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Gesammelte Werke | Nachtrag
Manuskript “Proletarische Hoffnungen und Aktionen” - Teil 2

Proletarische Hoffnungen und Aktionen
(unvollständiges und unveröffentlicht gebliebenes Manuskript aus dem Winter 1917/18)

Übersicht - Teil 2:
3  Proletarische Aktionen
3.1  Der Achtstundentag
3.2  Steuerpolitik
3.3  Streikpolitik
3.4  Teuerungsaktionen
3.5  Krisenaktionen
3.6  Mieterstreik
3.7  Postsparkasse
3.8  Versicherungswesen


3     Proletarische Aktionen
3.1  Der Achtstundentag

Betrachten wir uns jetzt die Aussichten des Proletariats vom Standpunkt seiner bisherigen Aktionen. Es wird sich zeigen, dass mit keinem einzigen dieser Kampfmittel dem Kapital jemals auch nur ein Haar gekrümmt wurde, ja, dass die meisten Aktionen sogar den Charakter als Bumerang in ausgeprägtester Form tragen.

   Mit dem Achtstundentag (der übrigens aus hygienischen Gründen durchaus und mit allen Mitteln zu erstreben ist) wird weniger produziert und damit die Zeitspanne von einer Krise zur anderen verlängert. Statt alle fünf Jahre kommt mit dem Achtstundentag die Krise jetzt alle acht oder zehn Jahre. Während man früher 12 Stunden und mehr arbeitete, um sich dann in monatelanger Arbeitslosigkeit zu „erholen“, arbeitet man jetzt kürzere Zeit, dafür aber mit verkürzten Ferien. Die in Abschnitt 1.3 beschriebene Autosabotage braucht der Kapitalist mit dem Achtstundentag seltener in Anwendung zu bringen, um sich gegen eine drohende Kapitalüberproduktion (nicht mit Warenüberproduktion zu verwechseln!) zu sichern. Das ist alles, wenn es auch schon sehr viel für den Arbeiter wie für den Kapitalisten ist. Jeder einsichtige Kapitalist wird im eigenen Interesse für den Achtstundentag eintreten. Wenn man den Sechsstundentag einführte, so brauchte der Kapitalist überhaupt nicht mehr zu streiken und vielleicht könnte der Kurs des Kapitals von 4 auf 8 % steigen. Ihm, dem Kapitalisten, wäre das recht.

   Aber betrachten wir hier einmal den Achtstundentag von einer anderen Seite. Nehmen wir an, es wäre geglückt, die periodischen Krisen zu überwinden, dadurch, dass der Mechanismus der kapitalistischen Autosabotage zerstört worden wäre. (Anm: Wie das geschehen kann, erfährt man aus den Schriften des S.F.u.F.B.) Die etwa im Übermaß erzeugten Waren (Überproduktion von Waren) müssten die Kapitalisten jetzt eigenhändig in eine Überproduktion von Kapital überleiten.

   Wer arbeitslose Bauhandwerker zusammenruft, unverkäufliche Baumaterialien (Warenüberproduktion) kauft, um dann Mietskasernen zu bauen, der verwandelt die Warenüberproduktion in Kapitalüberproduktion, der leitet den Druck von den Preisen ab auf den Zins.

   Dann würde das Kapital zusammen mit der Warenproduktion wachsen. Je mehr die Arbeiter schaffen würden, umso stärker würde das Angebot von Kapital. Und dieses Angebot drückt auf den Zins des Kapitals, wie das Angebot von Waren auf den Preis der Waren drückt. Denn der Kapitalzins wird genau wie der Warenpreis durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Dauert dieser Druck genügend lange an, so verschwindet der Zins vollständig; er geht von 5 auf 4 - 3 - 2 - 1 - 0 % herab. Damit ist aber das eigentliche Ziel aller proletarischen Aktionen erreicht – der Mehrwert, die Ausbeutung ist aus der Welt geschafft. Und mit der Beseitigung der Ausbeutung genügt wieder der Vier-, Fünf- oder Sechsstundentag, um das Kapitalangebot auf gleicher, den Zins vernichtenden Höhe zu halten und dem Arbeiter gleichzeitig doppelten Arbeitsertrag (nicht mit Arbeitsprodukt zu verwechseln) zu verschaffen.

   So lange mit der Autosabotage des Kapitals (Abschnitt 1.3) zu rechnen ist, ist auch die Acht-, ja Sechsstunden-Forderung ganz vernünftig. Scheidet dieser Faktor jedoch einmal aus, so wird umgekehrt die volle Anspannung aller Kräfte, die intensive verständige, freudige Arbeit das gegebene Mittel, um das Kapital zu überwinden und den Sechsstundentag möglich zu machen bei verdoppeltem Arbeitsertrag. Triefend von Schweiß werden wir den sozialen Staat betreten – wenn wir ihn betreten sollen.

3.2   Steuerpolitik                                                                               [Übersicht]

Die proletarische Steuerpolitik (Kampf für die progressive Einkommenssteuer, Kampf wider die indirekten Steuern, Kampf wider die als überflüssig erachteten Staatsausgaben (Rüstungen) leistet als Agitationsmittel (falls der wirtschaftliche Druck als Agitationsmittel nicht ausreicht) vielleicht gute Dienste, aber dem Kapital krümmt der Proletarier auch damit kein Haar. Diese Politik geht von der Voraussetzung aus, dass der Lohn des Arbeiters durch die nationale Steuerpolitik erfasst werden könne, dass also der Arbeitslohn eigentlich keine internationale Größe sei.

   Es stellt sich jedoch bei scharfer Betrachtung der wirtschaftlichen Vorgänge heraus, dass weder der Lohn noch das Kapital überhaupt besteuert werden können, dass Zins und Lohn als internationale Größen alle ihnen auferlegten Steuerbürden restlos abwälzen können. Auf wen? Nur einen gibt’s noch, der sich neben dem Lohn und dem Zins in die Arbeitsprodukte teilt – und das ist die Grundrente. Diese muss also die vom Lohn und Zins abgeschüttelten Steuerbürden tragen. Und sie tut’s auch – und muss es.

