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Werner Onken:
Carl von Ossietzky und Silvio Gesell -
Eine Begegnung zweier Gedankenwelten

   In ihrem wirklichen Leben sind sich Carl von Ossietzky und Silvio Gesell nie begegnet. Gleichwohl gab es sehr viel, was sie sich in den 1920er Jahren zu sagen gehabt hĂ€tten. Im Anschluss an kurze biografische Skizzen soll in zwei fiktiven Dialogen deutlich werden, wie sich die unterschiedlichen friedenspolitischen Anliegen von Ossietzky und Gesell berĂŒhren und miteinander verbinden lassen.

Direkt zu: Fiktive Begegnungen Carl von Ossietzkys mit Silvio Gesell in Berlin und Oldenburg


Carl von Ossietzky (1889–1938):

„Es ist unsere höchste Pflicht, uns mit aller Kraft fĂŒr die Durchdringung Deutschlands mit pazifistischem und demokratischem Geist einzusetzen. ... Deutschlands Anschluss an die demokratische Welt kann nur erfolgenim Zeichen des Pazifismus.“ [1]


   Die Familie Ossietzky stammte ursprĂŒnglich aus dem verarmten oberschlesischen Kleinadel. In der Hoffnung auf ein besseres Leben zogen die Eltern in der zweiten HĂ€lfte des 19. Jahrhunderts nach Hamburg. Dort kam Carl von Ossietzky am 3. Oktober 1889 auf die Welt. Die religiösen GegensĂ€tze zwischen seinem katholischen Vater und seiner evangelischen Mutter fĂŒhrten dazu, dass Carl von Ossietzky sich spĂ€ter von den Kirchen abwandte und sich an dem von Ernst Haeckel formulierten Weltbild des sog. Monismus orientierte. Die im „Monistenbund“ vereinigten Freidenker stellten sich vor, dass die Welt allein aus einem Stoff oder einem Prinzip hervorgegangen sei und daraus auch ihre Existenz erhalte. Die Monisten distanzierten sich von den Dogmen der christlichen Kirchen. Ihr Diesseitsglaube verband sich mit der naturwissenschaftlichen Entwicklungslehre und sozialen Idealen zu der Vorstellung, dass sich die Menschheit auf dem Weg zu etwas Höherem und Besseren befinde.

   Der Besuch einer höheren Schule blieb Carl von Ossietzky verwehrt. Schon frĂŒh musste er sich seinen Lebensunterhalt selbst verdienen -  zunĂ€chst als Hilfsschreiber im Hamburger Amtsgericht und danach im Hamburger Grundbuchamt. Gleichwohl begann Ossietzky, sich sehr intensiv mit der Literatur, Geschichte und Politik zu beschĂ€ftigen. Das Leben in Ă€rmlichen VerhĂ€ltnissen hatte in ihm auch schon frĂŒhzeitig die Frage nach den Ursachen der sozialen Ungerechtigkeit geweckt. Deren Überwindung erhoffte er sich von der Sozialdemokratie, ohne allerdings ihrer Parteilinie einfach zu folgen. Gerechtigkeit, Demokratie und Frieden wurden zu seinen großen Leitbildern. In der „Demokratischen Vereinigung“ lernte Carl von Ossietzky den pazifistischen Publizisten Hellmut von Gerlach kennen. Schon bald drĂ€ngte es ihn, auch selbst politische Artikel zu schreiben. Der erste erschien 1911 in der Zeitschrift „Freies Volk“. Zwei Jahre spĂ€ter missglĂŒckte sein erster Versuch, als freier Journalist zu leben, nachdem eine Kritik am Militarismus des wilhelminischen Kaiserreichs von der Justiz als „Beleidigung“ eingestuft und mit einer Geldstrafe von 200 Mark geahndet wurde. Bald darauf -  inzwischen hatte der erste Weltkrieg schon begonnen -  trat Ossietzky wieder in den Justizdienst ein. Er suchte die NĂ€he zur „Deutschen Friedensgesellschaft“, wurde jedoch Mitte 1916 zum Kriegsdienst eingezogen und als Armierungssoldat an der Westfront eingesetzt.

   Nach dem Ende des ersten Weltkriegs wirkte Carl von Ossietzky zunĂ€chst im Hamburger Arbeiter- und Soldatenrat mit; er siedelte aber bald nach Berlin ĂŒber und wurde SekretĂ€r der „Deutschen Friedensgesellschaft“. Jedoch gingen ihm die politischen Forderungen der DFG nicht weit genug, weshalb Ossietzky die Friedensidee stĂ€rker in der Arbeiterschaft verwurzeln wollte. Er beteiligte sich an der Bewegung „Nie-wieder-Krieg“ und engagierte sich auch in der „Liga fĂŒr Menschenrechte“. Außerdem wirkte er bei der GrĂŒndung der „Republikanischen Partei Deutschlands“ mit, die bei den Reichstagswahlen 1924 allerdings erfolglos blieb. Fortan schrieb er auch die Leitartikel fĂŒr die „Berliner Volks-Zeitung“ und kommentierte darin die Ereignisse in der ökonomisch instabilen und politisch gefĂ€hrdeten Weimarer Republik.

   1924 ĂŒbernahm Ossietzky die Redaktion der antimilitaristischen Zeitschrift „Das Tage-Buch“. Und 1927 wurde er schließlich Redakteur und Herausgeber der berĂŒhmten Zeitschrift „WeltbĂŒhne“. Seine kompromisslos pazifistische Grundhaltung brachte ihm schon bald wieder Konflikte mit der Justiz ein, die in ihm mehr einen LandesverrĂ€ter als einen Warner vor kommendem Unheil sah. Wegen Beleidigung der Marine und der Reichswehr verurteilte sie ihn zu Geldstrafen, wodurch sich Ossietzky allerdings nicht einschĂŒchtern ließ. WĂ€hrend die Arbeitslosigkeit nach dem New Yorker Börsenkrach stieg und die NSDAP immer mehr Zulauf bekam, hielt er der Politik der Weimarer Republik weiterhin seinen kritischen Spiegel vor.

   Als Ossietzky die gegen den Versailler Vertrag verstoßende geheime AufrĂŒstung der Reichswehr aufdeckte, verurteilte ihn die Justiz im November 1931 wegen Landesverrats zu 18 Monaten GefĂ€ngnis. Albert Einstein, Thomas Mann, Romain Rolland und andere große Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Kultur unterstĂŒtzten ein Gnadengesuch zu seiner Freilassung. Doch ReichsprĂ€sident Hindenburg lehnte es ab -  möglicherweise weil sich Ossietzky nach dem Zusammenschluss von NSDAP, DNVP und Stahlhelm mit Vertretern des Finanz- und Industriekapitals zur „Harzburger Front“ fĂŒr eine Kandidatur des Kommunisten Ernst ThĂ€lmann bei der Wahl zum ReichsprĂ€sidenten ausgesprochen hatte. So musste er am 10. Mai 1932 seine Haft im GefĂ€ngnis Tegel antreten, aus der er dank einer „Weihnachtsamnestie“ Ende 1932 vorzeitig frei kam.

   WĂ€hrend seiner Haft schrieb Ossietzky in einem Artikel „Rechenschaft“: „Die ‚WeltbĂŒhne’ hat von rechts den Vorwurf der VerrĂ€terei und von links den Vorwurf des verantwortungslos krittelnden individualistischen Ästhetentums einstecken mĂŒssen. Die ‚WeltbĂŒhne’ wird auch weiterhin das sagen, was sie fĂŒr nötig befindet; sie wird so unabhĂ€ngig bleiben wie bisher; sie wird so höflich oder frech sein, wie der jeweilige Gegenstand es erfordert. Sie wird auch in diesem unter dem Elefantentritt des Faschismus zitternden Lande den Mut zur eigenen Meinung behalten. Wer in den moralisch trĂŒbsten Stunden seines Volkes zu opponieren wagt, wird immer bezichtigt werden, das NationalgefĂŒhl verletzt zu haben. Die Stimme der ‚WeltbĂŒhne’ kann nur Klang behalten, wenn ihr verantwortlicher Herausgeber seine ganze Person einsetzt und dann, wenn es ungemĂŒtlich wird, nicht die bequemere Lösung wĂ€hlt, sondern die notwendige.“ [2]

   Als es schon bald nach seiner Haftentlassung noch „ungemĂŒtlicher“ in Deutschland wurde, behielt Carl von Ossietzky auch weiterhin den Mut, „seine ganze Person“ fĂŒr die Demokratie und den Frieden einzusetzen. In seinem ersten Artikel nach der Machtergreifung durch die NSDAP bescheinigte er der Hitler-Regierung, ein „Produkt eifriger Vermittlungen, ĂŒberraschender Improvisationen und verborgener Kulissenspiele“ und „bis zum Zerspringen mit sozialen Disharmonien geladen“ zu sein. [3]

   Unmittelbar nach dem Reichstagsbrand begann dann Carl von Ossietzkys Martyrium. Er wurde verhaftet und zunĂ€chst in die Festung Spandau verbracht.  Im April 1933 kam er in das ehemalige Zuchthaus Sonnenburg und im Februar 1934 in das Moorlager Papenburg-Esterwegen im Emsland. Im Auftrag des Internationalen Roten Kreuzes durfte ihn ein frĂŒherer Mitarbeiter des Völkerbunds besuchen. Dieser berichtete, er habe ein „zitterndes, totenblasses Etwas“ gesehen, „ein Auge geschwollen, die ZĂ€hne anscheinend eingeschlagen; er schleppte ein gebrochenes, schlecht geheiltes Bein.“ [4]

   In die Emigration gegangenen Freunden Ossietzkys gelang es, die Weltöffentlichkeit ĂŒber seinen Zustand zu informieren und UnterstĂŒtzung fĂŒr eine Kampagne „Friedensnobelpreis fĂŒr Carl von Ossietzky“ bekommen. Wiederum gehörten Albert Einstein und Thomas Mann zu den UnterstĂŒtzern, ebenso Heinrich Mann, Herbert G. Wells, John B. Priestly, Bertrand Russell, Aldous Huxley und weitere Wissenschaftler und Schriftsteller. Ossietzky wurde zur Symbolfigur fĂŒr das ‚andere Deutschland’.

   Schließlich war die Kampagne erfolgreich. RĂŒckwirkend fĂŒr das Jahr 1935, in dem kein Friedensnobelpreis verliehen worden war, erhielt der inzwischen schwer an Tuberkulose erkrankte und in das Berliner Staatskrankenhaus verlegte Carl von Ossietzky im November 1936 den Friedensnobelpreis. Das damit vor der Weltöffentlichkeit demaskierte NS-Regime offenbarte seine abgrĂŒndige Menschenverachtung, indem es einen korrumpierten Rechtsanwalt, der sich Ossietzkys Vertrauen erschlichen hatte, nach Oslo sandte, um das Preisgeld in Empfang zu nehmen.

   Das KalkĂŒl der NS-FĂŒhrung, dass Ossietzky vielleicht noch vor einer Verleihung des Friedensnobelpreises an ihn sterben könnte, ging zum GlĂŒck nicht auf. Aber unter strenger Bewachung durch die Gestapo blieb er im Krankenhaus von der Welt isoliert, bis er schließlich im Beisein seiner Frau und eines KrankenwĂ€rters am 4. Mai 1938 im Alter von nur 49 Jahren verstarb. Über seinem friedenspolitischen VermĂ€chtnis könnte der Schlusssatz aus einem Artikel vom Februar 1933 stehen: „Wir werden wohl mit neuen Menschen wieder beginnen mĂŒssen.“ [5]


Silvio Gesell  (1862–1930):

„Die Ursache des in allen Kulturstaaten herrschenden bĂŒrgerlichen Kriegszustands ist wirtschaftlicher Natur. ... Wer den Völkerfrieden will, muss wissen, dass er ihn nur vom Altar des BĂŒrgerfriedens holen kann. Der BĂŒrgerfriede ist die Keimzelle des Völkerfriedens.“ [6]


Silvio Gesell war etwa ein Vierteljahrhundert Ă€lter als Carl von Ossietzky und stammte aus dem Kreis Eupen-Malmedy, wo sich die deutschen und französischen Kulturkreise berĂŒhren. In seinem Elternhaus wurden auch beide Sprachen gesprochen. Der deutsch-französische Krieg von 1870/71 weckte in Gesell schon frĂŒhzeitig den Wunsch nach einer Aussöhnung zwischen beiden LĂ€ndern. Glaubensunterschiede zwischen seiner katholischen Mutter und seinem protestantischen Vater fĂŒhrten Ă€hnlich wie bei Ossietzky dazu, dass sich Gesell von den Konfessionen löste und fĂŒr andere geistige Strömungen empfĂ€nglich wurde: fĂŒr die französische AufklĂ€rung, fĂŒr die philosophischen Gedanken von Stirner und Nietzsche oder auch fĂŒr die Evolutionslehre von Darwin und Haeckel.

   Auch die Eltern Gesells konnten ihren Kindern keine höhere Schulbildung ermöglichen. So ließ sich Silvio Gesell in Berlin im GeschĂ€ft seiner beiden BrĂŒder zum Kaufmann ausbilden und ging nach mehreren Stationen in Malaga/Spanien und Deutschland schließlich 1887 nach Argentinien, um in Buenos Aires ein eigenes GeschĂ€ft fĂŒr zahnĂ€rztliche und andere medizinische Artikel zu eröffnen. Die dortige Wirtschaftskrise brachte ihn zum Nachdenken ĂŒber die Ursachen von Inflation und Deflation, von ungerechter Verteilung und Arbeitslosigkeit. Gesell erkannte sie in der Hortbarkeit des Geldes; sie gibt dem Geld die strukturelle Macht, seinen Dienst als allgemeines Tausch- und Kreditmittel entweder von der Zahlung eines Zinses abhĂ€ngig zu machen oder ihn vorĂŒbergehend zu verweigern. Beides hat negative Auswirkungen auf die Wirtschaft: wĂ€hrend Zins und Zinseszins zu einer ungerechten Verteilung der Geld- und Produktivvermögen fĂŒhren, löst die zeitweise Geldhortung Absatzstörungen und Arbeitslosigkeit aus; außerdem macht sie eine stabilitĂ€tsgerechte Steuerung der Geldmenge unmöglich, was Schwankungen der Kaufkraft des Geldes zur Folge hat.

   Um diesen MissstĂ€nden abzuhelfen und eine von spekulativen Störungen freie Zirkulation des Geldes zu gewĂ€hrleisten, schlug Gesell die EinfĂŒhrung von nicht hortbaren „rostenden Banknoten“ vor. Sie sollten das Angebot und die Nachfrage auf den Arbeits-, GĂŒter- und KapitalmĂ€rkten in ein Gleichgewicht bringen, in dem das Zinsniveau allmĂ€hlich gegen Null absinkt. Als Folge davon erwartete Gesell VollbeschĂ€ftigung, GeldwertstabilitĂ€t und eine gerechtere Einkommens- und Vermögensverteilung.

