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LESEPROBEN 03 | Glaube und Kirche

   „Herr, gib all deine Gnade und deinen Segen an meine Eltern und Wohltäter, meine Freunde und meine Feinde. Beschütze alle, die du mir als Lehrer gegeben hast, die geistlichen und die weltlichen. Hilf den Armen, den Gefangenen, den Reisenden, den Kranken und den Sterbenden. Bekehre die Abtrünnigen, erleuchte die Ungläubigen. Gütiger und barmherziger Gott, habe Mitleid mit den Seelen der Gläubigen, die im Fegefeuer leiden; mache ihren Qualen ein Ende. Schenke denen, für die ich bete, Ruhe und ewiges Licht. Amen. (Unser tägliches Abendgebet in St. Vith)“

Brief an Gesells Tochter Johanna vom 18.6.1916 aus Berlin, in: Band 18, S. 112.


   „Ich teile Ihre Ansicht von der Unmöglichkeit einer ewigen Dauer der Höllenpein vollkommen und will Ihnen auch verraten, dass ich niemals, auch als kleines Kind nicht, an die Hölle geglaubt habe. Eine ewige Strafe, also eine Strafe, die nur auferlegt wird, um zu quälen, ist ungöttlich. Und wer den Glauben an solche Strafen verbreitet, begeht, wie Sie ganz folgerichtig bemerken, eine Sünde wider den heiligen Geist.“

Brief an den Theologen Prof. August Rohling (undatiert, ca. 1905), in: Band 18, S. 47.


   „Die Geld- und Bodenreform ist der Altar des allgemeinen Land- und Bürgerfriedens, wo ihr eure Opferfreudigkeit bekennen könnt, wo ihr euch des letzten Restes der ungleichen Güterverteilung entledigen könnt. Dort könnt ihr euer christliches Glaubensbekenntnis rückhaltlos ablegen und mit blankem Gewissen vor das Volk treten und sagen: Ich habe alles geopfert, ich habe nichts verheimlicht, ich habe niemanden betrogen. Ihr habt alles. Jedoch ich sehe, euer heidnischer Sinn wendet sich ab von diesem christlichen Altar. Vor der Bissigkeit der beiden gedachten Reformen hat sich eure Opferfreudigkeit in Opferfurcht verwandelt.“

Welche Opfer verlangt die Vernichtung der Sozialdemokratie? (1904), in: Band 3, S. 252.


   „Die moralischen Grundsätze Moses sind noch heute kaum in Einzelheiten anfechtbar. Seine hygienischen Vorschriften, für ein Nomadenvolk bestimmt, könnten ebenso gut von einem modernen Bakteriologen verfasst sein. Und wenn wir die sozialen Grundsätze Moses befolgt hätten, so stände es entschieden besser um den sozialen Frieden. Die Juden befolgen vielfach noch heute die mosaischen Gesetze über Moral und Hygiene, doch die sozialen Gesetze (das Verbot des Landverkaufs und des Zinsnehmens) sind in Vergessenheit geraten. Und doch sind gerade diese die weitaus wichtigsten der ganzen mosaischen Gesetzgebung. Zins und Grundrente, das arbeitslose Einkommen, teilen das Volk in Klassen und sowie ein Volk in Klassen zerfällt, folgt der innere Verfall auf dem Fuße. … Zu diesem Moses als Ideal vorschwebenden, aber mit seinen Mitteln unerreichbaren Wirtschaftszustand führt uns die Geld- und Bodenreform.“

Kannte Moses das Pulver?, in: Band 5, S. 75 und 77.


   „Wo wären wir heute in wissenschaftlicher, technischer, religiöser Beziehung angelangt, wenn die viel versprechende Kultur, die das Gold, obschon blutbefleckt, geraubt und erpresst, in Rom entstehen ließ, nicht unter einer anderthalbtausendjährigen durch Geldmangel erzeugten ökonomischen Eiszeit erstarrt, vergletschert, vernichtet worden wäre? Sicherlich säßen wir jetzt auf dem Throne Gottes und ließen das All im Kreis an unserem Finger laufen.“

Die neue Lehre vom Geld und Zins (1911), in: Band 6, S. 133.


   „Nicht Hirt und Schafe, sondern Schlächter und Schafe haben wir in den verschiedenen religiösen Verbänden zu suchen. Geld und Christentum! Grundbesitz, Proletariat und christliche Brüderlichkeit! Was spricht man da vom Christentum? Was hat die heutige Gesellschaft von Räubern, Wucherern, Rentnern und Proletariern überhaupt mit dem Christentum gemein? Was hat die Herzverfettung der Schmarotzer, die Blutarmut der Proletarier mit dem Christentum zu tun? Im Namen der Sachlichkeit müssen wir das Christentum vor solchem Urteil in Schutz nehmen.“

Die Auslese durch das Christentum, den Krieg und den physiokratischen Frieden (1913),
in: Band 7, S. 203.