   Drückt man in der Schweiz den Kapitalertrag durch Steuern unter das internationale Niveau, so denkt schon kein Kapitalist mehr daran, in der Schweiz ein Mietshaus, eine Fabrik zu bauen. Die schweizerischen Kapitalisten ziehen dann vor, die sich bildenden neuen Kapitalien im Ausland anzulegen. Und dann können die schweizerischen Haus- und Fabrikbesitzer wegen mangelnder Konkurrenz die Mieten erhöhen und die an den Grundbesitzer zu zahlenden Renten herabsetzen, und zwar so weit, bis der „normale“ internationale Zins netto zum Vorschein kommt und der Bau neuer Häuser und Fabriken in der Schweiz wieder einsetzen kann. Bis das geschieht, würden die Haus- und Fabrikbesitzer allerdings die ihnen auferlegten Steuern tragen, aber wiederholen dürfte man das Experiment nicht, weil die Kapitalisten dann nicht auf ihre Rechnung kämen und die Schweiz als Anlageland für Kapital ganz meiden würden. Dann stiege der Zins über das internationale Niveau, um sich dauernd darüber zu halten.

   Und wie der Kapitalist, so macht es der Lohnarbeiter; auch er wälzt von sich ab, so viel ihm durch direkte oder indirekte Steuern aufgebürdet wird. Wie es dem Arbeiter gleichgültig ist, ob er in Weinbergen, fetten Wiesen oder im Moor arbeitet, ob er Diamanten oder Kohlen schaufelt, ob die Fabrik 0 oder 10 % Dividende verteilt, ob der Unternehmer zu Wohlstand gelangt oder Bankrott macht, so muss es ihm auch gleichgültig sein, wie das Land verwaltet wird, ob die Staatseinnahmen ordentlich verausgabt oder verschleudert werden, ob man vom Arbeiter 100 – 1000 oder 5000 Franken Steuer erhebt, ob diese Steuer als Kopfsteuer oder als indirekte Steuer erhoben wird oder gar ob der Staat dem Arbeiter aus der Steuerkasse einen jährlichen baren Beitrag zahlt. Alle diese Dinge kommen ja doch im Lohnvertrag zur Verrechnung. Erhält der Kellner keine Trinkgelder, so muss ihm der Wirt einen Lohn zahlen; dort, wo es aber Sitte ist, hohe Trinkgelder zu zahlen, muss umgekehrt der Kellner dem Wirt eine Lizenz bezahlen. Für den Kellner ist das einerlei. Ebenso für den Wirt. Nur dem Besitzer des Grundstücks, auf dem der Wirt und der Kellner arbeiten, ist es nicht einerlei. Die Grundrente gleicht das alles aus. Sie setzt Lohn und Kapitalzins allzeit auf das internationale Niveau herab oder herauf. Sie wirkt wie ein Staubecken zur Regulierung des Wassers in den Kraftwerken (Anm: Näheres über diese wichtigen Dinge in den Schriften des Schweizerischen Freiland- und Freigeld-Bundes).

   Was haben die Proletarier aller Länder gegen das Militärbudget aus lohnpolitischen Gründen geschimpft! Diese Milliarden, die da wieder für Kanonen gefordert und durch Bier- und Tabaksteuern gedeckt werden sollen – wir Proletarier müssen sie zahlen! So sagte man in Berlin, in Paris, in London. In Wirklichkeit haben die Arbeiter aber nie einen Happen zu den Kosten der Kanonen beigetragen. In Preußen arbeiteten vor dem Krieg über eine Million italienischer, polnischer, amerikanischer, belgischer, holländischer Wanderarbeiter, also Männer, denen die ganze Welt offen stand, von denen Hunderttausende auch oft den Ozean gekreuzt hatten. Und sie fanden, dass sie in Amerika und Holland, wo es keine Soldaten gab, nicht besser leben konnten als im Schatten der kostspieligen preußischen Geschütze! Wie kam das? Wo blieb das Geld, dass die holländischen und amerikanischen Proletarier am Militärbudget sparten? Das Staubecken, die Grundrentner nahmen es auf. Statt Geschützarbeiter hatten die Amerikaner Milliardäre und Lakaien. Was nützt das aber dem Proletarier?

   Es waren also Windmühlenkämpfe, die die Vertreter des Proletariats in den Parlamenten gegen die Steuern führten. Völlig verlorene Zeit. Wie anders wäre es gewesen, wenn die Arbeitervertreter in den Parlamenten gesagt hätten: Besteuert uns, so viel ihr wollt, es ist uns ganz einerlei; wir wälzen alle Steuern restlos mitsamt den Erhebungskosten auf die Grundrenten ab. Das wirtschaftliche Lohngesetz macht alle eure bösen Pläne zu Schanden. Baut Kanonen – ihr werdet sie restlos zahlen. Führt Krieg – ihr traget die Kosten. Der Proletarier kann nicht besteuert werden. Alle Torheiten, die ihr in der Verwaltung des Staates, die nichts anderes ist als Grundbesitzverwaltung, begeht, die Grundrentner müssen sie zahlen.