   Seine Theorie der Geldreform legte Gesell in zahlreichen BĂŒchern und AufsĂ€tzen dar, die seit 1891 in deutscher und spanischer Sprache erschienen. Um die Jahrhundertwende begann er sich auch mit der Bodenreformkonzeption des nordamerikanischen Sozialreformers Henry George zu beschĂ€ftigen. Den Gedanken einer Gleichberechtigung aller Menschen gegenĂŒber der Erde als unverkĂ€uflichem Gemeinschaftsgut verband Gesell mit seinen eigenen Gedanken zu einer umfassenden Theorie der Geld- und Bodenreform. Nach einem lĂ€ngeren Aufenthalt in der Schweiz lebte er von 1906 bis 1911 wieder in Argentinien und entwickelte seine Gedanken ĂŒber eine gerechte internationale WĂ€hrungsordnung als Fundament fĂŒr einen sowohl von Monopolen als auch von Zöllen freien Welthandel. Außerdem beschĂ€ftigte sich Gesell mit dem den Weltfrieden fördernden Gedanken, dass die BodenschĂ€tze der Erde nicht lĂ€nger von Firmen und Staaten angeeignet werden dĂŒrften. Stattdessen sollten sie als ein gemeinschaftliches Menschheitseigentum von einer internationalen Institution verwaltet werden. Die fĂŒr ihre private Nutzung erhobene GebĂŒhr sollte der internationalen Institution zufließen und fĂŒr Wiederaufforstungs- und andere umwelterhaltende Maßnahmen verwendet werden. Und die öffentlichen Einnahmen aus der privaten Nutzung von GrundstĂŒcken sollten fĂŒr den Unterhalt von MĂŒttern und Kindern verwendet werden.

   Seine Gedanken fasste Silvio Gesell in seinem Hauptwerk „Die NatĂŒrliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ zusammen. WĂ€hrend des ersten Weltkriegs erschien es zuerst in Berlin und in der Schweiz. Auf Initiative von Ernst Niekisch und Gustav Landauer beteiligte sich Gesell im April 1919 als Volksbeauftragter fĂŒr das Finanzwesen an der ersten Bayerischen RĂ€terepublik. Nach deren Sturz geriet er vorĂŒbergehend in Haft und wurde schließlich von der Anklage des Hochverrats freigesprochen. Dennoch verweigerte ihm die Schweiz die Wiedereinreise.

   Daraufhin ließ sich Gesell 1920 in der NĂ€he von Potsdam nieder und baute  sein Modell einer „Marktwirtschaft ohne Kapitalismus“ weiter aus. Dabei knĂŒpfte er außer an Henry George auch an den französischen Sozialreformer Pierre Proudhon an, den Karl Marx ebenso wie die FrĂŒhsozialisten Saint-Simon und Fourier heftig bekĂ€mpft hatte. Die WertschĂ€tzung fĂŒr Proudhon verband Gesell mit Gustav Landauer, der seinerseits einen prĂ€genden Einfluss auf den jĂŒdischen Philosophen Martin Buber hatte. Georges Gedanken gelangten durch Theodor Hertzka nach Österreich-Ungarn und durch Michael FlĂŒrscheim nach Deutschland, wo sie in abgeschwĂ€chter Form durch Adolf Damaschke verbreitet wurden. Ähnlich wie Buber spielte auch der bodenreformerische Soziologe Franz Oppenheimer eine Rolle in den AnfĂ€ngen der zionistischen Siedlungsbewegung in PalĂ€stina. Außer zu Oppenheimers „Liberalsozialismus“ gab es gedankliche Parallelen zur „Dreigliederung des Sozialen Organismus“ des Anthroposophen Rudolf Steiner.

   Innerhalb dieser breit aufgefĂ€cherten Suche nach einer freiheitlichen Alternative sowohl zum Kapitalismus als auch zum Marxismus war Gesell derjenige, der die bodenrechtsreformerischen AnsĂ€tze am intensivsten um geldreformerische Überlegungen erweiterte. Mit einer Denkschrift wies er 1919 die Weimarer Nationalversammlung auf die Notwendigkeit hin, alle Bevölkerungsschichten mit einer gestaffelten, bis zu 75%igen Vermögensabgabe zur Finanzierung der Kriegsfolgen heranzuziehen und dann mit einer kaufkraftstabilen WĂ€hrung ein solides Fundament fĂŒr den wirtschaftlichen Neubeginn und die Weimarer Demokratie zu legen. [7] Außerdem trat Gesell fĂŒr eine Anerkennung der Reparationsforderungen der SiegermĂ€chte und fĂŒr eine Aussöhnung Deutschlands mit seinen westlichen und östlichen Nachbarn ein. Und neben einer sozialen Gerechtigkeit im Inneren sollte eine „Internationale Valuta-Assoziation“ die Voraussetzungen fĂŒr einen den Weltfrieden fördernden freien und zugleich gerechten Welthandel schaffen. [8]

   In seinen Kommentaren zum Zeitgeschehen in der Weimarer Republik trat Gesell antisemitischen, rassistischen und nationalistischen Ideologien entgegen. Immer wieder wandte er sich mit Denkschriften und AufsĂ€tzen an die Sozialdemokratie und Gewerkschaftsbewegung, ohne das erhoffte VerstĂ€ndnis fĂŒr seine SozialreformvorschlĂ€ge bei ihnen zu finden. „Lange Jahre war ich in Sorge, dass ich verunglĂŒcken könnte, ehe ich meinen Fund seinem rechtmĂ€ĂŸigen EigentĂŒmer ausgehĂ€ndigt hĂ€tte“, schrieb Gesell in seiner MĂŒnchener „Verteidigungsrede“ ĂŒber seine der Arbeiterbewegung zugedachte Geld- und Bodenrechtsreform. „Seit 30 Jahren bin ich bestimmt nicht ein einziges Mal zu Bett gegangen, ohne mich zu fragen, was ich noch tun könnte, um meinen Schatz zum Gemeingut zu machen.“ [9] Obwohl Gesell wĂ€hrend der 1920er Jahre ignoriert oder verlacht und nur selten ernst genommen wurde, hörte er nicht auf, die Öffentlichkeit weiter vor der Gefahr eines erneuten großen Krieges zu warmen und auch die damalige Friedensbewegung aufzufordern, sich stĂ€rker fĂŒr eine Überwindung der wirtschaftlichen Ursachen von BĂŒrger- und Völkerkriegen einzusetzen. [10]

                                                
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Fiktive Begegnungen Carl von Ossietzkys mit Silvio Gesell
in Berlin und Oldenburg

   Am Rande der Veranstaltungen zum 8. Mai 2005 in Berlin kam es zu einer fiktiven Begegnung zwischen Carl von Ossietzky und Silvio Gesell. Im GesprĂ€ch ĂŒber die dort gehaltenen Ansprachen, ĂŒber das neue Holocaust-Mahnmal und den Neonazismus entdeckten die beiden Sympathien fĂŒreinander und bedauerten, dass Sie sich nicht schon zu ihren Lebzeiten begegnet waren. Um so mehr freuten sich beide ĂŒber ihr verspĂ€tetes Kennenlernen.

  CvO: Bei allem Respekt vor solcher Erinnerungskultur  - es erfĂŒllt mich noch immer mit Wehmut und Trauer, dass die Menschen damals nicht auf unsere „WeltbĂŒhne“ gehört haben.

  SG: Grauenhaft war das Leid, das mit dem Nationalsozialismus ĂŒber alle Völker Europas kam. Sie haben es kommen sehen und ich auch. Und wir haben davor gewarnt. „Der Ratlosigkeit der fĂŒhrenden deutschen Kreise steht die Hoffnungslosigkeit der breiten Massen gegenĂŒber“, schrieb ich im Winter 1929/30, als die große Weltwirtschaftskrise gerade begonnen hatte. „Was wir von der Zukunft zu erwarten haben, wenn wir weiter wie bisher dem Geschehen tatenlos zuschauen, das ist ein Todesweg mit einer langen Reihe von Leidensstationen und Martersteinen.“ [11]

  CvO: Ja, Ă€hnlich wie Ihnen stand mir im Dezember 1931 vor Augen, dass „uns nur noch Vegetieren und langsames Hinsterben bleibt ... bis hin zum Kannibalismus“. [12] HĂ€tten doch die Politik, die Justiz und die Wissenschaften bloß unsere ehrlichen Absichten erkannt, statt mich und andere als LandesverrĂ€ter einzukerkern. Aber wir, die wir das Unheil kommen sahen, wir waren uns auch untereinander nicht einig.

  SG: Schon gleich nach dem ersten Weltkrieg hĂ€tten wir eine „sozialistische Einheitsfront“ gebraucht, um der Weimarer Demokratie zu einem soliden wirtschaftlichen Fundament zu verhelfen. [13] Aber es blieb bei der Zersplitterung der Linken und der Mitte. Das stĂ€rkte die Rechten, obwohl auch sie uneins waren.

   CvO: Wir kannten uns auch gegenseitig nicht gut genug, um uns gemeinsam der Reaktion entgegen zu stellen. Auch ich muss Ihnen gestehen, lieber Herr Gesell, auch ich habe mir damals nicht die MĂŒhe gemacht, mich nĂ€her darĂŒber zu informieren, was Sie mit Ihrer Geld- und Bodenreform eigentlich wollten. Die Sozialdemokraten und Gewerkschaftler hielten nichts von Ihren VorschlĂ€gen. Und da dachte ich mir, dass Sie vielleicht auch einer von diesen vielen sektiererischen Inflationsheiligen sein könnten, einer von den „Allerweltsreformern, die das Fleisch verabscheuen“ oder einer von den „Projektenmachern mit dem Kardinalrezept fĂŒr alle WeltĂŒbel.“ [14]

  SG: Davon gab es ja damals tatsĂ€chlich viele. Und vielleicht haben schon allein deshalb viele Leute  - auch kluge und weitsichtige  - gedacht, dass ich auch einer davon sein könnte. Es ging mir aber ja umgekehrt auch nicht viel anders. NatĂŒrlich hörte ich von Ihrer „WeltbĂŒhne“. Zwei meiner Mitarbeiter gaben mir die eine oder andere Ausgabe Ihrer Zeitschrift in die Hand. [15] Aber in meinen letzten Lebensjahren war ich so sehr damit beschĂ€ftigt, meine Theorien zu vervollstĂ€ndigen und vor allem eine englische Ausgabe meines Hauptwerks zu vorzubereiten, dass ich Sie wieder aus den Augen verloren habe. Und dann war ja gleich nach dem Beginn dieser unglĂŒckseligen Weltwirtschaftskrise meine Lebenszeit schon zu Ende, wĂ€hrend fĂŒr Sie der Leidensweg eigentlich erst begann.

   CvO: Ja, es war ein Martyrium. Aber ich bereue nichts. Ich habe mich nicht beugen lassen und bin meinen aufrechten Gang weitergegangen.

  SG: DafĂŒr bewundere und achte ich Sie sehr. Mir ist solch Schweres erspart geblieben. Oft habe ich ĂŒberlegt, wie die Nazis wohl mit mir umgegangen wĂ€ren. Meine frĂŒhere Haftstrafe lĂ€sst sich mit Ihrem Leidensweg nicht vergleichen.

  CvO: Sie waren auch einmal im GefĂ€ngnis?

   SG: Ja, im April 1919 hatte ich mich eine Woche lang als Volksbeauftragter fĂŒr das Finanzwesen an der ersten MĂŒnchner RĂ€teregierung beteiligt. Nach deren Sturz kam ich in das GefĂ€ngnis MĂŒnchen-Stadelheim und wurde drei Monate spĂ€ter freigesprochen. Bis dahin hatte ich große Ängste um mein Leben, denn es war erschĂŒtternd, wie das Todesurteil gegen Eugen LevinĂ© vollstreckt wurde. Seine Erschießung konnte ich von meiner Zelle aus hören. Und unser „großer Bruder Gustav Landauer“ wurde auf eine so bestialische Weise hingemordet. [16]

  CvO: Wie gut, dass Sie Gustav Landauer nicht vergessen haben. [17]

   SG: Und Ernst Toller und Erich MĂŒhsam. Wir könnten sicher noch mehr Gemeinsamkeiten entdecken, von denen wir damals nicht gemerkt haben, dass sie uns verbinden.

   CvO: Den Eindruck habe ich auch. Aber verzeihen Sie mir bitte, dass ich vom langen Tag erschöpft bin und mich nun gern ein wenig ausruhen möchte.

   SG: Könnten wir uns wiedersehen?

  CvO: Ja, gern. Nur habe ich mich fĂŒr die nĂ€chsten Tage erst einmal in Oldenburg verabredet. Dort ist 1991 eine UniversitĂ€t nach mir benannt worden.

  SG: Davon habe ich gehört.

  CvO: Wollen wir uns hier in Berlin treffen, wenn ich in der ĂŒbernĂ€chsten Woche aus Oldenburg zurĂŒck bin?

   SG: Könnten wir uns vielleicht auch in Oldenburg treffen? Ich kenne jemanden in der NĂ€he, den ich besuchen möchte. Er hat ĂŒbrigens Ökonomie an ‚Ihrer’ UniversitĂ€t studiert.

  CvO: Gut. Lassen Sie uns Telefonnummern austauschen, dann können wir uns in ein paar Tagen zu einem Spaziergang in Oldenburg verabreden. Ich kenne einen sehr schönen Spazierweg ganz in der NĂ€he der UniversitĂ€t.

   SG: Also bis bald in Oldenburg. Gute Reise.

   CvO: Ihnen auch eine gute Reise. Ich freue mich, Sie bald wieder zu sehen.

                                                    
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   Am darauffolgenden Freitag treffen sich Carl von Ossietzky und Silvio Gesell beim Eingang zur Oldenburger UniversitĂ€tsbibliothek.

  CvO: Herzlich willkommen in Oldenburg, lieber Herr Gesell. Wie schön, dass wir uns hier so schnell wieder sehen. In den letzten Tagen hatte ich hier zwar sehr viel zu tun; aber zwischendurch gingen meine Gedanken immer wieder zu unserer Begegnung in Berlin zurĂŒck. Und ich hatte die ganze Zeit das GefĂŒhl, dass es fĂŒr uns beide bedeutsam sein könnte, uns nĂ€her kennen zu lernen.

   SG: Lieber Herr Ossietzky, auch mich hat unsere Begegnung neulich in Berlin sehr glĂŒcklich gemacht. In den letzten Tagen habe ich hĂ€ufig an Sie gedacht und natĂŒrlich auch an die Gedenkveranstaltungen zum 60. Jahrestag des 8. Mai 1945. Mir ging die ganze Zeit noch ein Gedanke durch den Kopf. Ich denke, die Erinnerung wach zu halten, ist unbedingt notwendig. Aber ...

