in der Ordnung des Geldwesens selbstständig im Sinne einer aktiven Währungspolitik und Stabilisierung des Indexes vorgehen würde. … Wie vieles wäre dem deutschen Volk mit der Durchführung dieses wirklich revolutionären Programms erspart geblieben? Was wäre alles inzwischen ganz automatisch erstanden, was man heute als unerreichbare Utopie betrachtet. Welthandel – Freihandel – Völkerfrieden – Bürgerfrieden – ein in der Brutwärme allgemeinen, ständig wachsenden Wohlstandes, der alle Völker der Welt umspannt, geborener Friedensgeist. Hätte die Räteregierung Zeit gehabt, ihr Währungsprogramm durchzuführen, so musste auch die Reichsregierung – ob widerhaarig oder nicht – dem Beispiel folgen und dann wäre die Stabilisierung statt 1923 bereits 1919 erfolgt und zwar in einer unvergleichlich besseren, theoretisch vertretbaren und für alle Völker der Welt mustergültigen Weise. Nicht nur Deutschland, sondern auch Frankreich, England, Italien, Amerika wären die Leiden der In- und Deflation erspart worden und auch die russische Revolution hätte nicht bei den Kapitalisten der ganzen Welt zu betteln brauchen. Überall wäre der Kapitalmangel in Kapitalüberfluss umgekippt, überall hätte solcher Kapitalüberfluss den Zinsfuß und den Kapitalertrag zu Gunsten des Lohnes gesenkt. Statt auf die Vorschläge der Räteregierung einzugehen, antwortete die Reichsbank hochnäsig: ‚Wir warnen vor Experimenten.’ … Die Reichsbank warnte vor einer Währungspolitik, die nur ein Blinder noch als Experiment bezeichnen konnte, um dann selber ein Experiment zu wiederholen, das bereits 1000mal gemacht worden war und sich immer und überall als Idiotenstreich erwiesen hatte. Im April 1919 kostete der Dollar noch etwa 10 Mark. Auf dieser Höhe wäre nach den Absichten der Räteregierung der Index fixiert worden. Im Jahre 1923 aber, als die Reichsbank erklärte, am Ende ihres Jägerlateins und ihrer Experimente zu sein, da hätte man 60.000 Eisenbahnwagen zu je 10.000 Kilo mit Reichsbanknoten von 100 Mark herbei schaffen müssen, um einen einzigen Dollar zu bezahlen. Und nun sitzt das Volk der Denker, das so herzlich über das Telegramm der Reichsbank gelacht hatte, auf Bergen von entwerteten Papieren und weint über den Verlust eines Kapitals von 18 Milliarden Goldmark an Hypotheken und sonstigen Forderungen. Die Tränen aber, die in den von der Not geschaffenen Furchen den dürren Hals hinab rollen, schaffen keine Linderung des Schmerzes, weil sich diesem nun der Neid zugesellt und die Tränen in ätzendes Gift verwandelt, indem die Betrogenen der Gedanke plagt, dass das, was sie verloren, anderen Menschen zugute gekommen ist, nämlich den verschuldeten Besitzern des Sachkapitals. Und das Glück dieser Mitbürger wurmt sie oft mehr als der eigene Verlust und ist mit ein Grund, warum sie dann hingehen und sich erhängen. Hunderte, Tausende! Wie anders wären die Dinge verlaufen, wenn …“
Das Finanzprogramm der Münchener Räteregierung und die achtjährige Finanzpfuscherei (1927), in: Band 17, S. 74 – 76.
„Der Arbeitslohn muss bei der Verteilung der Reparationslasten ganz aus dem Spiel gelassen werden. Je strenger nach dieser Erkenntnis gehandelt wird, namentlich auch bei der Beratung indirekter Steuern, die von schwachen Regierungen immer bevorzugt werden, umso besser wird es um den Beutel derer bestellt sein, die letzten Endes doch alles bezahlen müssen und bezahlen werden, die Grundrentner und Sachwertbesitzer. … Mit dieser Ausschaltung des Proletariats aus dem Tragkörper der Reparationen ist die Frage, wer oder was die Reparationen schließlich zu bezahlen haben wird, sehr einfach und sicher zu beantworten. Das Kapital muss blechen, und zwar das immobile Kapital.“
Die Reparationslasten im Lichte der Lohntheorie (1929), in: Band 17, S. 158 und 161.
„Für die Erklärung des Kraches bleibt jetzt nur noch die Annahme übrig, dass es sich wieder nur um die Wirkung einer künstlich mit privaten Mitteln geschaffenen allgemeinen Geldklemme handeln kann. Wer hier die handelnden Personen gewesen sind, interessiert uns nicht weiter. Vielleicht war es Morgan jr., vielleicht auch einer seiner Schüler.“
Die Wallstreet im August 1907 und im Oktober 1929 (1929), in: Band 17, S. 212.
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