3.3   Streikpolitik                                                                                   [Übersicht]

Der Lohn ist das Produkt eines Handels, nicht eines Kampfes. Der Schwerpunkt, um den der Lohn im Einzelfall pendelt, ist der Ertrag der Arbeit auf Freiland. Wer den Lohn allgemein heben will, muss seinen Schwerpunkt, den Arbeitsertrag auf Freiland, heben. Alles andere ist vertan. Sobald man durch Streik den Lohn  über den Arbeitsertrag auf Freiland hebt, löst man auch schon den Rammbock aus, der ihn ebenso tief unter dieses Niveau niederschlägt. Drückt umgekehrt der Unternehmer den Lohn unter diese Grenze, so wird er sich bald umsonst nach Arbeitern umsehen und durch Lohnaufbesserung seine Sünden gutzumachen suchen. Namentlich einseitig nationale Streikpolitik ist vergebliche Arbeit. Wenn die Unternehmer unter dem Zwange ihrer Lieferungskontrakte den Lohnforderungen der Arbeiter nachgeben und infolgedessen die herkömmliche Dividende nicht mehr herauswirtschaften können, so entsteht auch ganz sicher durch Autosabotage der Kapitalisten an anderer Stelle Arbeitslosigkeit. So geht der Streik, wenn er Erfolg hat, notwendigerweise auf Kosten anderer Arbeiter. Noch schlimmer ist es, wenn einzelne Gewerkschaften durch besonders straffe Organisation ihre Lohnsätze über das allgemeine Niveau heben. Um diesen gehobenen Lohn zu verteidigen, müssen sie dann die diesem Berufe zuströmenden Arbeitskräfte durch Gewaltmittel fernhalten, wie z.B. durch Beschränkung der Lehrlingszahl. Was soll aber aus dem Nachwuchs werden, wenn solche Gewerkschaftspolitik allgemein befolgt würde? Solche Lohnerhöhungen gehen dann auf Kosten des schwächsten Teiles der Arbeiter, auf Kosten der Lehrlinge (oder auch der Konsumenten) während der Arbeiter doch das Kapital treffen möchte. Sobald man zu solchen Gewaltmitteln greifen muss, gibt man den Grundsatz der Solidarität auf. Nichts wäre aber dem Proletariat verderblicher, als wenn die Lohnpolitik die einzelnen Gewerkschaften in Gegensatz zu einander brächte. So lange das Kapital selber Autosabotage treiben muss, um seinen historisch normalen Kurs von 4 – 5 % zu behaupten, ist es gänzlich überflüssig, dass die Arbeiter sie darin durch Streik und gewerkschaftliche Lohnpolitik auf Kosten der Solidarität der Arbeiter unterstützen. Will man den Lohn allgemein heben, so muss man seinen Schwerpunkt heben, d.h. den Arbeitsertrag auf Freiland. Gewerkschaftliche Lohnpolitik kann dem Kapital niemals etwas anhaben – und ist darum den allgemeinen Arbeiterinteressen schädlich und zu verwerfen.

   Zeigt der Kurs des Kapitals einmal die Neigung über 4 – 5 % hinaus zu steigen, so braucht der Proletarier auch noch nicht zu streiken, um durch erhöhte Lohnforderungen sich dieses Mehr zurückzuholen. Dazu genügt schon die Konkurrenz, die sich die Kapitalisten selber machen. Die Geschichte von mehreren 1000 Jahren zeigt, dass der Zins eine eherne Größe ist, dass er schnell und sicher auf seinen Schwerpunkt zurückfällt, sobald er durch außergewöhnliche Verhältnisse aus dem Gleichgewicht gebracht wird. (s. die Freigeld-Zins-Theorie) Ist es z.B. für die Hausbesitzer und den Mietzins nicht ganz einerlei, ob der Kapitalist oder der Arbeiter streikt? In beiden Fällen stockt die Bautätigkeit, in beiden Fällen geht wegen Wohnungsmangel der Mietzins herauf. Hier sieht man es genau, wie der Streik, einerlei ob er vom Kapitalisten oder vom Arbeiter ausgeht, dem Kapital, in diesem Fall dem Hauskapital zu gute kommt.

   Es gibt Zeiten, wo unter dem Druck irgendeiner Währungspfuscherei alle Preise in die Höhe gehen. Das war z.B. 1890 – 1911 der Fall. Begleitet findet man solche Preissteigerung (Hochkonjunktur) regelmäßig von starker Anspannung aller produktiven Kräfte. Die Arbeiterreservearmee (die sonst den Streikenden in den Rücken zu fallen pflegt) löst sich auf und diejenigen Unternehmer, die Arbeiter brauchen, müssen sie ihren Konkurrenten durch erhöhte Lohnangebote abluxen - was dann die anderen Unternehmer zwingt, ihrerseits die Löhne zu heben. In solchen Fällen ist es in der Regel nicht nötig zu streiken, um die Löhne auf das gehobene Niveau der Warenpreise (und darüber) zu heben. Meistens wird der Unternehmer durch den Wegzug einzelner Arbeiter über die Lage des Arbeitsmarktes unterrichtet. Wenn er klug ist, wird er wissen, was er tun muss, um weitere Arbeiter vom Wegzug abzuhalten und den Streik der verbleibenden zu verhüten. Denn diesen Streik würde er sicher                verlieren. Darum kann man sagen, dass der Streik nur dort Anwendung haben soll, wo der Unternehmer die Zeichen des Arbeitsmarktes nicht richtig deutet. Der Arbeitsmarkt reguliert sonst die Löhne automatisch.

   Je freizügiger die Arbeiter sind, umso empfindlicher wird dieser Automat arbeiten. Eigentlich freizügig sind aber nur die Wanderarbeiter, die ledigen Arbeiter. Darum müssten die Gewerkschaften dafür sorgen, dass in den einzelnen Betrieben stets ein bestimmter Prozentsatz von ledigen Arbeitern (Wanderarbeiter, kinderlose Arbeiter etc.) vorhanden sei. Noch wirksamer wäre es, wenn die Gewerkschaften die Umzugskosten der Arbeiter auf ihre Rechnung nähmen. Aber dem Kapital würde auch hier kein Haar gekrümmt.

3.4   Teuerungsaktionen                                                                       [Übersicht]

Steigende Warenpreise bedeuten für das Proletariat durchaus nicht immer verstärkten Notstand. Im Gegenteil nimmt in Friedenszeiten der Notstand mit der allgemeinen Preissteigerung in der Regel sogar eher ab als zu. Nennt man eine Sache „teuer“, weil man sie mit dem gewohnten Opfer an Arbeit nicht mehr erlangen kann, so bedeutet Teuerung allerdings Notstand, aber wenn der Lohn zusammen mit den Warenpreisen steigt, wie das in den sogen. Hochkonjunkturen der Fall ist, so darf man Preissteigerung nicht mit Teuerung verwechseln. Im Gegenteil hat solche Preissteigerung sogar die vom Proletariat niemals hoch genug einzuschätzende Folge, dass die mit der Hochkonjunktur einsetzende allgemeine Belebung der Industrie die Arbeiterreservearmee oft völlig auflöst. Wenn die Arbeiter mehr als es bisher beobachtet werden kann, das Solidaritätsgefühl pflegten, so würden sie im Interesse der Arbeitslosen gerne die höheren Warenpreise zahlen, gehoben im Bewusstsein, dass die Hochkonjunktur das heute einzig wirksame Mittel ist, den Arbeitslosen zu helfen. Die Erlösung vom Fluch der chronischen Arbeitslosigkeit kann heute nur mit einer allgemeinen Preissteigerung erkauft werden.