  CvO: ... ich kann mir schon denken, was Sie sagen wollen. Ich habe es auch so empfunden. Das Erinnern ist gewiss notwendig, aber es ist offenbar zu einem feierlichen Ritual geworden, von dem kaum Konsequenzen fĂŒr die Gegenwart ausgehen. Dabei ist die Welt doch wahrlich noch immer ungerecht und friedlos.

   SG: Ja, alle reden sie davon, dass sich Völkermord und Krieg nicht wiederholen dĂŒrften. Aber sehen wir uns die Welt an. Seit 1945 ist sie voller grĂ¶ĂŸerer und kleinerer Kriege und Völkermorde -  in Afrika, in Lateinamerika, in Asien und sogar in Europa. Und die blutige Internationale der RĂŒstungskonzerne verdient krĂ€ftig am Leid der Menschen. Das war schon zu unserer Zeit so und hat sich bis heute nicht geĂ€ndert.

  CvO: Denken wir nur an das Elend, das durch die teuflischen Landminen angerichtet wird. Ich finde es auch heuchlerisch, dass dieselben Politiker, die auf solchen Gedenkveranstaltungen sprechen, den Export von RĂŒstungsgĂŒtern bewilligen. KĂŒrzlich las ich, dass die deutsche Regierung im Jahr 2003 RĂŒstungsgeschĂ€fte im Wert von 4,9 Milliarden Euro mit 118 LĂ€ndern in aller Welt gemacht hat. [18]

  SG: Dabei hĂ€tten sie und die Regierungen der anderen reichen LĂ€nder an jedem Tag die Möglichkeit, etwas fĂŒr die Entschuldung der armen LĂ€nder und fĂŒr gerechtere Strukturen der Weltwirtschaft zu tun. Der jĂŒngste Schuldenerlass fĂŒr die Ă€rmsten LĂ€nder ist jedenfalls nur ein Bruchteil von dem, was nötig wĂ€re.

  CvO: Wie schnell sind wir schon mitten drin in unserem GesprĂ€ch. Kommen Sie, Herr Gesell, lassen Sie uns da unten rechts zum Durchgang beim Unikum gehen. Dahinter beginnt gleich ein Landschaftsschutzgebiet mit einem sehr schönen Spazierweg. „Haarenniederung“ heißt es. Da können wir uns in Ruhe weiter unterhalten. Auch das Wetter meint es gerade gut mit uns -  wer weiß, wie lange es anhĂ€lt. Gehen wir also. Und nachher wĂŒrde ich gern noch kurz mit Ihnen in die Bibliothek der UniversitĂ€t gehen und Ihnen eine kleine Ausstellung ĂŒber mich zeigen.

   SG: Ja, die Ausstellung interessiert mich sehr. Mein Freund sprach schon davon. Er erzĂ€hlte mir auch, wie unwĂŒrdig er als Student das politische Gezerre um die Benennung der UniversitĂ€t nach Ihnen fand. Aber wie gut, dass sie dann nach der Wende von 1989 doch noch möglich war, sogar einstimmig. Und ein Kreis von Oldenburger Wissenschaftlern hat ja Ihr schriftstellerisches Gesamtwerk 1994 neu herausgegeben. [19]

  CvO: Und es freut mich natĂŒrlich, dass auch die Werke meines Freundes Kurt Tucholsky von den Oldenburgern neu herausgegeben wurden.

  SG: Wenn ich seinen Namen höre, muss ich immer an seine wunderbar humorvollen und zugleich so tiefsinnigen Worte denken: „Nationalökonomie ist, wenn die Leute sich wundern, warum sie kein Geld haben.“ Wie recht hatte Tucholsky damit, anders als die Fachwissenschaftler das Geld als die „Grundlage aller Nationalökonomie“ anzusehen. [20] Aber wie verzweifelt und einsam muss er gewesen sein, als er 1935 in Schweden freiwillig in den Tod ging. Ich habe gehört, dass auch noch eine Herausgabe der Werke von Theodor Lessing vorbereitet wird.

  CvO: Und auch Hanna Ahrendts Arbeiten ĂŒber den Totalitarismus werden hier in Oldenburg sehr intensiv studiert. Ich wollte mir in diesen Tagen von allem einen Eindruck verschaffen und hatte hier tatsĂ€chlich viel zu tun. Aber nun bin ich wirklich gespannt auf unseren verspĂ€teten Gedankenaustausch.

   SG: Besser mit VerspĂ€tung als gar nicht. Es ist mir ein RĂ€tsel, dass wir nicht schon viel frĂŒher aufeinander aufmerksam geworden sind.

   CvO: Vielleicht haben wir uns ja manchmal auch nur knapp verfehlt.

   SG: Das könnte durchaus sein. Dazu fĂ€llt mir gleich etwas ein: Gehörten Sie nicht in Ihren jungen Jahren dem „Deutschen Monistenbund“ an? Dort könnten Sie nĂ€mlich meinen Namen vielleicht schon einmal gehört haben. Erinnern Sie sich an den berĂŒhmten Chemiker Wilhelm Ostwald, der 1909 den Nobelpreis fĂŒr Chemie bekommen hat?

  CvO: NatĂŒrlich sagt mir sein Name etwas, denn Professor Ostwald gehörte zu den fĂŒhrenden Persönlichkeiten im „Deutschen Monisten-Bund“. Vor dem ersten Weltkrieg war er sogar Vorsitzender.

  SG: Und er sympathisierte auch mit meinen Geld- und Bodenreformgedanken. Im FrĂŒhjahr 1914 hat er darĂŒber sehr wohlwollend in einer Zeitschrift der Monisten geschrieben. Ostwald sah in der Geldreform eine Möglichkeit, ein „Vertrauensgeld“ zu schaffen, das sich nicht mehr „lawinenhaft“ durch den Zins und Zinseszins selbst vermehrt, sondern „einen enormen Schritt zur Ausbreitung von Gerechtigkeit und Ordnung in der Welt bedeuten wĂŒrde.“ [21]

   CvO: Das ist mir damals leider entgangen. Zu Ostwald hatte ich allerdings auch ein etwas zwiespĂ€ltiges VerhĂ€ltnis. [22] Vielleicht lag es aber auch daran, dass ich mich zu jener Zeit gerade in beruflichen Schwierigkeiten befand.

   SG: Hatten Sie nicht auch gerade ihre erste Auseinandersetzung mit der Justiz, die mit dem „Erfurter Urteil“ endete?

   CvO: Ja, und dann folgte auch schon bald der erste Weltkrieg.

   SG: Ich hatte mich mit der Rolle des Geldes in der Geschichte beschĂ€ftigt und sah es kommen, sah wie das ungerechte Geldwesen den NĂ€hrboden fĂŒr BĂŒrger- und Völkerkriege bereitete. Ich warnte davor, „dass unser Geld den Kapitalismus bedingt, den Zins, die Massenarmut, die Revolte und schließlich den BĂŒrgerkrieg.“ Und mir stand vor Augen, wie schnell uns der BĂŒrgerkrieg in die „Barbarei“ zurĂŒckwerfen wĂŒrde. Aber meine Warnung verhallte ungehört. [23] In den ersten Monaten des Krieges habe ich mich dann leider von der allgemeinen Kriegsstimmung anstecken lassen. [24]

   CvO: So ist es damals vielen ergangen, die den Krieg eigentlich ablehnten und sich dem Sog der allgemeinen Hurrapatriotismus dann doch nicht entziehen konnten. Auch ich war davon nicht ganz frei. [25]

   SG: Es ist gut, wenn wir uns auch unsere Fehler eingestehen können. Bald besann ich mich auf meine Abneigung gegen den Krieg. Vom MilitĂ€rdienst blieb ich verschont und nahm Verbindungen zur „Zentralstelle Völkerrecht“ in Berlin auf. Aber richtig verstanden fĂŒhlte ich mich nicht von den dortigen Vertretern der Friedensbewegung. Und als die Kriegszensur mir dann noch die weitere Verbreitung meiner Schriften verbot, bin ich in die Schweiz gegangen, um die friedenspolitische Bedeutung der Geld- und Bodenreform noch deutlicher herauszuarbeiten. [26]

   CvO: Das dĂŒrfte etwa um die Zeit gewesen sein, als ich als Armierungssoldat eingezogen wurde. SchĂŒtzengrĂ€ben musste ich mit ausheben. Wie sehr habe ich damals das Ende dieses militaristischen Obrigkeitsstaates mit dem grĂ¶ĂŸenwahnsinnigen Kaiser und der ganzen „BĂŒrokratenkaste“ herbeigesehnt. Und besonders unertrĂ€glich fand ich, wie der jungen Generation dieses ganze „Muckertum“ anerzogen wurde. „Schule, Kirche, sogar Theater sind TummelplĂ€tze dieser deutschen Mafia,“ schrieb ich deshalb voller Empörung ĂŒber diesen monarchistisch-nationalistischen Ungeist. [27]

  SG: Wie Ă€hnlich haben wir doch unabhĂ€ngig voneinander gedacht! „Die Wahrheit ist eben gebeugt worden, von den Beamten in der Schule, in der Kirche.“ Die Menschen in Deutschland waren an den „Kadavergehorsam“ gewöhnt. [28] Und durch die große Inflation wurden sie bald völlig haltlos -  materiell wie geistig.

  CvO: Ja die große Inflation, sie war ein „gigantischer Raubzug der Schwerindustrie durch die Ersparnisse der kleinen Leute.“ [29] Sie zersetzte die wirtschaftlichen Fundamente, die fĂŒr die Weimarer Demokratie erforderlich gewesen wĂ€ren.

   SG: Dabei hatte ich meine VorschlĂ€ge zur wirtschaftlichen Stabilisierung rechtzeitig genug an die Weimarer Nationalversammlung geschickt. Aber unter den Abgeordneten war offenbar niemand mit einem GespĂŒr fĂŒr die Bedeutung des Geldwesens. [30]

  CvO: Wie sehr muss Sie diese Ignoranz geschmerzt haben. Und wie tragisch ging dann die Entwicklung weiter mit der „Entfesselung des Nationalismus“. [31]

   SG: Und zum „nationalistischen Wahn“ kamen dann noch die „rassenzĂŒchterischen Irrlehren“ und die unselige „Judenhetzerei“ hinzu, die mir schon zu Stöckers Zeiten als eine „kolossale Ungerechtigkeit“ erschienen war. [32] All dies hatte ich wohl im Blick. Aber ich glaube, Sie haben die politischen Ereignisse damals grĂŒndlicher analysiert als ich und die Gefahren fĂŒr die Demokratie noch deutlicher gesehen als ich, der ich mich so sehr auf die MĂ€ngel des Geldwesens und des Bodenrechts konzentrierte.  

   CvO: Wir hatten eben unterschiedliche Schwerpunkte. Aber wie mir scheint, können sie sich doch ganz gut ergĂ€nzen. Als damals in Deutschland so ziemlich alles schief ging, habe ich ĂŒbrigens oft gedacht, dass das ganze Übel eigentlich schon 1525 mit der Niederlage der Bauern gegen die LandesfĂŒrsten begonnen hat. In den GeschichtsbĂŒchern wurde der Bauernkrieg immer nur einseitig aus der Sicht der LandesfĂŒrsten und Luthers dargestellt. [33] Und die Darstellungen der missglĂŒckten bĂŒrgerlichen Revolution von 1848 enthielten auch nie eine Ermutigung an die jĂŒngere Generation, sich fĂŒr die Menschenrechte und die Demokratie einzusetzen und die Revolution zu vollenden.

  SG: Auch mir erscheint unsere Geschichte als eine tragische Verkettung von Fehlentwicklungen, die durch die Jahrhunderte der Leibeigenschaft bis zur Niederlage der Bauern zurĂŒckreicht. „Das deutsche Volk hat keine andere Geschichte als Blut, Modergeruch und Knute.“ In meiner Bodenreform sollte der „Geist des Bauernkrieges“ wieder aufleben. Damit wollte ich den Feudalismus mitsamt der Monarchie ĂŒberwinden und natĂŒrlich auch den ostelbischen Großgrundbesitz aufteilen, um die Republik vor der Reaktion zu schĂŒtzen. Und meine Geldreform sollte den Kapitalismus ĂŒberwinden, damit wir nach diesen geschichtlichen Umwegen der wirtschaftlichen und politischen Machtkonzentration endlich in eine bĂŒrgerliche Gesellschaft der Freien und Gleichen gelangen. [34]

  CvO:   In ökonomischer Hinsicht hatten Sie damals offenbar schon recht klare Vorstellungen von einer neuen Gesellschaftsordnung.

  SG:  Ja, im Laufe von 30 Jahren nahmen meine Gedanken ĂŒber die Ursachen des Kapitalismus und ĂŒber einen Weg, der hinaus ins Freie fĂŒhren könnte, allmĂ€hlich klarere Konturen an. Andererseits trugen natĂŒrlich viele meiner Gedanken auch zeitbedingte ZĂŒge. Im RĂŒckblick ist mir vor allem bei meinem damaligen Menschenbild nicht mehr wohl zumute. Ich habe mich damals von Darwin mehr beeinflussen lassen als mir heute lieb ist.

  CvO: Wir waren nun einmal auch Kinder unserer Zeit. Wir sprachen ja vorhin im Zusammenhang mit dem Monismus schon einmal kurz von der Evolutionslehre. Ihre Übertragung von der Natur auf die Gesellschaft war damals modern. BerĂŒhmte Dichter und Denker waren von der Evolutionslehre beeinflusst - denken Sie nur an George Bernhard Shaw. Auch innerhalb der Arbeiterbewegung war sie sehr beliebt. Nach dem Zusammenbruch des Kaiserreiches stellte auch ich mir eine „freie Bahn fĂŒr alles TĂŒchtige“ vor. [35]

  SG: Genau, eine freie Bahn fĂŒr alle TĂŒchtigen, die Jahrhunderte lang von Adel, Klerus, Kapital und „Behördenherrschaft“ an ihrer Entfaltung gehindert wurden. In „persönlicher Freiheit, UnabhĂ€ngigkeit und Selbstverantwortung“ sollten die Menschen ihr Leben selbst in die Hand nehmen und ihre Interessen in einem völlig „freien Spiel der KrĂ€fte“ zum Ausgleich bringen. Dabei habe ich immer ausdrĂŒcklich betont, dass man Darwins und Haeckels Vorstellung von einer selbsttĂ€tigen „natĂŒrlichen Auslese“ nicht einfach so auf die Wirtschaft ĂŒbertragen kann. Der wirtschaftliche „Kampf ums Dasein“ darf nĂ€mlich nicht von Privilegien des Boden- und Geldbesitzes verfĂ€lscht werden. Allein die Arbeit der Menschen darf ihren Erfolg bestimmen. [36]

   CvO: Mir ging es auch um die Heranbildung von „autonomen Menschen“, die sich frei von aller Fremdbestimmung nur noch von ihrem eigenen Gewissen leiten lassen. [37] Aber sagen Sie - haben Sie denn auch die große Bedeutung mitbedacht, die der SolidaritĂ€t in unserem menschlichen Zusammenleben zukommt?