   „Der Glaube an Gott nimmt dem Menschen notwendigerweise den Glauben an sich selbst. Aber von dem Tage an, wo der Mensch sich von allen Göttern verlassen im unendlichen eisigen Weltraum mutterseelenallein weiß ..., wo das Gängelband, an das er sich klammerte, in ein fadenscheiniges Spinngewebe zergeht, da ändert er sein Benehmen, da fühlt er zum ersten Male, dass wirklich etwas an ihm ist, und schwer fühlt er auf sich die Verantwortung lasten. … Was er bis dahin fatalistisch von der Willkür Gottes erwartete, das bemüht er sich jetzt selbst zu tun. Selber will er Hand ans Werk legen. Sich selbst, der ganzen Natur will er die Vorsehung sein. … Denn mit Bewusstsein lenkt er seinen Weg direkt auf das von ihm selbst erwählte Ziel, auf Gottes Thron hin.“

Die Hochzucht des Menschen als Religion der Zukunft (1917), in: Band 10, S. 165 – 166.


   „Mit dem Geld und der Arbeitsteilung kam zugleich der große Friedensstörer, der Zins, auf die Welt. Er trennte die Menschen in Arme und Reiche. So ist der Zins als Spaltpilz in die Menschenfamilie eingepflanzt. … Das Geld schafft selbsttätig die wirtschaftlichen Zustände, die der Begründung des Reiches Gottes auf Erden entgegenstehen. Neben dem Geld kann das Christentum in der Menschenfamilie nicht Fuß fassen. Das Christentum ist recht wohl mit der Arbeitsteilung, mit einem stolzen, freien, wohlhabenden Menschentum vereinbar. Ist aber diese Arbeitsteilung auf Geld gegründet, so muss das Christentum den Platz räumen. … Christentum und Zins sind glatte Widersprüche. Reichtum und Armut sind gleichmäßig verkehrte Zustände, sie gehören nicht in einen geordneten Staat, sie sind mit dem Bürger und Völkerfrieden unvereinbar.“

Die Natürliche Wirtschaftsordnung (1920), in: Band 11, S. 224 - 226.


   „Freiland-Freigeld ist der Weg, um die christlichen Ermahnungen in Übereinstimmung zu bringen mit den Befehlen des Lebens.“

Die Kommunisten (1921), in: Band 13, S. 119.


     „Kant ‚Zum ewigen Frieden’: ‚Nun spricht die moralisch-praktische Vernunft in uns ein unwiderstehliches Veto aus. Es soll kein Krieg sein; weder der, welcher zwischen mir und dir im Naturzustande, noch zwischen uns als Staaten …, denn das ist nicht die Art, wie jedermann sein Recht suchen soll. … Man kann sagen, dass diese allgemeine und fortdauernde Friedensstiftung nicht bloß einen Teil, sondern den ganzen Endzweck der Rechtslehre innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft ausmache.’ …
   Wie wenige Deutsche gibt es, die die obigen Sätze des Philosophen kennen. Wie wenige dagegen sind es, die den entgegenstehenden Satz Moltkes ‚Der ewige Friede ist ein Traum und nicht einmal ein schöner’ nicht kennen? Und bei dieser Frage erinnern wir daran, dass 90 – 95 % und mehr vielleicht des deutschen Volkes durch die Schule der christlichen Kirche gegangen sind. Wer hat den Dienern der Kirche den Befehl gegeben, Kants Bekenntnisse zum ewigen Frieden der Jugend zu unterschlagen? Warum musste das deutsche Volk den gräulichen, unbarmherzigen, barbarischen Krieg mit der entsprechenden Niederlage über sich ergehen lassen, ehe man ihm etwas vom ewigen Frieden erzählen durfte? Waren die Geistlichen wirklich nichts mehr als untergeordnete Organe der Kaserne, die militärische Befehle mit Kadavergehorsam auszuführen hatten, von denen kaum einer zu rebellieren wagte? Dass die 20jährigen Rekruten, Kinder noch dem Charakter nach, sich willig auf den Kasernenhöfen dressieren ließen, das kann man verstehen. Dass die so Dressierten nachher sich durch die Unteroffiziere, Sergeanten und Feldwebel für irgendein Kriegsziel begeistern ließen und völlig urteilslos ins Feld zogen, um so gegen die in gleicher Weise dressierten imaginären ‚Feinde’ zu ziehen, auch das kann man verstehen, wenn man weiß, wie gering die Zahl selbstständig denkender Staatsbürger heute noch ist. … Aber was man nimmer recht verstehen kann, das ist dieses völlige Versagen der Geistlichkeit in der Friedensfrage. … Wie kam es, dass nicht einer unter ihnen den Mut der Rebellion hatte, den Mut die Leute mit dem Kreuz niederzuschlagen, die von ihm solche ungeheuerliche Entwürdigung und Verspottung des Christentums, der Lehre von der Liebe und des Friedens forderten? Staatsknechte, Götzendiener waren es, keine Christen.“

Kant: Zum ewigen Frieden (1924), in: Band 15, S. 31 – 32.