   Jetzt, seit Kriegsausbruch, beobachten wir auch eine allgemeine Preistreiberei, die aber weit über die Lohnerhöhungen hinausgeht. Hier handelt es sich um eine Begleiterscheinung des Krieges, um einen Notstand, um Teuerung im wahren Sinne des Wortes. Freilich mussten die Preise nicht notwendigerweise mit den mangelnden Zufuhren steigen. Wenn die Nationalbank kein Papiergeld ausgegeben hätte, als bei Kriegsausbruch alles Metallgeld vom Volk verschatzt wurde, so wären trotz mangelnder Zufuhren die Preise der Lebensmittel tief unter den früheren Stand gefallen. Ohne Geld kann niemand kaufen, und wenn es an Käufern fehlt, so fallen die Preise. Warenmangel und zugleich Geldmangel heben sich in Bezug auf ihre Wirkung auf die Preise gegenseitig auf. Wäre das aber ein Vorteil für das Proletariat gewesen? Man vergesse nicht, dass der Arbeiter nur dann Arbeit „findet“, wenn der Unternehmer dabei auf seine Kosten kommt. Wenn aber wegen Mangel an Geld und Nachfrage die Preise sinken, während die Löhne unverändert fortbestehen sollen, so entsteht beim Unternehmer notwendigerweise eine Unterbilanz, die diesen zur Schließung der Fabrik zwingt. Der Arbeiter würde also nur unter der Bedingung Arbeit finden, dass der Unternehmer diese Unterbilanz auf die Arbeiter abwälzen könnte.

   Die Nationalbank hätte sich nun darauf beschränken können, nur genau soviel Papiergeld als Ersatz für das verscharrte Metallgeld auszugeben, als nötig war, um die Preise unverändert auf gleicher Höhe zu halten. Zeigen z.B. die Preise allgemein eine Neigung nach oben, dann soll die Nationalbank Papiergeld einziehen und verbrennen. Wegen Mangel an Geld, Käufern und Nachfrage gehen die Preise dann rückwärts. Fallen sie dabei unter den gewollten Stand, so operiert die Nationalbank umgekehrt, indem sie Papiergeld druckt und dieses zur Verstärkung der Nachfrage in Umlauf bringt. Diese Notenpolitik nennt man „absolute Währung“. In Friedenszeiten würde der Anwendung dieser Methode nichts im Wege stehen. In Kriegszeiten wäre sie ohne eine Reihe von anderen Kriegsmaßregeln nicht durchzuführen. Man beachte nämlich, dass es kein anderes Mittel gibt um die Nachfrage auf der Höhe des jetzt beschränkten Angebots zu halten, als eine Beschränkung der Kaufkraft der Volksmassen. Geht die Warenzufuhr von 1000 auf 800 zurück, so muss auch selbstverständlich die Nachfrage von 1000 auf 800 zurückgehen – anderenfalls würden ja die Preise steigen.

   Diese Herabsetzung der Kaufkraft der Volksmassen auf die Höhe der Warenzufuhr besorgte bisher die Preiserhöhung der Waren und zwar automatisch. Der Preisaufschlag hob den Brotkorb aus dem Bereich der schwächsten Käufer. Würde man darum die Preise der Waren auf gleicher Höhe festhalten wollen, so müsste die Nachfrage auf die Höhe der verminderten Zufuhren zurückgeschraubt werden. Wie aber könnte man das erreichen, wenn die gleichen Löhne und Gehälter ausbezahlt werden? Die Nachfrage soll eben auf das Niveau des zurückgegangenen Angebots zurückgehen – entweder durch herabgesetzten Lohn oder durch erhöhte Preise, da feste Preise sich nur als Ausgleich zwischen Nachfrage und Angebot vorstellen lassen. Will man weder die Löhne herab- noch die Preise heraufsetzen, so bleibt nur ein Ausweg übrig, das ist die jetzt tropfenweise und zögernd durch das Kartensystem herbei geführte Kontingentierung. Mit diesem System wird der nun einmal vorhandene Mangel an Lebensmitteln zwar nicht beseitigt, jedoch gleichmäßig auf alle verteilt. Den Lebensmitteln gegenüber hängt dann die Kaufkraft nicht mehr vom Besitze von Geld ab. (Anm: In der Zeitschrift „Die Familie“ vom 11.8.1917 wurde ein „Lebensmittelgeld“ vorgeschlagen, das die Kaufkraft kontingentierte, jedoch jedem die Wahl zwischen den einzelnen Waren frei ließ.)     

   Das Volk leidet Mangel und hat gleichzeitig die Taschen voll Geld. Sparzwang. Das System hat den Vorteil, dass das Geld, das jetzt durch die allgemeine Preissteigerung den Wucherern, Schiebern, Spekulanten fast automatisch zufließt (viele hundert Millionen), Eigentum des Volkes bleibt.

   Es handelt sich jetzt um einen Volksnotstand, der auch als solcher behandelt werden muss. Nur der Hunger des ganzen Volkes kann einen Ausgleich schaffen für den Ausfall an Zufuhren. Von den Kapitalisten, die in Friedenszeiten auf Kosten der Arbeiter leben, darf man auch in Kriegszeiten irgendwelche Erleichterungen nicht erwarten. Es hieße ihnen unverdiente Ehre erweisen. Der Volksnot kann nur die Sparsamkeit der Volksmassen wirksam begegnen.