   SG: SelbstverstĂ€ndlich gehören auch „Gemeinsinn und Opferfreudigkeit“ zu unserem Leben. Ich denke, sie „gedeihen dort am besten, wo mit Erfolg gearbeitet wird.“ Sobald die Arbeitseinkommen nicht mehr durch Bodenrenten und Kapitalzinsen geschmĂ€lert werden, erhalten die Menschen dank ihres vollen Arbeitsertrags „nicht nur die Gelegenheit zu uneigennĂŒtzigen Taten, sondern auch die Mittel dazu.“ Aber vielleicht habe ich damals den wirtschaftlichen Eigennutz gegenĂŒber dem „sozialen Richtsinn“ zu sehr in den Vordergrund gestellt. Und weil ich die unbarmherzig wirkenden Begriffe von Darwin und Haeckel ĂŒbernahm, wird meine „NatĂŒrliche Wirtschaftsordnung“ heute fĂŒr sozialdarwinistisch gehalten - obwohl ich nach dem ersten Weltkrieg immer wieder soziale Hilfen fĂŒr die vom Krieg GeschĂ€digten gefordert habe, um sie wirtschaftlich mit den Gesunden gleichzustellen. [38]

   CvO: Welchen Stellenwert hat denn ĂŒberhaupt die Sozialpolitik in Ihrer „NatĂŒrlichen Wirtschaftsordnung“? Mich wĂŒrde schon interessieren, wie Sie damals ĂŒber die Bismarcksche Sozialgesetzgebung dachten.

  SG: Mit seinen Sozialgesetzen wollte Bismarck in erster Linie einer Revolution vorbeugen. Davon abgesehen war mir natĂŒrlich klar, dass die soziale Sicherung unerlĂ€sslich ist, solange die Menschen im Kapitalismus ausgebeutet werden und nicht die Mittel fĂŒr eine eigenstĂ€ndige Absicherung gegen die Risiken des Lebens haben. Allerdings glaube ich, dass die Menschen im Grunde eher nach Freiheit statt nach staatlichen Wohltaten streben. Wenn sie erst einmal den vollen Ertrag ihrer Arbeit erhalten, werden sie sich vielleicht lieber gegenseitig helfen als nur Hilfe vom Staat zu erwarten. [39]

  CvO: Vielleicht haben Sie damit nicht ganz unrecht. Auch Kropotkin vertraute ja sehr auf die gegenseitige Hilfe. Aber könnte eine Gesellschaft auch nach der Überwindung von wirtschaftlicher Ausbeutung wirklich ganz ohne staatliche Sozialpolitik auskommen? Ich habe den Eindruck, dass Sie doch noch stĂ€rker von Darwin und Haeckel beeinflusst gewesen sein könnten als ich.

   SG: Ich danke Ihnen, dass Sie mich nicht wegen meines damaligen Menschenbildes verurteilen, denn mich schmerzen die VorwĂŒrfe, die deshalb heute gegen meine Geld- und Bodenreform erhoben werden. [40]

   CvO: Nein, ich glaube, dass diese VorwĂŒrfe ĂŒberzogen sind. In der Zeit nach dem ersten Weltkrieg konnten wir alle noch nicht ahnen, dass der „Kampf ums Dasein“ einmal auf eine so schĂ€ndliche Weise zur Rechtfertigung von sozialer Ungleichheit benutzt werden könnte. Nach allem, was Sie mir ĂŒber Ihre Denkweise erzĂ€hlen, kann ich mir nicht vorstellen, dass Sie damals soziale Ungleichheit rechtfertigen wollten oder heute dem Sozialabbau das Wort reden wĂŒrden.

   SG: Auf keinen Fall wollte ich das, denn mein Ziel war ja eine ausbeutungsfreie Wirtschaft.

   CvO: Und außerdem habe ich den Eindruck, dass Sie ihr damaliges Menschenbild inzwischen auch selbst differenzierter sehen.

   SG: Ja, natĂŒrlich. Wenn ich vorausgesehen hĂ€tte, welche entsetzlichen Folgen sich spĂ€ter einmal aus der Übertragung von Darwins Evolutionslehre auf die Gesellschaft ergeben, dann hĂ€tte ich mein Menschenbild gleich ĂŒberdacht.

  CvO:   Lassen Sie uns bei anderer Gelegenheit noch einmal ĂŒber den Einfluss von Darwin und Haeckel auf uns sprechen. Ich glaube, das sollten wir noch einmal grĂŒndlicher aufarbeiten als wir es heute auf unserem Spaziergang tun können. -

   SG: Verstehe ich Ihre Andeutung eines weiteren GesprĂ€chs „bei anderer Gelegenheit“ richtig, dass Sie Interesse hĂ€tten, unseren Gedankenaustausch fortzusetzen?

  CvO: Ja, das könnte ich mir gut vorstellen. Aber lassen Sie uns nachher ĂŒberlegen, wo und wann wir uns wieder sehen. Bis so weit habe ich den Eindruck, dass wir sehr verwandte Ziele hatten. Aber wir hatten wohl auch unterschiedliche Ansichten ĂŒber eine VerĂ€nderung des Wirtschaftssystems, die zum Ziel von mehr Gerechtigkeit, Demokratie und Frieden fĂŒhren sollte.  Ihre Gedanken sind fĂŒr mich neu und ich möchte darĂŒber gern noch mehr erfahren.

   SG: Können wir einen Moment innehalten, bevor wir darĂŒber sprechen? Wir sind hier von einem so wunderbar kraftvollen GrĂŒn der  BĂ€ume und Wiesen umgeben. In dieser herrlichen Umgebung kommt es mir vor, als verginge unsere Zeit wie im Flug. Und wir waren so schnell in unser GesprĂ€ch vertieft, dass ich vorhin ganz vergaß, Sie danach zu fragen, wie viel Zeit Sie heute ĂŒberhaupt fĂŒr unsere Begegnung haben.

  CvO: Von mir aus haben wir keine Eile. Ich habe mir den heutigen Nachmittag fĂŒr unsere Begegnung freigehalten. Es freut mich, dass Ihnen dieser Spazierweg auch so gut gefĂ€llt wie mir. Immer wenn ich in Oldenburg bin, komme ich gern hierher, um meine Gedanken zu sammeln und zu ordnen. Wir können hier gern auch einige Augenblicke der Stille genießen. Und dann könnten wir vielleicht allmĂ€hlich wieder zur UniversitĂ€t zurĂŒckkehren, denn wir wollen ja auch noch zusammen in die Bibliothek gehen.

  SG: Ja schauen wir uns auch diese schöne Umgebung ein bisschen an und dann können wir uns auf unserem RĂŒckweg gern noch ĂŒber unsere Gedanken ĂŒber Auswege aus dem Kapitalismus unterhalten.

   SG: Herr Ossietzky, Sie sprachen unsere unterschiedlichen Vorstellungen ĂŒber Auswege aus dem Kapitalismus an. Haben fĂŒr Sie damals die Gedanken von Marx vielleicht eine grĂ¶ĂŸere Bedeutung gehabt?

  CvO:  Ja durchaus, obwohl ich mir immer eine gedankliche EigenstĂ€ndigkeit bewahrt habe. Nach dem ersten Weltkrieg war ich mir ganz sicher, dass etwas Neues an die Stelle des untergegangenen Alten treten musste. Aber mir war noch nicht deutlich, wie das Neue aussehen könnte: „Wir haben noch nicht den Sozialismus, aber wir treten in ein Zeitalter des Nachkapitalismus ein.“ So dachte ich damals. Bei aller Unbestimmtheit in den Einzelheiten konnte ich mir keine andere Alternative zum „zusammengebrochenen bĂŒrgerlich-kapitalistischen Geist“ denken als eine ÜberfĂŒhrung des privaten Eigentums an den Produktionsmitteln in die HĂ€nde des Staates. Aber natĂŒrlich sah ich auch, dass „Revolutionshysteriker“ und „Durchschnittsmenschen“ diese große Chance mit ihren „Halbheiten“ vereiteln konnten. [41]

  SG: Es lag wirklich eine große Tragik darin, dass der Sozialdemokratie gleichsam ĂŒber Nacht die politische Macht in die HĂ€nde fiel und sie damit nichts Aufbauendes anfangen konnte. [42]

  CvO: „Ein verlorener Krieg kann schnell verwunden werden. Eine verspielte Revolution, das wissen wir, ist die Niederlage eines Jahrhunderts.“ [43] Wenn in historischen Augenblicken wie demjenigen nach dem ersten Weltkrieg wichtige Weichen falsch gestellt werden, hat dies Folgen fĂŒr lange Zeit.

  SG: Trotz unserer unterschiedlichen Ansichten ĂŒber die Wirtschaftspolitik haben wir beide unabhĂ€ngig voneinander offenbar die historische Situation nach dem ersten Weltkrieg Ă€hnlich empfunden. Ein ZurĂŒck zum Kapitalismus konnten wir uns beide nicht mehr vorstellen. Andererseits hatte ich keinen Zweifel, dass Marx die Revolution mit seiner falschen Analyse des Kapitalismus auf die Abwege der Verstaatlichung von Wirtschaft und Politik gefĂŒhrt hatte. Nicht das private Produktionsmitteleigentum erschien mir als Achillesferse des Kapitalismus, sondern die strukturelle Macht des Geldes.

   CvO: Mir fĂ€llt auf, dass Sie offenbar bewusst von der „strukturellen“ Macht des Geldes sprechen. Wollen Sie damit sagen, dass Sie es falsch finden, die Macht des Geldes zu personalisieren und die Juden fĂŒr alle MissstĂ€nde auf der Welt verantwortlich zu machen?

   SG: Den Juden ist großes Unrecht geschehen, indem sie Jahrhunderte lang immer wieder zu SĂŒndenböcken gemacht wurden. „Es sind gerade die Christen, die das ursprĂŒnglich anders orientierte Volk der Juden zum Geldhandel gezwungen haben. ... Nicht die Verruchtheit eines besonderen Volkes ist Schuld an der Gegenwart; es ist die RĂŒckstĂ€ndigkeit der gesellschaftlichen Ordnung.“ [44] Wir sind alle in die strukturelle Macht des Geldes verwickelt -  unabhĂ€ngig davon, ob wir Juden, Christen, Muslime oder UnglĂ€ubige sind. Alle Menschen sind zugleich Profiteure und GeschĂ€digte der herkömmlichen Geld- und Zinswirtschaft -  natĂŒrlich in unterschiedlichem Ausmaß. Deshalb möchte ich die Strukturen des Geldes Ă€ndern, damit alle Menschen in Gerechtigkeit und Frieden miteinander auf ihrer gemeinsamen Erde leben können.

  CvO: Das beruhigt mich sehr, dass sich Ihre Geldkritik nicht gegen die Juden richtet. Aber was ist mit der Konzentration der Produktionsmittel in wenigen privaten HĂ€nden?

   SG: NatĂŒrlich ist sie ein großes Problem. Aber die Konzentration des Sachkapitels folgt aus der Konzentration des Geldkapitals und sie lĂ€sst sich erst ĂŒberwinden, wenn die Konzentration der Geldvermögen gestoppt wird. Im nachhinein ist mir allerdings bewusst geworden, dass ich es damals versĂ€umt habe, die Auswirkungen der Geldreform auf die Arbeitswelt ausfĂŒhrlicher darzustellen. Ich hĂ€tte noch deutlicher zeigen sollen, wie sich der Gegensatz zwischen dem Geld- und Realkapital einerseits und der Lohnarbeit andererseits ohne eine Verstaatlichung der Produktionsmittel durch ihre Dezentralisierung ĂŒberwinden ließe.

  CvO: Das könnte dazu gefĂŒhrt haben, dass Sie damals mit Ihrer Kritik am Geldwesen kaum von der Arbeiterbewegung beachtet wurden. An eine solche Möglichkeit, die Sie gerade angedeutet haben, habe ich auch selbst noch nicht gedacht.

  SG: Dann wird es Sie vielleicht interessieren, dass Marx im dritten Band seines „Kapital“ schon manches von meinen spĂ€teren Gedanken vorweggenommen hat. Dort ist eigentlich schon fast alles ĂŒber den Vorrang des Geldkapitals gegenĂŒber dem Realkapital gesagt. Und auch der wirklich wichtige Unterschied zwischen dem Zins und dem Unternehmergewinn ist dort dargestellt. Es fehlt dort nur noch der Ausblick auf die Geldreform als Weg zur Überwindung der Macht des Geldes und zur Dezentralisierung der Produktionsmittel. [45] Übrigens habe ich 1922 zwei Denkschriften an die Gewerkschaften verfasst und ihnen meine Kapitaltheorie im Vergleich zu derjenigen von Marx erlĂ€utert. [46]

  CvO: Auch mir war leider nicht bewusst, dass ein so großer Unterschied zwischen dem Band 1 und dem Band 3 von Marx’ „Kapital“ bestand und dass sich aus dem Band 3 eine ganz andere Möglichkeit fĂŒr eine Überwindung des Kapitalismus ergab. So hielt ich einerseits dem Band 1 entsprechend mehr an der Verstaatlichung der Produktionsmittel fest und war doch andererseits damit auch nicht wirklich zufrieden. Mir fehlte eine ökonomische Grundlage fĂŒr meine Vision eines demokratischen und friedlichen Deutschland. Vielleicht ist deshalb der Eindruck entstanden, dass ich eine „schwankende Haltung zwischen bĂŒrgerlicher und sozialistischer Republik“ einnahm. [47]

   SG: Der Band 3 des „Kapital“ hat in der Arbeiterbewegung damals und auch spĂ€ter nie die Bedeutung erlangt wie der Band 1. Den Unterschied zwischen ihnen haben nur sehr wenige bemerkt. Die „schwankende Haltung“, die Ihre Kritiker Ihnen vorhielten, war doch vielleicht auch eine Ausdruck dafĂŒr, dass Sie nicht an Dogmen festhielten, sondern noch auf der Suche nach einem zur Demokratie passenden Ausweg aus dem Kapitalismus waren.