   „Der Kapitalismus hat bisher alle gegen ihn gerichteten Spitzen umgebogen, indem er die Organisationen, die ihn stürzen wollten (auch deren Gedankenwelten) in eigene Regie nahm und für seine Zwecke nutzte. Restlos alles hat er auf diese Weise verdaut – wie z.B. (mit Hilfe der Kirchen) das Christentum, das doch auch einmal eine revolutionäre Bewegung war. Heute kann jeder Kanonengießer und jeder Generalfeldmarschall ein guter Christ sein, kann jeder Geistliche die Waffen segnen!“

Voraussetzungen der Politisierung der Freiwirtschaftsbewegung (1924),
in: Band 15, S. 36.


   „Wir entlasten den Staat von der drolligen Aufgabe, uns durch die Staatskirche selig zu machen.“

Wie wir Deutschland im Völkerbund vertreten würden (1926),
in: Band 16, S. 100.


   „Nur der Mensch, der an die Allmacht der Liebe, der grenzenlosen Liebe zu allen Menschen glaubt, kann sich Christ nennen. Man kann doch nicht das Christentum propagieren und dann, wenn es sich darum handelt, mit vollen Händen zu ernten, was man selber gesät, erschrocken das Christentum als Utopie, als Schwärmerei bezeichnen. Wer an das Christentum wirklich glaubt, der hält es auch für möglich, der muss darum bereit sein, sich blindlings und ohne Furcht jederzeit für die Realisierung des Christentums auf Erden einzusetzen. Der ‚Christ’, der das nicht kann, der glaubt nicht, der ist in Wirklichkeit gar kein Christ. Er ist nichts als ein ganz gewöhnlicher getaufter Philister.“

Der abgebaute Staat (1927), in: Band 16, S. 258.


   „Wir müssen den Sozialdemokraten zeigen, dass das Christentum bei uns nicht nur auf dem Papier steht, sondern auch tief in unseren Herzen, dass das Christentum nicht nur billige Gebete, sondern auch starke Taten auslösen kann. Wir müssen das Paradies des Arbeiters, den Zukunftsstaat, in irgendeiner Form hier auf Erden realisieren. Das irdische Paradies bereitet den Boden für den Glauben an das ewige Paradies. Wenn alle irdischen Bedürfnisse gedeckt sind, dann erst keimt wie ein Veilchen unterm dürren Laub der Glaube an den Frühling, an das Unendliche, an das Schöne, an das Große, an Gott. Solange der Arbeiter im Elend lebt und sein ganzes Sinnen und Trachten nur darauf gerichtet sein darf, die elementaren Bedürfnisse des Lebens zu decken, kann er sein Herz nicht für eine so anspruchsvolle, ich möchte sagen, so feierliche und luxuriöse Lehre, wie es das Christentum ist, in der nötigen würdigen Weise vorbereiten. Statt dem Glauben sein Herz zu öffnen, verschließt er es ihm. Und ohne Glauben gibt es keine Hoffnung, die uns über die trüben Tage des Lebens hinweg hilft, keine Liebe, unendliche Liebe, ohne die wir rettungslos in die Brutalitäten des Militarismus, der Gewalt hineinsegeln. Das Fundament des Staates kann nur die Liebe sein, die aus dem Glauben an Gott erwächst, die unendliche Liebe zum Menschengeschlecht, zum Menschen aller Sprachen, aller Staaten, aller Farben, aller Zonen, die große Liebe, der alle Parteistandpunkte unverständlich sind, die keinen Sinn hat für Macht, Militär, Gewalt, für Zölle, Monopole, Monarchie und Parteistandpunkte. Die aus dem Glauben an Gott erwachsende große Liebe kann allein die Wege ebnen zur Lösung der großen Probleme der Zeit. Der Weltfriede, der sogar in christlichen Kreisen noch vielfach als Utopie erklärt wird, der Freihandel, die große schwarze, drohende soziale Frage usw., es sind alles Fragen, für die Lösungen gefunden werden müssen. Und wo könnten wir noch hoffen, solche Lösungen zu finden, wenn nicht in den Grundsätzen des Christentums. … Aus den Tiefen des christlichen Geistes muss überall geschöpft werden. …
   Das Christentum liefert den geistigen Boden für eine Gesellschaftsordnung, die wie keine stark und lebensfähig sein wird. … Wie war es im August 1914? War es nicht Heuchelei, dass Ihr die Kriegskredite bewilligtet, dass Ihr die Waffen segnetet, dass Ihr die jungen Männer … von einem Tag zum anderen auf die Nachbarn hetztet, sie zum Sturmangriff im Namen Gottes anfeuertet und die Kathedrale von Reims bombardiertet? Wenn das nicht Schwindel und Heuchelei ist, dann weiß ich nicht mehr, weiß von schwarz zu unterscheiden. Entweder – oder. Entweder handeln wir nach unseren Worten oder wir widersprechen ihnen. Letzteres aber nenne ich in grundsätzlichen Fragen Verrat am Christentum, den ärgsten Verrat, den es geben kann. Nichts kann einen Christen besser charakterisieren als sein Verhalten im Kriegsfalle. Hier hätten wir vor aller Welt bezeugen können, dass wir ein christliches Volk sind. Wir haben aber den Beweis erbracht, dass das Christentum nicht den allergeringsten Einfluss auf unser Gebaren hat.“

Der abgebaute Staat (1927), in: Band 16, S. 282 – 287.

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