   Sieht man vom jetzigen Kriegszustand ab, so müsste eigentlich im Interesse des gesamten Arbeiterstandes jede Aktion gegen allgemeine Preissteigerungen unterbleiben. Auch müssten die statistischen Arbeiten, die zur Messung solcher allgemeiner Preissteigerungen nötig sind und deren Ausführung von Staats wegen die Kapitalisten immer hintertreiben (weil sie deren Ergebnisse fürchten), um einwandfreies Material zu gewinnen, von den Arbeiterorganisationen in die Hand genommen werden. (Anm.: Wie solche Statistik zu führen ist, darüber in den Schriften des Schweizerischen Freiland- und Freigeld-Bundes)

   So oft dann diese Statistik eine Steigerung der Kosten der Lebenshaltung nachweist, könnten die Arbeiter und Beamten Lohnerhöhungen fordern und der Regel nach ohne Schwierigkeiten durchsetzen (Hochkonjunktur). Dafür dürften sich dann die Arbeiter nicht gegen die Erhöhung der Warenpreise erheben, die ihrerseits den Bauern, den Handwerkern, den frei werbenden Arbeiterkategorien, wie auch den Staatsfinanzen große Vorteile bringt. Denn wie gezeigt wurde, bedeutet eine allgemeine Steigerung eine Entlastung aller verschuldeten werbenden (arbeitenden) Klassen – auf Kosten der Rentiers. Solche Politik würde das Solidaritätsgefühl unter allen Arbeitern wecken. Der Arbeitslohn (als internationale Größe) würde zwar keinen Gewinn davon tragen, immerhin ist im Hinblick auf die Arbeitslosen jede allgemeine Hochkonjunktur hoch einzuschätzen. Statt dass durch die jetzigen Aktionen der Arbeiter (Milchgeneralstreik) das Industrie- und Landvolk gegeneinander verhetzt wird und das Proletariat dadurch zur ewigen Ohnmacht verurteilt wird, würde solche Rücksichtnahme auf die immer schwierige Lage des ewig verschuldeten Bäuerleins diesen dem Proletariat in die Arme führen. Nichts ist für das Proletariat schädlicher als die Zwietracht zwischen den einzelnen Arbeiterkategorien. Ob Bauer, Kaufmann, Hausierer, Arzt, Seiltänzer, Beamte, Lehrer, Pastor, Polizeimann, Richter, Chemiker, Techniker usw. Allesamt sind Arbeiter, alle sollen an demselben Strang ziehen, und wenn einer dieser Kategorien ein Vorteil zugeführt werden kann, so sollen alle anderen auch dann helfen, wenn sie persönlich nicht daran beteiligt sind. Viribus unitis. Nur durch vereinte Kräfte, nur mit den Bauern – sonst bleibt das Proletariat machtlos, eine Beute der Wölfe, wie bisher. Für das Proletariat soll es heißen: Hie Arbeiter – dort Rentiers.   

3.5   Krisenaktionen                                                                                [Übersicht]

Wer die vom Proletariat in Krisenzeiten gewöhnlich geforderten staatlichen und städtischen Hilfsaktionen vom Standpunkt der Krisenursache (s. die Autokapitalsabotage, Abschnitt 1.3) betrachtet, wird sich nicht mehr wundern, dass diese Aktionen so wenig helfen. Wenn der Kapitalist streikt, weil die Wohnungen, Fabriken, Schiffe nicht mehr die geforderten 4 – 5 % Zins abwerfen – was soll es dann bedeuten, dass die Gemeinden zu Notstandsarbeiten aufgefordert werden, deren wenige Produkte (Häuser, Fabriken, Schiffe) doch nur die Krise verschärfen können? Wie man Warenüberproduktion nicht durch verstärkte Warenproduktion beseitigt, so kann man auch Kapitalüberproduktion nicht durch Notstandsarbeiten, durch Kapitalproduktion beseitigen. Die Ursache der Krisen ist doch der Streik der Kapitalisten, die auf ihrem gewohnten Tribut von 4 – 5 % bestehen! Diese Ursache beseitige man, man bestrafe die Kapitalsabotage, man bestrafe sie so hart und schwer, dass der Kapitalist für immer die Lust am Sabotieren verliert. Das Geld ist als öffentliches Verkehrsmittel zu betrachten und entsprechend zu behandeln – es darf daher nicht geduldet werden, dass der Geldumlauf aus privatwirtschaftlichen Gründen gesperrt wird, um den Zinstribut sicher zu stellen. Bedingungslos, wenn möglich ohne Zins, soll das Geld seinen Zweck, den Warenaustausch, erfüllen. Wie der Privatmann keine Eisenbahnzüge anhalten, keine Straßen sperren kann, so darf er auch das Geld nicht am Umlauf hindern. Die Bauerbeiter zu entlassen, den Familien das Obdach zu verweigern, bloß weil der Kapitalist vom Geld, also vom staatlichen Tauschmittel, einen höheren Zins beansprucht als den, der zur Zeit erhältlich – das darf nicht länger geduldet werden.

   Wer von solcher Behandlung des Kapitals absehen und dennoch den Folgen der Krise begegnen will, wird nur Unsinn machen. Das geht schon aus folgender Überlegung hervor. Zurzeit besteht in Bern und Zürich arge Wohnungsnot, begleitet von einer Baukrise. Die Ursache: Die Steigerung der Baukosten, der die Mieten noch nicht im vollen Umfang gefolgt sind. Ungenügende Rentabilität der Neubauten vom Standpunkt des historisch normalen Zinsfusses betrachtet. Der Kapitalist wartet, bis die Wohnungsnot die Mieten durchweg auf die Rentabilität der Neubauten gehoben hat. Dann erst, wenn die Sonne von 5 % das Reptil bescheint, beginnt es sich zu regen. Dann erst dürfen die Arbeiter wieder schaffen, dann erst darf der Handel mit Baumaterialien wieder einsetzen.

   Jedoch so geduldig wie die Rentiers können die Arbeitslosen nicht warten. Sie hungern und sehen auch, dass ihre Arbeit für die Obdachlosen nötig wäre. Sie wenden sich an den Staat. Er soll im Interesse des Volkes das tun, was die Kapitalisten aus privatwirtschaftlichen Gründen unterlassen. Er soll das Geld zu den Neubauten beschaffen! Der Staat. Ja, aber wo soll der Staat, dieser Büttel   der Kapitalisten, das Geld herholen? Der Staat der Kapitalisten hat ja doch nichts als Schulden. So muss der Staat sich an die Kapitalisten wenden – von ihnen dasselbe Geld erbetteln, das diese den Bauunternehmern verweigerten! Der Kapitalist verlangt 5 % für das Geld und die Häuser, die der Staat mit dem Geld der Kapitalisten bauen wird, werden nur 2,5 % einbringen. Wem hilft man da?