  CvO: Sie sind wirklich sehr freundlich zu mir, dass Sie VerstĂ€ndnis fĂŒr meine „schwankende Haltung“ aufbringen. Einige Kritiker gingen deshalb sehr hart mit mir ins Gericht. [48]

  SG: Sie tut Ihrer gesamten Lebensleistung keinen Abbruch. SchwĂ€chen gehören doch auch zu unserem Leben und außerdem  finde ich, dass es uns nicht weiterbringt, wenn wir uns gegenseitig wegen unserer UnzulĂ€nglichkeiten verurteilen. Viel wichtiger ist mir, heute gemeinsam dort weiter zu denken, wo wir damals an unsere Grenzen gekommen sind.

  CvO: Ich habe auch tatsĂ€chlich bei unserem GesprĂ€ch mehr und mehr den Eindruck, dass wir uns ergĂ€nzen und manchmal sicher auch gegenseitig korrigieren könnten.

  SG: Es freut mich sehr, dass Sie sich einen weiteren Gedankenaustausch und vielleicht auch eine Zusammenarbeit mit mir vorstellen können, denn frĂŒher habe ich oft ZurĂŒckweisungen erfahren, wenn ich auf Politiker und Wissenschaftler zuging.

   CvO: Sie erwĂ€hnten eben Ihre Denkschriften an die deutschen Gewerkschaften. Haben denn die Gewerkschaften darauf reagiert?

  SG: Nein, leider nicht. Es war schon sehr deprimierend, gerade von den Gewerkschaften und von der Sozialdemokratie nicht ernst genommen zu werden, denn ich sah weit und breit keine andere gesellschaftliche Kraft, die die Wirtschaft und die Politik wieder hĂ€tte in Ordnung bringen können.

   CvO: Obwohl wir damals unterschiedliche Ansichten ĂŒber die Wirtschaftspolitik hatten, haben wir da wohl eine große EnttĂ€uschung gemeinsam. „Niemals ist der Kapitalismus besser geborgen als in Zeiten, wo Sozialisten am Ruder sitzen. ... Sozialismus bei der Sozialdemokratie suchen, nein, das hieße, von einem Brombeerbusch Bananen verlangen.“ [49]

   SG: Das ist sehr treffend ausgedrĂŒckt. In Ihren Worten schwingt jene Bitterkeit mit, die ich auch oft gespĂŒrt habe. Die Sozialdemokratie hatte leider „keine Ahnung von den Ursachen des Kapitalismus. In ihrer Parteileitung war niemand, der sich grĂŒndlich mit der WĂ€hrungsfrage auseinander gesetzt hĂ€tte.“ Deshalb habe ich die Sozialdemokratie manchmal die „rote Garde vor Mammons Tempel“ genannt. [50] Aber trotz aller EnttĂ€uschungen habe ich die Hoffnung nie ganz aufgegeben, dass die Sozialdemokraten und Gewerkschaften meine Gedanken eines Tages doch noch aufgreifen und diskutieren könnten.

   CvO: Es ist wirklich bedauerlich, dass ich in den 1920er Jahren nicht schon nĂ€her mit Ihrer Kapitalismuskritik in BerĂŒhrung gekommen bin.

  SG: Aus dem Kreis meiner Mitarbeiter waren ĂŒbrigens Wilhelm Beckmann vom Gewerkschaftsbund der Angestellten (GDA) und Hans Timm auch in der von Ihnen mitbegrĂŒndeten Republikanischen Partei Deutschlands (RPD) aktiv. So weit ich mich erinnere, haben sie die beiden Programmpunkte „feste WĂ€hrung“ und „Gemeineigentum am Grund und Boden“ besonders unterstĂŒtzt. [51]

  CvO: An den Namen Hans Timm kann ich mich nicht erinnern. Aber Wilhelm Beckmann stand bei den Reichstagswahlen 1924 sogar auf der Kandidatenliste der RPD. [52] Ob er mir gegenĂŒber von Ihrer Geld- und Bodenreform gesprochen hat, weiß ich allerdings nicht mehr.

  SG: Andere Verfechter eines nicht-marxistischen freiheitlichen Sozialismus wie Proudhon, Landauer, Henry George oder Franz Oppenheimer waren außerdem viel bekannter als ich. Mehr Bekanntheit erlangte ĂŒbrigens auch Adolf Damaschke mit seinem „Bund Deutscher Bodenreformer“. Nur erschien er mir eher als ein „Salonsozialist“, der die von Henry George formulierten Ziele der Bodenreform mehr verwĂ€sserte als weiterentwickelte. [53]

  CvO: Von Damaschke bekam ich beilĂ€ufig den Eindruck, dass er sich fĂŒr „das Neueste von vorvorgestern“ einsetzte. [54] Henry George kannte ich leider gar nicht, den Namen Franz Oppenheimer hörte ich nur einmal und von Proudhon wusste ich, dass Marx ihn heftig kritisiert hatte. [55] So blieben mir die nicht-marxistischen Sozialisten mit Ausnahme von Landauer weitgehend unbekannt und ich dachte, dass es nur eine Wahl zwischen dem Kapitalismus oder einer sozialistischen Aufhebung des Privateigentums gebe. [56] Wirklich zufrieden war ich selbst nicht damit. Vielleicht klingt das, was Sie mir von Ihren Gedanken erzĂ€hlen, gerade deshalb so interessant fĂŒr mich. Noch ĂŒberblicke ich natĂŒrlich nicht alles, was Sie da sagen. Aber ich verspĂŒre den Wunsch, mich damit in Ruhe zu beschĂ€ftigen und mit Ihnen im GesprĂ€ch zu bleiben.

   SG: Ich glaube auch, dass wir unsere Gedanken nicht alle bei einem einzigen Spaziergang austauschen können. Auch ich wĂŒrde gern mit Ihnen in Verbindung bleiben. Übrigens  - in einem Ihrer AufsĂ€tze habe ich gelesen, dass Sie sich schon damals auch noch „andere Möglichkeiten“ fĂŒr den Aufbau des Sozialismus vorstellen konnten als „nur die marxistischen Doktrinen“. [57]

  CvO: Das muss etwas spĂ€ter gewesen sein. Aber alles in allem kam ich in meinem aufreibenden Kampf gegen den Militarismus und gegen den drohenden Faschismus nicht mehr dazu, mir ĂŒber einen anderen Weg zum Sozialismus grĂŒndlichere Gedanken zu machen.

   SG: DafĂŒr haben Sie die politischen Entwicklungen in den 1920er Jahren noch tiefer durchschaut als ich, was Ihnen ja auch immer wieder Auseinandersetzungen mit der Justiz einbrachte.

  CvO: Ja, sie nahmen natĂŒrlich Zeit und Kraft in Anspruch. Abgesehen davon war mir klar, dass die „Sowjetregierer ... im einzigen sozialistischen Staat der Welt“ sich „nicht klug verhalten“ und dass die „KPD mit ihrem Treiben in die Weltrevolution genau so am Ende ihres Lateins war wie die Sozialdemokratie mit ihren opportunistischen Kniffen.“ [58] Dass ich dennoch auch mit Kommunisten zusammenarbeitete, war Ausdruck meines Wunsches nach einem breiten Gegengewicht zu der immer stĂ€rker werdenden nationalistischen Rechten.

   SG: Das ist fĂŒr mich unter tagespolitischen Gesichtspunkten auch durchaus nachvollziehbar. Übrigens fand ich auch Ihre Kritik am „Kommunistengesetz“ [59] nur allzu berechtigt. Über allen sachlichen Differenzen, die mich von den Kommunisten trennen, steht fĂŒr mich die geistige Freiheit als schĂŒtzenswertes Gut. Nicht durch Verbote, sondern allein durch gerechtere soziale VerhĂ€ltnisse kann man den Kommunismus oder den Faschismus wirksam bekĂ€mpfen.

  CvO: Außerdem haben wir in den USA beim Urteil gegen Sacco und Vanzetti gesehen, wie die Justiz sich irren oder als politisches Instrument missbraucht werden kann. [60]

  SG: Und Sie haben klar vorausgesehen, dass  - wenn erst einmal die Jagd auf Kommunisten beginnt  - „noch ganz andere an die Reihe kommen“. [61] Wenn dann so eine wirtschaftliche Katastrophe geschieht wie die große Weltwirtschaftskrise, die viele Menschen in die Verzweiflung treibt und radikalisiert, bekĂ€me die Justiz viel zu tun. Sie kann wirklich nicht die Probleme lösen, die durch die wirtschaftliche Krise entstehen.

  CvO: Und durch die große Weltwirtschaftskrise waren wir „wieder in die NĂ€he des Generalbankrotts gerĂŒckt“. Ich fĂŒrchtete auch, dass ReichsbankprĂ€sident Hjalmar Schacht „genug Gelegenheit haben (wĂŒrde), Unfug zu stiften“. [62]

  SG: Jede Krise bringt „gefĂ€hrliche SchwĂ€tzer“ wie Hjalmar Schacht hervor. [63] Ich wollte diese Krise verhĂŒten. Nach der „verbrecherischen Inflation“ der frĂŒhen 1920er Jahre war mir klar, das eine Deflation ein „gefĂ€hrliches Gift“ und geradezu der „direkte Wahnsinn“ fĂŒr die Wirtschaft sein wĂŒrde. [64] Und wenn dann noch solche verheerenden Fehler in der Wirtschaftspolitik hinzu kommen wie sie die Regierung BrĂŒning mit ihren Notverordnungen begangen hat, dann kommt unweigerlich die Stunde der Demagogen.

   CvO: Sie ließ ja dann tatsĂ€chlich nicht mehr lange auf sich warten. BrĂŒnings Notverordnungen machten die Weimarer Republik endgĂŒltig sturmreif fĂŒr den „Nationalsozialismus mit all seinen sozialrevolutionĂ€ren Phrasen“. Nichts als „Schwindel“ war dieser ganze „Sozialradikalismus“. [65]

  SG:   Als ich mich nicht mehr selbst zu dem nahenden Unheil Ă€ußern konnte, haben meine AnhĂ€nger 1932 noch einmal mit einer Denkschrift an alle im Deutschen Reichstag vertretenen Parteien versucht, sie zur wirtschaftspolitischen Vernunft zu bringen. [66] Aber es hat alles nichts genĂŒtzt. Was die NSDAP in ihrem Programm als „Bodenreform“ und als „Brechung der Zinsknechtschaft“ versprach, hatte mit meiner Geld- und Bodenreform ĂŒberhaupt nichts zu tun. Die „Brechung der Zinsknechtschaft“ war eine finstere antisemitisch-rassistische Ideologie, Ă€hnlich wie die Parolen „Blut und Boden“ oder „Volk ohne Raum“. 

  CvO:   „Das deutsche Schicksal ist keine Raumfrage. ... Es kommt nicht darauf an, wie viel Platz ein Volk unter der Sonne einnimmt, sondern wie die GĂŒter darauf verteilt sind.“ [67]

   SG: Sie sprechen mir aus der Seele. Entscheidend ist letztlich das Verteilungsproblem, das ich lösen oder doch wenigstens entschĂ€rfen wollte  - sowohl mit der Geld- als auch mit der Bodenreform. Die Bodenreform sollte einen fĂŒr alle Menschen gleichen und gerechten Zugang zu unseren Lebensgrundlagen herstellen. Und die Geldreform sollte eine gerechte Verteilung der Erzeugnisse der menschlichen Arbeit ermöglichen. Um so mehr hat es mich getroffen, dass sich zahlreiche meiner AnhĂ€nger von den demagogischen Parolen der NSDAP zu der Hoffnung verfĂŒhren ließen, dass das Regime meine Ziele verwirklichen könnte. [68] Und in den ersten Jahren nach dem Zusammenbruch suchten sie auch noch den Kontakt zu Otto Strasser. [69] Ich habe mich oft gegrĂ€mt ĂŒber meine AnhĂ€nger.

  CvO: Das kann ich Ihnen gut nachfĂŒhlen. Was hĂ€tten Sie denn selbst zu Otto Strassers „Deutschem Sozialismus“ gesagt, wenn Sie die erste HĂ€lfte der 1930er Jahre noch miterlebt hĂ€tten?

   SG: Nichts hĂ€tte ich davon gehalten. Alle seit Adam MĂŒllers romantischer Ökonomie entstandenen wirtschaftspolitischen Konzeptionen von Othmar Spanns Universalismus bis hin zum „Deutschen Sozialismus“ von Strasser und anderen konservativen Autoren tragen den Stempel von Feudalismus und StĂ€ndestaat. Im Gegensatz dazu wollte ich nicht zurĂŒck in die Zeit vor der Ausbreitung von Marktwirtschaft und Geld. Den Markt und das Geld wollte ich weder durch eine kommunistische PlanungsbĂŒrokratie noch durch stĂ€ndestaatliche Bindungen ersetzen. Ich wollte sie ‚nur’ bĂ€ndigen und aus „sozialen Spaltpilzen und Sprengkörpern“ ein „mĂ€chtiges Bindemittel“ machen, das den Menschen dient statt sie zu beherrschen. [70]

  CvO: Ihre ablehnende Haltung zu Otto Strasser freut mich sehr, denn ich habe in seinem „Deutschen Sozialismus“ auch ein „romantisches Feudalsystem und eine neue Art Kastensystem“ gesehen. [71]

   SG: Seien Sie unbesorgt. Adam MĂŒller, Fichte mit seinem „geschlossenen Handelsstaat“, Spann, Feder, Strasser und wie sie alle heißen  - sie erschienen mir mit ihren Autarkieideen immer historisch rĂŒckwĂ€rts gewandt und engstirnig. Als Kaufmann in Argentinien hatte ich viel von der weiten Welt gesehen und empfand deshalb den „Gedanken eines in sich geschlossenen, durch Kolonien und Eroberungen zu erweiternden nationalen Wirtschaftsgebiets“ als einen „geradezu gefĂ€hrlichen Gedanken“. [72] Im nachhinein bedaure ich allerdings, dass ich mich in den 1920er Jahren nicht stĂ€rker mit den Romantikern und Konservativen auseinandergesetzt habe. Damals schien mir die Auseinandersetzung mit Marx vordringlich.

  CvO:  Das war in gewisser Hinsicht einseitig. Aber wenn ich jetzt sehe, wie Sie Ihre Geld- und Bodenreform nicht nur nach links, sondern auch nach rechts abgrenzen, dann wird mir allmĂ€hlich deutlich, warum Sie so viel Wert auf den Unterschied zwischen der bisherigen kapitalistisch verfĂ€lschten Marktwirtschaft und einer „Marktwirtschaft ohne Kapitalismus“ legen. Ich denke, wir sollten dem dann auch eine Unterscheidung zwischen der bislang kapitalistisch verfĂ€lschten Demokratie und einer zukĂŒnftigen „Demokratie ohne Kapitalismus“ hinzufĂŒgen.

   SG: Das erscheint mir als eine wichtige politische KlĂ€rung und Bereicherung meiner ökonomischen Überlegungen.