   Dieses Defizit der den Stempel des Bankrotts tragenden Notstandspolitik kann den Arbeitern so weit ja gleichgültig sein, denn der Lohn, als internationale Größe, ist am Defizit der Staatsfinanzen unbeteiligt. Nur das soll hier gezeigt werden, dass so lange und in dem Maße wie der Staat oder die Gemeinde baut, kein Privatmann noch baut, dass also die Notstandsbauten die Krise nur verlängern können. etc. etc.

3.6   Mieterstreik                                                                                  [Übersicht]

Als infolge der Baukrise Wohnungsnot entstand und die Mieten anzogen, um sich der Rentabilitätsgrenze der Neubauten zu nähern, da wurde ausgerechnet in sozialistischen Zeitungen ganz ernsthaft zum Mieterstreik aufgefordert. Mieterstreik! Mieterstreik ist doch nichts anderes als Mietzinsstreik. Und Zins bezahlt der Proletarier den ganzen Tag von früh bis spät. In den Preisen aller Waren, die er kauft, steckt Zins, vom Preis der Eisenbahnfahrkarte sind mehr als 50 % Zins, das Theaterbillet besteht zum großen Teil aus Zins für das Theatergebäude. Der Preis des Gases wäre reichlich 50 % niedriger, wenn das Gaswerk nicht mit 5 % verzinst werden müsste. Und ohne den Zins für die Staats- und Gemeindeschulden wären vielerorts die Steuern um die Hälfte niedriger. Auch der Lohn wäre im Durchschnitt ein ganzes Teil höher, wenn das in der Fabrik „angelegte Kapital“ nicht verzinst werden müsste.

   Warum also nur den Mietzinsstreik? Warum aus der Klasse der Kapitalisten den einen Sünder, der doch fürwahr der bescheidenste von allen ist, den zumeist verschuldeten Hausbesitzer herausgreifen? Meistens sind es kleine, unerfahrene Kapitalisten, die ihr Geld in Mietshäusern anlegen. Der Mieterstreik, wenn er nicht vom Generalstreik, von der Revolution unterstützt wird, ist Unsinn. Und wenn er diese Unterstützung hat (…)

   Solange das Proletariat das Kapital nicht überwinden kann, fährt es am besten, wenn es das kapitalistische Gesetz der ehernen Rentabilität achtet. Durch kleine Listen und Sticheleien ist ihm nicht beizukommen. An dem Tage, wo der Mieterstreik ein nur irgendwie ernsthaftes Gesicht nähme, würde die Bauindustrie auf die schwarze Liste des Kapitals gesetzt, d.h. zu denjenigen Geschäften gezählt, die als besonders (…)

3.7   Postsparkasse                                                                             [Übersicht]

Nur als Kuriosität und als Vorbereitung zu der folgenden Darstellung der Freigeld-Kapitaltheorie soll diese Aktion erwähnt werden. Es ist nämlich Tatsache, dass sich berufene Vertreter der Sozialdemokratischen Partei bei der Besprechung des Postsparkassenprojektes dahin geäußert haben, sie hätten kein Interesse mehr an der Sache, weil sie im Nationalrat mit ihrer Forderung, den Zinsfuß für Spareinlagen von 3 auf 4 %  zu erhöhen, nicht durchgedrungen seien!!!

   Also nicht der Kapitalist forderte eine Erhöhung der Ausbeutungsrate, sondern der Proletarier! Demnach hätte der Sozialdemokrat nichts dagegen einzuwenden, wenn all denen, die Geld von der Sparkasse (wie von den übrigen Instituten) für ihre Unternehmungen holen, der Zinsfuß möglichst hoch geschraubt würde! Je höher, je besser! Wenn z.B. der Bauunternehmer den Sparkassen und  Hypothekenbanken 10 statt 5 % bezahlen müsste, so wäre das den Proletariern nicht nur gleichgültig, sondern im Hinblick auf ihre Sparkassenbücher sogar willkommen!

   Mein Gott – sind das die praktischen Ergebnisse eines 50jährigen wissenschaftlichen Studiums des Kapitals?

   Die genannte Forderung, so drollig sie auch dem Wissenden erscheinen mag, steht auf allen Vieren in Übereinstimmung mit den vorhergehenden von der Kapitaltheorie der orthodoxen Sozialdemokratie inspirierten Aktionen. Nach dieser Theorie erfolgt die Ausbeutung des Proletariats restlos bei der Arbeit, in der Fabrik, auf dem Felde, durch den Besitzer der Produktionsmittel. Wenn man darum „nachträglich“ dem Kapitalisten etwas wieder von der Beute abjagen kann, wie z.B. durch die Erhöhung des Zinsfußes der Sparkassen, so ist das barer Gewinn für die Arbeiter! Der Unternehmer beraubt ja das Proletariat ganz unabhängig von dem Zins, zu dem das Geldkapital erhältlich ist! Muss er 10 statt 5 % bezahlen, umso schlimmer für ihn, umso besser für den Sparkassenbuchbesitzer!  (Proletarier).

   Die Freigeld-Kapitaltheorie stellt diesen Satz direkt auf den Kopf. Sie sagt: Das Geldkapital beherrscht absolut die Produktion sonstigen Kapitals (Mietshäuser, Fabriken usw.). Der Zinsfuß, den das Kapital erhebt, den muss auch alles andere Kapital als Minimum erheben. Können die Häuser, Fabriken, Schiffe den Zins des Geldkapitals nicht mehr erheben (infolge wachsender Kapitalproduktion), so wird auch kein Haus, keine Fabrik mehr gebaut, bis dass der Haus- und Fabrikzins die Höhe des Geldzinses wieder erreicht hat.

   Der Geldzins ist der Gleichgewichtspunkt, um den der Zins aller anderen Kapitalien (mit Ausnahme der Bodenrente) pendelt. Wer diesen Punkt hebt, der hebt den Zins allgemein, der hebt die allgemeine Ausbeutungsrate des Kapitals. Die oben genannte sozialdemokratische Aktion läuft also darauf hinaus, dass, um den Sparkassenbuchbesitzern 4 statt 3 % Zins für ihre kleinen Ersparnisse zu verschaffen, die allgemeine Ausbeutungsrate des Kapitals im Verhältnis von 3 zu 4, also um 33% hätte steigen müssen! Beträgt z.B. das in Sparkassenbüchern in der Schweiz angelegte proletarische „Kapital“ hoch gegriffen etwa 1 Milliarde, während das Gesamtkapital in der Schweiz mit 40 Milliarden geschätzt wird, so ergibt sich, dass um den Zinsertrag jener Milliarde von 30 auf 40, also um 10 Millionen zu heben, das Proletariat den Besitzern von 40 Milliarden 2000 statt 1600 Millionen an Zinsen jährlich zahlen müssten!