   CvO: Vielleicht ist in Ihrem Denkansatz tatsĂ€chlich eine damals von mir nicht wahrgenommene „andere Möglichkeit“ angelegt, den Sozialismus auf eine freiheitliche und obendrein noch „weltoffene“ [73] Weise zu verwirklichen.

  SG: Aufgrund meiner Erfahrungen im Ausland erschien mir die Erde immer als „Heimat aller Menschen“ im Universum und als ein „einheitliches, unteilbares Wirtschaftsgebiet“. Aber der freie Welthandel kann die Völker der Erde natĂŒrlich nur dann zu einer großen „Menschenfamilie“ verbinden, wenn er nicht mehr auf kapitalistischen, sondern auf gerechten Grundlagen stattfindet. [74]

  CvO: Über die internationale Dimension Ihrer Geld- und Bodenreform könnten wir uns bei einer weiteren Begegnung unterhalten. Sie interessiert mich sehr, gerade im Hinblick auf die Globalisierung der kapitalistischen Ökonomie wĂ€hrend der letzten drei Jahrzehnte. Aber vielleicht wĂ€re es gut, erst noch einmal in Ruhe ĂŒber alles nachzudenken, was wir heute auf unserem Spaziergang besprochen haben. Außerdem nĂ€hern wir uns allmĂ€hlich wieder der kleinen BrĂŒcke ĂŒber die Haaren, wo wir vorhin losgegangen sind. Ich habe wirklich nicht gemerkt, wie schnell unsere Zeit verging.

   SG: Das ist doch ein gutes Zeichen. Wir waren auf unserem Spaziergang so sehr in die Vergangenheit entrĂŒckt, dass wir fast nicht gemerkt hĂ€tten, wie wir wieder auf die Gegenwart zugingen. Wollten Sie mir nicht noch eine Ausstellung zeigen?

   CvO: Ja, das habe ich nicht vergessen. FĂŒr unsere heutige Begegnung hatte ich mir genĂŒgend Zeit eingeteilt, denn ich wollte doch Ihre Gedanken gern einmal in Ruhe kennen lernen.

                                                    
***

   Auf dem Weg zur UniversitĂ€tsbibliothek sieht Gesell den Ossietzky-Buchladen und bittet Ossietzky um einen Augenblick Geduld. Er möchte sich zumindest kurz einen Eindruck vom BĂŒcherangebot im Bereich der Wirtschaftswissenschaften verschaffen. Ossietzky ist daran auch selbst interessiert und so gehen die beiden zusammen zu den entsprechenden Regalen.

   SG: NatĂŒrlich klingt alles sehr viel moderner als frĂŒher, was dort an Fachliteratur fĂŒr die Studierenden angeboten wird. Aber im Grunde genommen geht es noch immer wie frĂŒher um die Vermittlung des Handwerkszeugs fĂŒr den beruflichen Alltag. Beim Anblick der ökonomischen Fachliteratur bekomme ich den Eindruck, dass der ‚neoliberale’ Wind mittlerweile auch bis nach Oldenburg weht. Aber Sie dĂŒrften die VerhĂ€ltnisse hier besser ĂŒberblicken. Ist vom kritischen Geist der 68er Generation noch etwas ĂŒbrig geblieben?

   CvO: Ich denke schon. Anders als in den 1970er Jahren spricht heute zwar kaum noch jemand von SystemverĂ€nderung. Das ebbte schon in den 1980er Jahren allmĂ€hlich ab und erst recht nach der 1989er Wende in Mittel- und Osteuropa. Aber immerhin ist in Oldenburg der einzige Ökonomie-Studiengang in Deutschland entstanden, der ökonomische Kenntnisse mit ökologischem Engagement verbindet. Und es besteht auch ein großes Interesse an der neueren Wirtschaftsethik. Da, schauen Sie mal. Zwischen all der Fachliteratur steht auch ein einzelnes Buch „Zivilisierte Marktwirtschaft“. [75]

  SG: Das Buch ist noch ganz neu. Ich habe es auf der Bahnfahrt hierher gelesen. Im Untertitel verspricht es eine „wirtschaftsethische Orientierung“. Davon ist ja seit einigen Jahren viel die Rede -  sowohl im Hinblick auf die Unternehmen als auch auf Geldanlagen.

   CvO: Könnte diese neuere Wirtschaftsethik vielleicht besser zu Ihrer Geld- und Bodenreform passen als damals die Evolutionslehre? Der Buchtitel „Zivilisierte Marktwirtschaft“ klingt doch so, als könnte der Autor Ă€hnliche Vorstellungen haben wie Sie. Im Klappentext kritisiert er rĂŒcksichtslose Gewinnmaximierung und Massenarbeitslosigkeit.

   SG: Ja, das könnte sie. TatsĂ€chlich ist der grĂ¶ĂŸte Teil dieses Buches auch ganz in meinem Sinne geschrieben.

   CvO: Wollen Sie damit sagen, dass es darin auch einen kleineren Teil gibt, mit dem Sie unzufrieden sind?

   SG: So ist es, leider. Dabei kritisiert der Autor zu meiner Freude sehr deutlich, dass die internationalen FinanzmĂ€rkte die Politik entmachtet haben und gleichsam wie Götter regieren. [76]

   CvO: Es herrscht eben immer noch der „Weltkapitalismus“ von damals, nur auf einer ‚höheren Stufe’ der Globalisierung.

   SG: Seit dem Übergang von der keynesianischen Nachfragepolitik zur monetaristischen Angebotspolitik in den 1970er Jahren herrscht wirklich der „Weltkapitalismus“ und gebetsmĂŒhlenartig verkĂŒnden die Prediger des sog. Neoliberalismus, dass es dazu keine Alternative gebe.

   CvO: „Überall wird heute der Vorrang der Ökonomie diskussionslos zugestanden“ [77], kritisierte ich damals. Im großen und ganzen scheint das jetzt auch wieder so zu sein. Und das Schlimme daran ist, dass unsere Demokratie immer mehr ausgehöhlt wird. In die Verfassung wurde nach dem zweiten Weltkrieg hineingeschrieben, dass alle Macht vom Volk ausgehen solle. Doch in Wirklichkeit geht sie lĂ€ngst viel mehr vom Geld und von den FinanzmĂ€rkten aus als vom Volk.

   SG: Immer und ĂŒberall hat die strukturelle Macht des Geldes die Demokratie verfĂ€lscht -  in Athen, in der Schweiz, in Frankreich und in Amerika. [78] Und sie ist auch heute wieder eine große Gefahr fĂŒr die Demokratie.

   CvO: Umso wichtiger könnte es in Zukunft werden, Ihre Gedanken zum Geld in die Menschenrechts- und Demokratiebewegungen hineinzutragen.

  SG: Ja, diese Hoffnung habe ich auch. Und es gibt ja dazu inzwischen auch schon einige AnsĂ€tze. [79] Und weil die Demokratie und die soziale Gerechtigkeit gleichermaßen durch die strukturelle Macht des Geldes gefĂ€hrdet sind, freue ich mich auch so sehr ĂŒber BĂŒcher zur Wirtschaftsethik, die die globale Herrschaft des Kapitals in Frage stellen.

   CvO: Im Inhaltsverzeichnis des Buches „Zivilisierte Marktwirtschaft“ sehe ich gerade, dass darin auch GrundsĂ€tze fĂŒr ein ethisches Verhalten in privaten Haushalten, in Unternehmen und in der Politik formuliert werden. ‘

  SG: Diese GrundsĂ€tze sind auch gut formuliert; aber letztlich vermeidet der Autor eine Kritik an der strukturellen Macht des Geldes. Und das ist es, was ich doch sehr vermisse.

   CvO: Dazu gehört wohl auch sehr viel Mut. Vielleicht denkt der Autor auch, dass angesichts der gegenwĂ€rtigen, schier unĂŒberwindlich erscheinenden Übermacht des Kapitals schon viel damit gewonnen ist, wenn die Wirtschaftsethik wenigstens in kleinen Schritten in die bestehenden wirtschaftlichen Strukturen eindringt.

  SG: NatĂŒrlich ist es besser, die Marktwirtschaft schon mal in einigen kleinen Schritten zu zivilisieren als wenn in dieser Hinsicht gar nichts geschĂ€he. Trotzdem frage ich mich, wie die Menschen ethischer handeln sollen, wenn die der Ethik entgegenstehende Macht des Geldes und die damit verbundenen SachzwĂ€nge bestehen bleiben. Ich sehe die Gefahr, dass die Ethik von Unternehmen auch als Feigenblatt missbraucht werden könnte, um wirtschaftliche Interessen zu verbergen.

  CvO: Das stimmt natĂŒrlich auch. Wir brĂ€uchten wirklich dringend eine fundierte Kapitalismus-Debatte auf breiter Basis. Ich habe den Eindruck, dass wir noch stundenlang miteinander reden könnten. Aber nun möchte ich Ihnen gern noch die kleine Ausstellung ĂŒber mich zeigen.

                                                    
***

   SG: Wo befindet sich denn die Ausstellung ĂŒberhaupt? Ich hatte gedacht, sie sei ein Blickfang im Eingangsbereich zur Bibliothek. Dann wĂŒrde sie allen, die hier ein- und ausgehen, automatisch in den Blick kommen.

  CvO: Da hinten befindet sich die Ausstellung, hinter dem Treppenaufgang. Da ist es etwas ruhiger als im Eingangsbereich. Es gehört nĂ€mlich auch eine Leseecke dazu, wo meine „SĂ€mtlichen Schriften“ und BĂŒcher ĂŒber mich eingesehen werden können.

  SG: Da ist ja auch die Urkunde ĂŒber die Verleihung des Friedensnobelpreises an Sie. Und das Foto von Ihnen als HĂ€ftling Nr. 562 im Emslandlager, das um die Welt gegangen ist wie das Foto von dem verĂ€ngstigten kleinen Jungen im Warschauer Ghetto. Wenn ich bedenke, wie sehr Sie fĂŒr Demokratie und Frieden gekĂ€mpft haben und wie aufrecht Sie das Leid ihrer letzten Lebensjahre ertragen haben, dann finde ich es sehr tröstlich, dass Sie den Friedensnobelpreis schließlich doch bekommen haben. Damit waren Sie schon in den ersten Jahren der NS-Herrschaft der unĂŒbersehbare leibhaftige Beweis fĂŒr die Unmenschlichkeit des Regimes. Lieber Herr Ossietzky, ich glaube, es ist hier in der Ausstellung ĂŒber Sie der richtige Moment, Ihnen noch einmal zu sagen, wie glĂŒcklich mich unsere Begegnungen machen. Ich empfinde es als ein großes Geschenk, dass wir uns kennenlernen konnten.

  CvO: Ich erlangte damals BerĂŒhmtheit durch meine TĂ€tigkeit bei der „WeltbĂŒhne“ und durch mein spĂ€teres Schicksal. Sie verließen die Welt, ohne Anerkennung fĂŒr Ihre Lebensleistung bekommen zu haben. Wenn Ihre Gedanken in der Weimarer Zeit ernster genommen worden wĂ€ren, hĂ€tten sie vielleicht dazu beitragen können, die große Katastrophe zu verhindern. Um so wichtiger wĂ€re es heute, dass Ihre Grundgedanken kritisch geprĂŒft werden. Und wenn sich dann herausstellen sollte, dass sie einen guten Kern enthalten, dann sollten sie natĂŒrlich auch aktualisiert und weiterentwickelt werden.

  SG: Genau das ist es, wovon ich schon lange trĂ€ume. Die ganze Umweltproblematik mĂŒsste dabei natĂŒrlich auch mitbedacht werden. Ähnlich wie die klassische und marxistische Ökonomie habe ich damals die ökologischen Grenzen des Wachstums noch nicht gesehen. Erst spĂ€ter erfuhr ich, dass John Stuart Mill diese Grenzen schon um 1870 geahnt hat und sich auch schon eine zukĂŒnftige Wirtschaft in einem stationĂ€ren Gleichgewicht vorstellen konnte  - ĂŒbrigens auch mit breit gestreutem Eigentum an den Produktionsmitteln. [80]

   CvO: Das ist ja wirklich eine faszinierend weitblickende Erkenntnis von John Stuart Mill gewesen, dass die Ressourcen unserer Erde begrenzt sind und dass darum die Wirtschaft auf die Dauer nicht grenzenlos wachsen kann. Und was sagen Sie heute aus der Sicht Ihrer Geld- und Bodenreform zu den Grenzen des Wachstums? LĂ€sst sich diese Problematik nachtrĂ€glich in Ihren Denkansatz integrieren?

  SG: Ja, ich denke schon. Sobald wir den Boden und die Ressourcen als unverĂ€ußerliche GemeinschaftsgĂŒter der ganzen Menschheit behandeln, schaffen wir nicht nur einen fĂŒr alle Menschen gerechten Zugang zu unseren Lebensgrundlagen, sondern wir bekommen dann auch die Möglichkeit, uns auf demokratischem Weg ĂŒber die private entgeltliche Nutzung des Bodens und der Ressourcen zu verstĂ€ndigen und sie sinnvoll zu begrenzen. Übrigens vertraten John Stuart Mill und sogar berĂŒhmte neoklassische Ökonomen wie Gossen und Walras schon Bodenreformgedanken, die im Hinblick auf die ökologische Problematik ausbaufĂ€hig wĂ€ren. [81]

   CvO: DarĂŒber ist mir bei der LektĂŒre ökonomischer Literatur noch nie etwas begegnet.

   SG: Der Boden war ja ĂŒberhaupt lange Zeit ganz aus dem Bewusstsein der Ökonomie verdrĂ€ngt. So konnten auch die Gedanken zur Reform des Bodenrechts leicht in Vergessenheit geraten.

   CvO: Und was ist in diesem Zusammenhang mit dem Geld? Könnte eine Reform des Geldes in Ihrem Sinne dazu beitragen, die Wirtschaft auch ohne stĂ€ndiges Wachstum zu stabilisieren und in die Natur einzufĂŒgen?

  SG: Ja, in groben Umrissen könnte ich mir das heute vorstellen. Bislang suchen sich die wachsenden Geldvermögen ja immerzu neue rentable Wachstumsfelder. Und wenn sie sich einmal nicht finden lassen, hilft ihnen der Staat mit seiner Innovationsförderung und mit industriellen Großprojekten.

   CvO: Mittlerweile ist ja tatsĂ€chlich ein regelrechter Innovationswettlauf entbrannt. Und zu den staatlichen Großprojekten gehören letztlich auch die  Atomenergie- und RĂŒstungsgeschĂ€fte.