   Um den Sparkassenbuchbesitzern 10 Millionen mehr an Zinsen zu sichern, müssten die Proletarier 400 Millionen mehr an Zinsen (Mehrwert) zahlen! Wobei dann noch zu beachten ist, dass auch noch die 10 Millionen, die die Sparkassenbuchbesitzer mehr erhalten würden, ihren Kameraden vom Lohne abgezogen werden müssten! Also auch wieder der Bumerang, und zwar der Überbumerang, der mit verstärkter Kraft auf den Schützen zurückstößt. 

3.8   Versicherungswesen                                                                      [Übersicht]

Der Gleichgewichtspunkt des Lohnes ist der Arbeitsertrag auf Freiland.Wer den Lohn heben will, muss diesen Gleichgewichtspunkt heben, sonst ist alles vertan, verlorene Müh. Wie dieser Schwerpunkt gehoben werden kann, das wird im letzten Kapitel gezeigt werden. Alle Vergünstigungen, die dem Proletariat auf gesetzlichem Wege zu Teil werden und die den Freilandarbeiter nicht erreichen und demnach auch den Gleichgewichtspunkt des Lohnes nicht heben, werden durch einen entsprechenden Lohnabzug von Kapital wieder konfisziert. Baut man z.B. dem Arbeiter ein Haus, so erhält er entsprechend weniger Lohn. Schafft man das Schulgeld ab, schenkt man den Kindern aus sogenannten  Staatsmitteln das Schulmaterial, im Lohne des Vaters wird das zum Ausdruck kommen. Alle Vergabungen gutherziger (…) für städtische Wohlfahrtsanstalten - Spitäler, Waisenhäuser, Büchereien, Greisenasyle usw. - nutzen allein dem Kapitalisten, in diesem Falle dem Grundrentner. Im Lohne werden dem Arbeiter die Annehmlichkeiten  solcher „Vergabungen“ in Rechnung gestellt.

   Dagegen wird jede Vergünstigung, die auf natürlichem oder gesetzlichem Wege dem Freiländer zu Teil wird, sich auch automatisch auf den Lohn aller Arbeiter übertragen. Baut man auf Staatskosten, d.h. auf Kosten der Grundrentner, den Freiländern Straßen, die ihren Arbeitsertrag um 5 %  mehren, so steigt auch der Lohn auf der ganzen Linie um 5 %. Auch sonst wird jeder Fortschritt in der Technik, in den Wissenschaften, der das Arbeitsprodukt des Freiländers mehrt, sich in eine allgemeine Lohnerhöhung umsetzen, und zwar immer auf Kosten der Grundrente. Erhebt man eine Grundrentensteuer, um deren Ertrag den Arbeitern zu schenken, so wird der Grundrentner durch Lohnabzug dieses Geschenk wieder hereinholen. Gibt man aber den Ertrag solcher Steuern den Feiländern, meinetwegen in Bargeld, so wird der Lohn aller Arbeiter entsprechend steigen, so dass der Grundrentner die ihm auferlegte Steuer doppelt zahlt - einmal als Steuer, ein andermal als Lohnerhöhung. Der Arbeitsertrag des Freiländers ist eben der Gleichgewichtspunkt des Lohnes schlechthin. Wer diesen hebt, der allein verbessert die Lage des Proletariats. Alles andere ist vertan. Aber unbeteiligt an der Sache bleibt stets der Kapitalzins. Er ist unabhängig vom Lohne. Ob der Lohn steigt oder fällt, dem Kapitalzins ist das einerlei. Er ist eine eherne Größe. Würde es hingegen gelingen, auf andere Weise den Kapitalzins herabzusetzen von 5 auf 3 – 2 – 0%, so käme das dem Arbeitsertrag des Freiländers und durch diesen dem allgemeinen Lohn zugute (also nicht der Grundrente).

   Auf die Hebung des Gleichgewichtspunktes der Löhne müssen darum alle Aktionen des Proletariats gerichtet sein. Hier müssen die Hebel angesetzt werden. Kommt das Versicherungswesen den Freiländern zugute, mehrt es deren Sicherheitsgefühl, deren Lebensfreude auf irgendeine Weise, wohlan, her dann mit der Kranken-, Unfall-, Alters- und Krisenversicherung!  Ist das nicht der Fall, so geht das, was der Kapitalist und der Staat an Beiträgen zur Versicherung  leistet, mitsamt den Verwaltungskosten solcher bürokratischen Versicherung mit tödlicher Sicherheit wieder vom Lohn ab. (…)

   Hier soll die vom Freigeld-Bund verbreitete und auf obiger Beobachtung beruhende neue Kapitaltheorie nur kurz skizziert werden. Ausführlich behandelt findet man sie in den Schriften des S.F.&F.B. Mit der Ausbreitung ist das Geld als Tauschmittel unentbehrlich geworden. Fehlt das Geld, so können die Waren nicht mehr ausgetauscht werden. Es entsteht kann eine Absatzstockung, die zur Einstellung der Arbeit zwingt und die, sofern sie anhält, die Rückkehr zum Tauschhandel und damit zu stärkster Einschränkung der Arbeitsteilung führt. Die Arbeitsteilung ist aber wieder der Grund, warum die Erde so viel mehr Menschen ernähren kann. Ohne die Arbeitsteilung würde kaum ein Zehntel der heutigen Bevölkerung Platz in Europa finden und dieses Zehntel würde zudem noch ein kümmerliches, tierisches Dasein führen. Man erkennt hieraus wie wichtig das Tauschmittel, das Geld ist. Das Geld ist die weitaus wichtigste gesellschaftliche Einrichtung, weit überragt sie an Bedeutung alle modernen Erfindungen zusammen genommen. Ja, man kann sagen, dass das Geld, indem es die Arbeitsteilung in der Technik und Wissenschaft erst möglich gemacht, der eigentliche Schöpfer der modernen Technik ist. Als zur Römerzeit die Fundstätten der Geldmetalle sich erschöpften und die Römer wegen Mangel an Geldstoff keine Tauschmittel mehr schaffen konnten, da gingen der Handel, der Austausch der Waren und damit die Arbeitsteilung nach und nach ein. Das war die eigentliche Ursache des Unterganges jenes schönen, so viel versprechenden Reiches. Als man dann nach einem fast ein Jahrtausend langem Winterschlaf (Mittelalter ) wieder Geldstoff fand (in den deutschen Silberbergwerken) und der Handel und die Arbeitsteilung sich ausbreiten konnten, da wurde es auch wieder gleich lebendig auf allen Gebieten menschlicher Betätigung. Mit dem Ende der Geldschwindsucht nahm auch das Mittelalter ein Ende.