   SG: Wenn es nun aber mit Hilfe einer Reform des Geldes gelĂ€nge, das Zinsniveau dauerhaft gegen Null abzusenken und damit auch die Selbstvermehrung der Geldvermögen zu stoppen, dann stĂŒnde die Realwirtschaft nicht mehr unter einem Wachstumsdruck wie bisher. Bei einem um Null pendelnden Zinsniveau wĂ€ren ĂŒbrigens auch Investitionen in Soziales und Kulturelles leichter finanzierbar als heute. Aber wie gesagt, ich habe diese Dinge erst einmal nur in groben Umrissen vor Augen. Sie mĂŒssten natĂŒrlich noch grĂŒndlich durchdacht werden.

  CvO: Die Perspektiven, die Sie da andeuten, wirken tatsĂ€chlich interessant, so dass ich Sie nur ermutigen kann, in dieser Richtung weitere Überlegungen anzustellen. Überhaupt könnte es sinnvoll sein, dass Sie selbst und andere Ihre Werke nochmals genau durchsehen, um zu erkennen, was davon zeitbedingt war und inzwischen ĂŒberholt ist. Und es mĂŒsste herausgearbeitet werden, was von bleibender Bedeutung ist und sich zum Beispiel auch im Hinblick auf die ökologische Problematik erweitern ließe.

   SG: Ich habe auch schon des öfteren ĂŒberlegt, ob es besser wĂ€re, in Zukunft nicht mehr von einer natĂŒrlichen, sondern von einer „nachhaltigen Wirtschaftsordnung“ zu sprechen.

  CvO: Das könnte eine von vielen Fragen sein, ĂŒber die in diesem Zusammenhang nachzudenken wĂ€re. Wichtig scheint mir zu sein, dass Ihre Gedanken fortan mehr Beachtung finden als bisher.

   SG: Genau das ist es ja, was ich mir seit langem so sehr wĂŒnsche, dass meine Gedanken vor allem auch in wissenschaftliche Forschungen einbezogen werden. [82] Nur hat mein Name in der Fachwelt keinen guten Klang. Ich war ja kein ‚richtiger’ Wirtschaftswissenschaftler, sondern nur ein praktischer Kaufmann, der sich als Autodidakt mit der Ungerechtigkeit und der KrisenanfĂ€lligkeit der kapitalistischen Wirtschaft beschĂ€ftigt hat. Zwar habe ich im Laufe der Zeit mehr als 6000 Seiten geschrieben, aber ich habe keine wissenschaftliche Reputation.

   CvO: Das Problem kenne ich. Ich war auch ‚nur’ ein einfacher Journalist ohne akademische Ausbildung. Aber macht es Ihnen nicht Mut, dass mir trotzdem in meinen letzten Lebensjahren und posthum große Anerkennung zuteil wurde?

  SG: Ja, durchaus. Und es hat ja spĂ€ter doch auch einige Ökonomen gegeben, die den Wert meiner VorschlĂ€ge anerkannt haben. Der berĂŒhmte Keynes zum Beispiel hat in seinem Hauptwerk meinen „antimarxistischen Sozialismus“ ausdrĂŒcklich gelobt. Und noch einige andere wie Dudley Dillard, Lawrence Klein, Roy Harrod, Maurice Allais usw. Ă€ußerten sich sehr wohlwollend ĂŒber meine Gedanken. [83]

  CvO: Sehen Sie, lieber Herr Gesell. Da besteht doch Hoffnung.

  SG: Vielleicht bin ich tatsĂ€chlich manchmal zu pessimistisch, weil die anerkennenden Worte von Keynes und anderen ĂŒber mich schnell wieder vergessen wurden und im akademischen Alltag keine Rolle spielen.

  CvO: Aber wir sehen doch tagtĂ€glich, wie die Probleme in Wirtschaft und Politik immer grĂ¶ĂŸere Ausmaße annehmen und wie hilflos ihnen die Politiker gegenĂŒberstehen.

  SG: Das ist ja das Schlimme, was mich so sehr beunruhigt. Wenn ich die heutigen VerhĂ€ltnisse sehe, kommt tatsĂ€chlich die BefĂŒrchtung in mir auf, dass den Politikern die Krisenentwicklung noch einmal entgleiten könnte. Und mir kommt ein Satz in den Sinn, den ich unter dem Eindruck der großen Weltwirtschaftskrise geschrieben habe: „Die Regierung wird von links nach rechts und von rechts nach links pendeln. Und jeder Pendelschlag wird nur die Verwirrung, die Hilf- und Ratlosigkeit vermehren.“ [84]

  CvO: Sind nicht in der Zwischenzeit auch Ihre Schriften gesammelt und neu herausgegeben worden?

   SG: Ja, sie stehen in vielen deutschen und sogar in mehreren auslĂ€ndischen UniversitĂ€tsbibliotheken, auch hier in Oldenburg.

  CvO: Das ist ja schon eine gute Voraussetzung fĂŒr Forschungsarbeiten ĂŒber Ihren Denkansatz.

   SG: Am schönsten wĂ€re es natĂŒrlich, wenn auch noch die PrimĂ€r- und SekundĂ€rliteratur und die Dokumente, die inzwischen ĂŒber die Geld- und Bodenreform gesammelt wurden, in eine UniversitĂ€tsbibliothek aufgenommen werden könnten, zum Beispiel als Quellensammlung in einem interdisziplinĂ€ren Sonderforschungsbereich. Aber ich weiß natĂŒrlich nicht, ob die Zeit dafĂŒr schon reif ist.

   CvO: Das vermag ich im Moment auch nicht zu beurteilen. Aber Sie könnten doch beginnen, sich ĂŒber verschiedene UniversitĂ€ten zu informieren und zu ĂŒberlegen, wo ein solcher Sonderforschungsbereich verwirklicht werden könnte. Und falls Sie sich hierfĂŒr Oldenburg vorstellen könnten, lassen Sie es mich bitte wissen. Ich könnte Ihnen dann einige Personen nennen, die Sie ansprechen könnten.

  SG: Danke fĂŒr die Ermutigung, lieber Herr Ossietzky. Ich werde gern darĂŒber nachdenken.

                                                  
***

   Nachdem sich Carl von Ossietzky und Silvio Gesell bei einer kleinen Mahlzeit im „Cafe Merlin“ noch ĂŒber ganz andere Dinge unterhalten hatten, wurde es Zeit, sich voneinander zu verabschieden -  zum GlĂŒck nicht fĂŒr immer. Beide empfanden ihre Begegnungen in Berlin und Oldenburg als Beginn einer neuen wertvollen Freundschaft, die sie unbedingt weiterpflegen wollten. Deshalb versĂ€umten sie nicht, ihre Post- und eMail-Anschriften sowie ihre Telefonnummern auszutauschen. Gesell war dankbar fĂŒr die Aussicht, im Kontakt mit Ossietzky sein Demokratiebewusstsein zu stĂ€rken. Ossietzky war dankbar fĂŒr die Möglichkeit, die von der strukturellen Macht des Geldes ausgehenden Gefahren fĂŒr die Demokratie noch deutlicher erkennen zu können. Und beide spĂŒrten sie, dass eine Verbindung ihrer politischen und ökonomischen Denkweisen zum Frieden in der Welt beitragen könnte.

Anmerkungen:

[1] CvO, Ausverkauf (Nov 1919), in: SĂ€mtliche Schriften Band 1, S. 145, und ders., Die Pazifisten (Okt 1924), in: SĂ€mtliche Schriften Band 2, S. 375.
[2] CvO, Rechenschaft (Mai 1932), in: SĂ€mtliche Schriften Band 6, S. 371 – 372.
[3] CvO, Kavaliere und Rundköpfe (Feb 1933), in: SÀmtliche Schriften, Band 6, S. 468.
[4] Bruno Frei in seinem Nachwort zu: Carl von Ossietzky, Rechenschaft -  Publizistik aus den Jahren 1913 –1933. Frankfurt 1972, S. 260.
[5] CvO, Kavaliere und Rundköpfe (Feb 1933), in: SÀmtliche Schriften Band 6, S. 470.
[6] SG, Die NatĂŒrliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld (1916/1920), in: Gesammelte Werke Band 11, S. 55.
[7] SG, Die gesetzliche Sicherung der Kaufkraft des Geldes -  Denkschrift zu einer Eingabe an die Weimarer Nationalversammlung (1919), in: Gesammelte Werke Band 10, S. 247 – 264 und 328.
[8] SG, Internationale Valuta-Assoziation (IVA)  - Voraussetzung des Weltfreihandels, der einzigen fĂŒr das zerrissene Deutschland in Frage kommenden Wirtschaftspolitik (1920), in: Gesammelte Werke Band 12, S. 149 – 190. - Ders., Das Trugbild der Auslandsanleihe und ein neuer Vorschlag zum Reparationsproblem (1922), in: Gesammelte Werke Band 14, S. 95 – 126.
[9] SG, Verteidigungsrede (1919), in: Gesammelte Werke Band 12, S. 34.
[10] Vgl. Gesells Warnung vor einem weiteren Krieg aus dem Jahr 1923, in: Gesammelte Werke Band 14, S. 205 – 206, und ein Appell an die damalige Friedensbewegung, in: Gesammelte Werke Band 15, S. 253 – 257.
[11] SG, Vorwort zur 7. Auflage der NatĂŒrlichen Wirtschaftsordnung (Fragment 1929/1930), in: Gesammelte Werke Band 11, S. 402.
[12] CvO, Kommt Hitler doch? (Dez 1931), in: SĂ€mtliche Schriften Band 6, S. 269.
[13] SG, Zur Tat! Zur Tat! Das Not-Wirtschaftsprogramm fĂŒr die Einheitsfront (1921), in: Gesammelte Werke Band 13, S. 79 – 85.
[14] Zur sozialdemokratischen Kritik an Gesell vgl. Emil Lederer, Die Motive des Freigeldes, in: Der freie Angestellte, Nr. 10 / 1922. - Conrad Schmidt, Geld- und „Schwundgeld“-Zauberei -  Silvio Gesells Erlösungsbotschaft, Berlin 1924. – CvO, Die Pazifisten (Okt 1924), in: SĂ€mtliche Schriften Band 2, S. 374 – 375.
[15] Diese Mitarbeiter Gesells, die sich auch in der von Ossietzky 1924 mitbegrĂŒndeten Republikanischen Partei Deutschlands (RPD) engagiert hatten, waren Hans Timm und Wilhelm Beckmann; letzterer war Vorsitzender des Gewerkschaftsbundes der Angestellten. Vgl. hierzu die Anmerkungen 50 und 51.
[16] SG, Verteidigungsrede (1919), in: Gesammelte Werke Band 12, S. 24. – Vgl. auch Rolf Engert, Silvio Gesell in MĂŒnchen 1919, Hann.-MĂŒnden 1986, S. 56.
[17] CvO ĂŒber Landauer, Erzberger und Rathenau im Aufsatz „51 Prozent“ (Jun 1925), in: SĂ€mtliche Schriften Band 3, S. 102.
[18] Wilfried Herz, Der peinliche Exporterfolg, in: Die Zeit Nr. 16 / 2005, S. 30.
[19] CvO, SĂ€mtliche Schriften in 8 BĂ€nden (hrsg. von Werner Boldt, Dirk Grathoff, Gerhard Kraiker und Elke Suhr) Reinbek bei Hamburg 1994. - Vgl. auch Elke Suhr, Carl von Ossietzky  - Eine Biografie, Köln 1988, sowie mehrere vom Fritz-KĂŒster-Archiv an der Carl-von-Ossietzky-UniversitĂ€t herausgegebene weiterfĂŒhrende Veröffentlichungen.
[20] Peter Panter (d.i. Kurt Tucholsky), Kurzer Abriss der Nationalökonomie, in: Kurt Tucholsky, Panter, Tiger & Co., Reinbek 1977, S. 161 – 163.
[21] Wilhelm Ostwald, Geld, in: Monistische Sonntagspredigten Nr. 98 vom 7.2.1914, S. 337 - 352 (Teil 1 mit einem Hinweis auf die Bodenreform auf S. 344) und Nr. 100 vom 7.3.1914, S. 369 – 384 (Teil 2). WĂ€hrend der 1920er Jahre engagierte sich auch Gesells Mitarbeiterin Hanna Blumenthal aus Berlin im „Deutschen Monistenbund“ und schrieb einige BeitrĂ€ge zu den „Monistischen Monatsheften“, allerdings nicht zu reformökonomischen Themen: Platonische Liebe? (August 1927, S. 310 – 312); Über das Prophezeien (Oktober 1928, S. 339 – 342).
[22] Elke Suhr, Carl von Ossietzky -  Eine Biografie, Köln 1988, S. 73 – 86, hier: S. 80 – 82. -  Der Vorstellung zahlreicher Monisten vom Krieg als legitimer Form des Kampfes ums Dasein ist auch Gesell entgegen getreten; vgl. dazu einen im ĂŒbrigen problematischen Aufsatz im Band 7 der Gesammelten Werke, S. 216 – 220.
[23] SG, Geld oder Krieg? (1912), in: Gesammelte Werke Band 7, S. 166 – 171, hier: S. 170.
[24] SG, KriegsflugblĂ€tter Nr. 1 – 6 (1914 – 1915), in: Gesammelte Werke Band 8.
[25] Vgl. Elke Suhr, Carl von Ossietzky  - Eine Biografie, Köln 1988, S. 79 – 80.
[26] Die VortrĂ€ge „Gold und Frieden“ 1916 in Bern und „Freiland als eherne Forderung des Friedens“ 1917 vor dem „Weltfriedensbund“ in ZĂŒrich wurden eingearbeitet in: Die NatĂŒrliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld, in: Gesammelte Werke Band 11, S. 55 – 71 und 210 – 233.
[27] CvO, Das werdende Deutschland (Dez 1918), in: SĂ€mtliche Schriften Band 1, S. 104 - 111. - Der Aufmarsch der Reaktion (Jan 1920 ĂŒber die deutsche Mafia), in: SĂ€mtliche Schriften Band 1, S. 175. - Schutz der Republik – der große Mode (Sep 1924 ĂŒber die BĂŒrokratie), in: SĂ€mtliche Schriften Band 2, S. 365. - Die National-PĂ€derasten (Nov 1925 ĂŒber den Untertanengeist), in: SĂ€mtliche Schriften Band 3, S. 173.
[28] SG, Die NatĂŒrliche Wirtschaftsordnung, in: Gesammelte Werke Band 11, S. 67. - Ders., Das ReichswĂ€hrungsamt (1920), in: Gesammelte Werke Band 12, S. 76.
[29] CvO, Deutschland ist ... (Nov 1928), in: SĂ€mtliche Schriften Band 4, S. 519; vgl. auch S. 526.
[30] SG, Die gesetzliche Sicherung der Kaufkraft des Geldes  - Denkschrift zu einer Eingabe an die Weimarer Nationalversammlung, in: Gesammelte Werke Band 10, S. 247 – 264. – Wir warnen vor der Fortsetzung des Experiments (1921), in: Gesammelte Werke Band 13, S. 111.
[31] CvO, Die nationalistische Internationale (Jun 1920), in: SĂ€mtliche Schriften Band 1, S. 224.
[32] SG, Die NatĂŒrliche Wirtschaftsordnung, in: Gesammelte Werke Band 11, S. 67. - Das ReichswĂ€hrungsamt (1920), in: Gesammelte Werke Band 12, S. 76 (Untertanengeist) und S. 62 (Antisemitismus). -  Die NatĂŒrliche Wirtschaftsordnung, S. 63 – 64 (Rassismus). -  Statuten der Vereinigten Staaten von Europa, in: Gesammelte Werke Band 15, S. 97 – 99 (Rassismus). -  Die Rentenmark, die Goldnoten und ihre Zukunft, in: Gesammelte Werke Band 15, S. 146; vgl. auch S. 270 – 271. - Nervus rerum, in: Gesammelte Werke Band 1, S. 140 Antisemitismus). - Brief an Carlos und Martha Gesell vom 8.2.1923, in: Gesammelte Werke Band 18, S. 264 – 265 (Antisemitismus).
[33] CvO, 1525 – Florian Geyers Jahr (Apr 1925), in: SĂ€mtliche Schriften Band 3, S. 60 – 63. - ders., Thomas MĂŒntzer bei Frankenhausen  - Gegen eine GeschichtslĂŒge (Jun 1925), in: SĂ€mtliche Schriften Band 3, S. 94 – 98.
[34] SG, Ein FĂŒrstendiener als PrĂ€sident der Republik (1926), in: Gesammelte Werke Band 16, S. 190 – 192 (deutsche Geschichte). - Die Reparation als direkte Aktion des deutschen Proletariats (1923), in: Gesammelte Werke Band 14, S. 398 (Bauernkrieg). – Die NatĂŒrliche Wirtschaftsordnung, in: Gesammelte Werke Band 11, S. 226 (Überwindung von Herrschaft und Knechtschaft). – Gesammelte Werke Band 16, S. 166 – 171 und 195 (Großgrundbesitz).
[35] CvO, Das werdende Deutschland (Dez 1918), in: SĂ€mtliche Schriften Band 1, S. 105. - Dem Glauben an eine allgemeine Höherentwicklung entsprach auch die Forderung im Programm der Republikanischen Partei Deutschlands (RPD) nach einem „Aufstieg der TĂŒchtigen aus allen Volksschichten“; vgl. die editorischen Notizen zum Band 7 von Ossietzkys SĂ€mtlichen Schriften, S. 187 – 188.
[36] SG, Die NatĂŒrliche Wirtschaftsordnung, in: Gesammelte Werke Band 11, S. XX – XXI.
[37] CvO, Der Anmarsch der neuen Reformation (1919), in: SĂ€mtliche Schriften Band 1, S. 126.
[38] SG, Die NatĂŒrliche Wirtschaftsordnung, in: Gesammelte Werke Band 11, S. XVI – XVII und 67. -  Verhandlungsbericht (1920), in: Gesammelte Werke Band 12, S. 50. -  An das Deutsche Volk (1921), in: Gesammelte Werke Band 12, S. 310.
[39] SG, Der Abbau des Staates nach EinfĂŒhrung der Volksherrschaft (1921), in: Gesammelte Werke Band 13, S. 48 und 62 – 63. -  Der abgebaute Staat (1927), in: Gesammelte Werke Band 16, S. 302-303.
[40] Werner Onken, Zum Gegensatz zwischen Geldreform und Antisemitismus  - Auseinandersetzungen mit Elmar Altvater und Peter Bierl; veröffentlicht auf der Website
http://www.sozialoekonomie.info/BasisInformation/basisinformation.html
[41] CvO, Das werdende Deutschland (Feb 1919), in: SĂ€mtliche Schriften Band 1, S. 108 – 109.
[42] SG, Die modernen Geldtheorien, in: Gesammelte Werke Band 10, S. 184 – 185; Band 11, S. 324 – 325; Band 13, S. 188. 
[43] CvO, Deutschland ist ... (Nov 1928), in: SĂ€mtliche Schriften Band 4, S. 521.
[44] SG, Ford und die Juden (1923), in: Gesammelte Werke Band 14, S. 400.
[45] Karl Marx und Friedrich Engels, Das Kapital Band 3, in: Marx-Engels-Werke Band 25, Berlin-Ost 1973, insbesondere S. 387 – 397.
[46] SG, Denkschrift fĂŒr die Deutschen Gewerkschaften zum Gebrauch bei ihren Aktionen in der Frage der WĂ€hrung, der Valuta und der Reparationen (1922), in: Gesammelte Werke Band 13, S. 193 – 350. - Die Ausbeutung, ihre Ursachen und ihre BekĂ€mpfung  - Eine GegenĂŒberstellung meiner Kapitaltheorie und derjenigen von Marx (1922), in: Gesammelte Werke Band 13, S. 351 – 398.
[47] Bruno Frei, Carl von Ossietzky, Rechenschaft  - Publizistik aus den Jahren 1913 bis 1933, Frankfurt 1972, S. 257.
[48] Kurt Hiller machte Ossietzky „politische Konzeptionslosigkeit“ zum Vorwurf. „Die ‚WeltbĂŒhne’ sei relativistisch redigiert worden: Eine zufĂ€llig gemixte Buntheit der Meinungen ohne einigendes Band.“ (Elke Suhr, Carl von Ossietzky  - Eine Biografie, Köln 1988, S. 145.
[49] CvO, Die Stillen im Lande (Aug 1928), in: SĂ€mtliche Schriften Band 4, S. 447, und ders.,  Kommunistengesetz? (Mai 1929), in: SĂ€mtliche Schriften Band 5, S. 119.
[50] SG, Die rote Garde vor Mammons Tempel (1922), in: Gesammelte Werke Band 14, S. 132 – 134. – Nach dem Sturz der RĂ€teregierung (1923/24), in: Gesammelte Werke Band 17, S. 274.
[51] Zum RPD-Programm vgl. die editorischen Notizen im Band 7 von Ossietzkys SĂ€mtlichen Schriften, S. 186 – 187. - Über die RDP vgl. den entsprechenden Artikel von Werner Fritsch, in: Dieter Fricke u.a. (Hg.), Lexikon zur Parteiengeschichte Band 4, Leipzig 1986, S. 94 – 96. - Elke Suhr, Carl von Ossietzky -  Eine Biografie, Köln 1988, S. 107 – 111.
[52] Editorische Notizen im Band 7 von Ossietzkys SĂ€mtlichen Schriften, S. 200.  Wilhelm Beckmann war auch in der Liga fĂŒr Menschenrechte aktiv, die weitere „AnhĂ€nger der Bodenreformbewegung und Proudhons“ als Mitglieder hatte. Vgl. dazu die editorischen Anmerkungen im Band 7 von Ossietzkys SĂ€mtlichen Schriften, S. 170.
[53] SG, Bedenkliches bei OrtsgruppengrĂŒndungen (1924), in: Gesammelte Werke Band 15, S. 65.
[54] CvO, Der letzte Kaiser (Mai 1928), in: SĂ€mtliche Schriften Band 4, S. 369.
[55] CvO, SĂ€mtliche Schriften Band 1, S. 709 (Franz Oppenheimer) und S. 989 (Pierre Proudhon).
[56] CvO, Kommt Hitler doch? (Dez 1931), in: SĂ€mtliche Schriften Band 6, S. 270.
[57] CvO, Otto Strassers „Deutscher Sozialismus“ (Aug 1932), in: SĂ€mtliche Schriften Band 6, S. 415.
[58] CvO, Rotkoller (Feb 1930), in: SĂ€mtliche Schriften Band 5, S. 296. – Ein runder Tisch wartet (Mai 1932), SĂ€mtliche Schriften Band 6, S. 365.
[59] CvO, Kommunistengesetz? (Mai 1929), in: SĂ€mtliche Schriften Band 5, S. 116 – 126.
[60] CvO, Chronik (Aug 1927), in: SĂ€mtliche Schriften Band 4, S. 183 – 185.
[61] CvO, Kommunistengesetz? (Mai 1929), in: SĂ€mtliche Schriften Band 5, S. 124.
[62] CvO, Bilanz 1929 (Dez 1929), in: SĂ€mtliche Schriften Band 5, S. 269 – 270. -  Vgl. auch CvO, Der Schacht-Putsch (Dez 1929), in: SĂ€mtliche Schriften Band 5, S. 252 – 254.
[63] SG, Fort mit Dr. Schacht! (1924), in: Gesammelte Werke Band 15, S. 193 – 198. - Schacht vor dem Geld- und Kreditausschuss (1926), in: Gesammelte Werke Band 16, S. 216 – 220.
[64] SG, Wir warnen vor der Fortsetzung des Experiments (1921), in: Gesammelte Werke Band 13, S. 110, und ders., Denkschrift an die deutschen Gewerkschaften (1922), S. 216; Band 14, S. 237 – 238 und 388 – 389 (Inflation); Band 15, S. 146, sowie Band 17, S. 269 (Deflation).
[65] CvO, Winterkönig (Feb 1931), in: SÀmtliche Schriften Band 6, S. 36.
[66] Freiwirtschaftsbund (Hg.), Das befreiende Regierungsprogramm  - Denkschrift des Freiwirtschaftsbundes an den ReichsprĂ€sidenten, an Reichsregierung, Reichsrat und Reichstag, Essen 1932. -  In den Jahren 1930 bis 1932 fanden die VorschlĂ€ge Gesells und seiner AnhĂ€nger eine differenziert-kritische UnterstĂŒtzung durch den damaligen Vorsitzenden der Deutschen Friedensgesellschaft Paul von Schönaich; entsprechende im „Dortmunder Generalanzeiger“ veröffentlichte Artikel wurden in Schönaichs nach dem zweiten Weltkrieg erschienenes Buch „Mein Finale“ aufgenommen (Flensburg 1947, S. 45 – 52, 81 – 82, 116 – 119 und 125.
[67] CvO, Deutschland ist ... (Nov 1928), in: SĂ€mtliche Schriften Band 4, S. 519.
[68] Werner Onken, NatĂŒrliche Wirtschaftsordnung unter dem Hakenkreuz  - Anpassung und Widerstand, LĂŒtjenburg 1996.
[69] Richard Stöss (Hrsg.), Art. "Freisoziale Union", in: Parteien-Handbuch  - Die Parteien der BRD 1945 – 1980. Band 2. Opladen 1984, S. 1410.
[70] SG, Die NatĂŒrliche Wirtschaftsordnung, in: Gesammelte Werke Band 11, S. 56.
[71] CvO, Otto Strassers „Deutscher Sozialismus“ (Aug 1932), in: SĂ€mtliche Schriften Band 6, S. 412 – 413.
[72] SG, Die gesetzliche Sicherung der Kaufkraft des Geldes durch die absolute WĂ€hrung (1919), in: Gesammelte Werke Band 10, S. 254 – 255; Internationale Valuta-Assoziation (1920), in: Band 12, S. 61 – 62.
[73] CvO, Otto Strassers „Deutscher Sozialismus“ (Aug 1932), in: SĂ€mtliche Schriften Band 6, S. 415.
[74] SG, LeitsĂ€tze der Physiokratischen Politik, in: Gesammelte Werke Band 10, S. 300. - Die NatĂŒrliche Wirtschaftsordnung, in: Gesammelte Werke Band 11, S. 225 und 229 – 230.
[75] Peter Ulrich, Zivilisierte Marktwirtschaft  - Eine wirtschaftsethische Orientierung, Freiburg 2005.
[76] Peter Ulrich, Zivilisierte Marktwirtschaft  - Eine wirtschaftsethische Orientierung, Freiburg 2005, S. 162 – 167.
[77] CvO, Kulturbolschewismus (Apr 1931), in: SĂ€mtliche Schriften Band 6, S. 87 – 88.
[78] SG, Das Trugbild der Auslandsanleihe (1922), in: Gesammelte Werke Band 14, S. 98. - Die Bewaffnung des Proletariats (1923), in: Gesammelte Werke Band 14, S. 224 – 227.
[79] Roland Geitmann, Demokratie im 21. Jahrhundert  - Schritte notwendiger Entwicklung, in: Zeitschrift fĂŒr Sozialökonomie 122. Folge (1999), S. 11 – 17.
[80] John Stuart Mill, GrundsĂ€tze der Politischen Ökonomie (1871), Band 2, 6. Kapitel „Über den stationĂ€ren Zustand“, Jena 1921, S. 387 – 396. - Vgl. auch John Maynard Keynes’ Vorstellung eines „quasi-stationĂ€ren Gemeinwesens“, in: Allgemeine Theorie der BeschĂ€ftigung, des Zinses und des Geldes (1935), Berlin 1936/1974, S. 184f und 317.
[81] Zu Mills Bodenreformvorstellungen vgl. Michael Silagi, Henry George und Europa, MĂŒnchen 1973, S. 26 – 57. -  Hermann Heinrich Gossen, Entwicklung der Gesetze des menschlichen Verkehrs und der daraus fließenden regeln fĂŒr menschliches handeln (1853), Berlin 1927, S. 250 – 277. - Leon Walras, Theorie de la PropriĂ©tĂ©, in: Oeuvres Economiques ComplĂštes Vol. IX, Nachdruck Paris 1990, S. 186 – 190. -  Fritz Andres, Zur KlĂ€rung des Begriffs der Bodenrente, in: Fragen der Freiheit Nr. 261 (2002), S. 3 – 13. - Ders., Ökonomische Wirkungen einer EinfĂŒhrung von Zertifikaten oder Abgaben auf die Förderung fossiler Brennstoffe und die Emission von CO2  - Zum Interessenhintergrund des Rohstoff- und Klimaproblems, in: Fragen der Freiheit Nr. 261 (2002), S. 14 – 47. - Ders., Der Beitrag der Bodenreform zur Nachhaltigkeitsdiskussion, in: Zeitschrift fĂŒr Sozialökonomie 137. Folge (2003), S. 29 – 37. -  Ders., Der Boden als Privileg und Kapitalgut, in: Zeitschrift fĂŒr Sozialökonomie 140. Folge (2004), S. 3 – 11.                    
[82] Vgl. hierzu http://www.sozialoekonomie.info/Forschung/forschung.html
[83] Quellenhinweise bei Werner Onken, A Market Economy without Capitalism, veröffentlicht auf der Website
http://www.sozialoekonomie.info/Info_Foreign_Languages/info_foreign_languages.html
[84] SG, Vorwort zur geplanten 7. Auflage der NatĂŒrlichen Wirtschaftsordnung (Fragment 1929/30), in: Gesammelte Werke Band 11, S. 402

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