   Denselben Mangel an Geld, den die von Funden abhängige Natur der Geldmetallgewinnung erzeugte und der den Untergang ganzer Reiche verursachte, den können heute die Sparer und Kapitalisten zu jeder Zeit einfach festhalten. Dann zeigen sich bei allen Produzenten, die auf Arbeitsteilung eingerichtet und auf den Austausch der Produkte angewiesen sind, die Symptome derselben Krankheit, der Rom zum Opfer fiel. Der Unterschied ist nur der, dass damals in Rom das Geld absolut fehlte, während es heute nur von den Sparen und Wucherern festgehalten wird und, dass man den Sparern und Kapitalisten durch Anbietung eines Sondervorteils in Höhe eines jährlichen Tributs von 5 % das Geld aus den Matratzen, Strümpfen, Tresoren wieder entlocken kann!

   So wird also der Austausch, der Handel, der Markt von vornherein mit einer Privatsteuer von 5 % belastet. Diese Steuer tragen mit allen übrigen Handelsunkosten die Warenproduzenten. Sie bildet einen integrierenden Teil der Handelsunkosten. Bei der Berechnung der Preise setzt der Kaufmann als ersten und ehernen Ausgabeposten den Zins des zur Führung des Geschäftes nötigen Geldkapitales ein.

   Mit Gott und 100.000 Franken – so ist auf dem ersten Blatt des kaufmännischen Hauptbuches zu lesen – und diese 100.000 Franken verlangen im Jahre 5 %, sonst streiken sie, ganz einerlei ob es eigenes oder geborgtes Geld des Kaufmannes ist. Ist der Verkaufspreis einer Ware 100 Franken, so erhält der Produzent vom Kaufmann 100 Franken abzüglich der Handelsspesen und in diesen Handelsspesen steht unverrückbar an erster Stelle der Zins des hier „ anzulegenden“ Geldkapitals. Diesen Zins nennt die Freigeld–Kapitaltheorie den  „Urzins“, weil er die erste Erscheinungsform des Zinses überhaupt darstellt, dem Handel und der Arbeitsteilung untrennbar an und ist, worauf wir hier ganz besonders aufmerksam machen wollen, von der Trennung der Arbeiter von ihren Produktionsmitteln unabhängig. Er wurde von den Kindern Israels erhoben, von den Untertanen Hammurabis, von den alten Griechen und Römern erhoben und bezahlt, zu einer Zeit, wo es noch kein Proletariat gab, wo noch jeder über die eigenen Produkte frei verfügte und sie zu Markt brachte.

   Dieser Urzins ist der Beobachtung Marx’ vollkommen entgangen, trotzdem er selbst und wiederum in Widerspruch mit seiner eigenen Kapitaltheorie entwicklungsgeschichtlich das Handelskapital dem Gewerbekapital vorangehen lässt. Nur weil Marx den Urzins übersah, konnte er sagen, Geld und Waren seien vollkommene Äquivalente. Die Freigeld–Kapitaltheorie sagt nun  weiter: Wenn das Geld dem Handel nur zu 5 % zur Verfügung gestellt wird, so muss wohl auch die Industrie und Landwirtschaft diesen Zins zahlen. Warum sollte auch der Sparer und Kapitalist den Bauern, Unternehmern und Technikern das Geld zur  (…)

  Gründung und Führung ihrer Geschäfte billiger überlassen als dem Kaufmann? Das Gründungskapital jedes Unternehmens besteht aus Geld und das Unternehmen kann nur dann „finanziert“ werden,  wenn es dem Geld den Tribut, den Urzins bezahlt und garantiert. Augenblicklich wird z.B. in Bern und Zürich trotz ärgster Wohnungsnot nicht gebaut, weil die Mieten für die Ansprüche des Geldkapitals nicht ausreichen. Würde der Geldkapitalist mit der Zinsforderung auf 3 – 2 % heruntergehen, dann reichten die jetzigen in Bern üblichen Mieten und dann würde der Unternehmer sofort mit der Arbeit beginnen. Ihm, dem Unternehmer, dem Bauer, dem Handwerker ist es soweit einerlei, ob er 5 – 4 – 2 oder überhaupt keinen Zins herausschlagen kann, da er ja den Zins an die Geldleute abliefern muss. Als Unternehmer muss er sich mit dem Unternehmerlohn begnügen; als Unternehmer ist er am Zins unbeteiligt – der Zins ist für ihn nur ein Durchgangsposten.

   Wie beim Austausch der Produkte, so steht also bei der gesamten Industrie der Zins des Geldkapitals an erster Stelle der Unkosten. Auch die Industrie in ihrem ganzen Umfang mitsamt der Bauindustrie, den Schiffen, Eisenbahnen ist dem Geldkapital tributpflichtig. Jede Industrie muss bei ihrer Gründung das feierliche Versprechen abgeben, bis zum Tode jährlich 5 % an die Geldkapitalisten abzuliefern, sonst kann sie nicht finanziert werden. Das macht für den Gesamtbetrag von 40 Milliarden Kapital in der Schweiz, 2 Milliarden ( 2000 Millionen) Zins jährlich oder fast 7 Millionen für jeden Werktag! Würde das Geldkapital mit seinen Ansprüchen heruntergehen (mit dem Freigeld würde es in kurzer Zeit bis auf Null heruntergehen müssen), so müssten unter dem Drucke wachsender Konkurrenz auch die (…)

 
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