Gesammelte Werke | Leseproben


Im Hinblick auf Silvio Gesells 150. Geburtstag am 17. März 2012 stellte Werner Onken eine umfangreiche, nach Themengebieten geordnete Sammlung von Leseproben aus Gesells Gesammelten Werken zusammen.
   Sie sollen verdeutlichen, dass Gesell keineswegs nur ein ‚Finanztheoretiker’ war, als der er in manchen Lexika erwähnt wird. Neben dem ökonomiekritischen und sozialreformerischen Kern seines Werkes sollen diese Leseproben auch zeigen,
-  wie sehr seine Persönlichkeit und sein Werk miteinander verwoben waren,
-  in welches gesellschaftspolitische Umfeld die Geld- und Bodenreformansätze eingebettet waren und
-  wie sehr es Gesell um die Verwirklichung von Völkerverständigung und Frieden ging.
-  Schließlich soll auch sichtbar werden, wie Gesell als Zeitzeuge des frühen 20. Jahr-
hunderts die damaligen wirtschaftspolitischen Weichenstellungen aus der Sicht der Geld- und Bodenreformansätze beurteilte und wie er mit seinen Reformvorschlägen späteren tragischen Fehlentwicklungen in Wirtschaft und Politik vorbeugen wollte.
   Um gleichwohl eine realistische Vorstellung von Gesells Stärken und Schwächen zu vermitteln, enthalten diese Leseproben auch Passagen aus seinen Werken, die aus heutiger Sicht als zeitbedingt erscheinen. Sie machen auch deutlich, was damals unfertig geblieben ist und der Weiterentwicklung bedarf.

Einführung zur Auswahl der Leseproben

Am 17. März 2012 jährte sich zum 150. Mal der Geburtstag des Kaufmanns und Sozialreformers Silvio Gesell, der wegen seiner grundlegenden Vorschläge für die Verwirklichung einer freiheitlichen und gerechten, den Frieden fördernden Gesellschaftsordnung mehr Beachtung verdient, als ihm bisher im allgemeinen und in der Wissenschaft im besonderen zuteil wurde. Aus diesem Anlass soll das vorliegende Buch die Persönlichkeit Silvio Gesells vorstellen und anhand einer Auswahl von Textpassagen aus seinen Werken einen Einblick in seine sozialreformerische Gedankenwelt vermitteln.

Silvio Gesell wurde 1862 als siebtes von neun Kindern der Eheleute Mathilde und Ernst Gesell in St. Vith im Kreis EupenMalmedy geboren – in einer Gegend, in der sich die deutschen und französischen Kulturkreise berühren. Seine Mutter war eine wallonische Lehrerin und sein Vater ein preußischer Steuerbeamter. Im Elternhaus wurden beide Sprachen gesprochen. Der deutschfranzösische Krieg von 1870/71 weckte in der Familie schon frühzeitig den Wunsch nach einer Aussöhnung zwischen beiden Ländern. Glaubensunterschiede zwischen seiner katholischen Mutter und seinem protestantischen Vater führten dazu, dass sich Gesell von den Konfessionen löste und sich für andere geistige Strömungen öffnete: für die französische Aufklärung, für die philosophischen Gedanken von Stirner und Nietzsche und auch für die Evolutionslehre von Darwin.

Zunächst ließ sich Gesell in Berlin im Geschäft seiner beiden Brüder zum Kaufmann ausbilden und ging nach mehreren Stationen in Malaga/Spanien und Deutschland schließlich 1887 nach Argentinien, um in Buenos Aires ein eigenes Geschäft für zahnärztliche und andere medizinische Artikel zu eröffnen. Die dortige Wirtschaftskrise brachte ihn zum Nachdenken über die Ursachen von Inflation und Deflation, von ungerechter Verteilung und Arbeitslosigkeit. Gesell erkannte die Hauptursache in der Hortbarkeit des Geldes und den daraus resultierenden Unregelmäßigkeiten des Geldkreislaufs, denn das Geld erhält dadurch unabhängig von menschlichen Eigenschaften eine strukturelle Macht, seinen Dienst als allgemeines Tausch- und Kreditmittel entweder von der Zahlung eines Zinses abhängig zu machen oder vorübergehend zu verweigern. Beides hat negative Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft: während Zins und Zinseszins zu einer ungerechten Verteilung der Geld- und Produktivvermögen führen, lösen die Unregelmäßigkeiten im Geldumlauf Absatzstörungen und Arbeitslosigkeit aus. Außerdem wird so eine stabilitätsgerechte Steuerung der Geldmenge unmöglich, was Schwankungen der Kaufkraft des Geldes zur Folge hat.

Um diesen Missständen abzuhelfen und eine störungsfreie Zirkulation des Geldes zu gewährleisten, schlug Gesell die Einführung von nicht hortbaren „rostenden Banknoten“ vor, die einen verstetigten Geldumlauf gewährleisten. Sie sollten Angebot und Nachfrage auf den Güter-, Arbeits- und Kapitalmärkten in ein Gleichgewicht bringen, bei dem das Zinsniveau allmählich gegen Null absinken kann. Er sah in diesen Gedanken eine „welterschütternde Entdeckung“. Von Anfang an war Gesell die große Tragweite seiner Geldreform für die ganze menschliche Gesellschaft bewusst. Sich selbst betrachtete er als einen „glücklichen Finder“, dem nichts wichtiger war, als diesen „Schatz“ an die arbeitenden Menschen als seinen „rechtmäßigen Besitzern“ zu übergeben.[1]  So wurde Gesell vom Kaufmann zum Sozialreformer, der fortan seiner Berufung folgte, die Gedanken über eine Reform der Geldordnung weiterzuentwickeln und zu verbreiten. In zahlreichen Büchern und Aufsätzen in deutscher und spanischer Sprache legte er dar, wie mit Hilfe einer solchen Reform eine „Marktwirtschaft ohne Kapitalismus“ mit Geldwertstabilität, Vollbeschäftigung und einer gerechteren Einkommens- und Vermögensverteilung verwirklicht werden könnte. Die 1898 in Argentinien erfolgreich durchgeführte Tornquistsche Bankreform ging auf seine Vorschläge zurück und legte in seinem Gastland den Grundstein für eine nahezu drei Jahrzehnte währende wirtschaftliche Blüte. [2] Nach einem längeren Aufenthalt in der Schweiz lebte Gesell von 1906 bis 1911 nochmals in Argentinien und entwickelte während dieser Zeit Gedanken über eine gerechte internationale Währungsordnung als Fundament für einen von Monopolen und Zöllen freien Welthandel.

Schon seit der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hatte Gesell außerdem begonnen, sich mit der Bodenreformidee des nordamerikanischen Sozialreformers Henry George zu beschäftigen. Den Gedanken einer Gleichberechtigung aller Menschen gegenüber der Erde als unverkäuflichem Gemeinschaftsgut verband er mit seinen eigenen Gedanken zu einer umfassenden Theorie der Geld- und Bodenreform. Hinzu kam der den Weltfrieden fördernde Gedanke, dass neben dem Boden auch die Bodenschätze der Erde nicht länger von Unternehmen und Staaten angeeignet werden dürften. Stattdessen sollten sie, wie der Boden selbst und auch die übrigen Naturgüter, als ein gemeinschaftliches Menschheitseigentum von einer überstaatlichen Institution verwaltet werden. Das für die private Nutzung von Boden und Bodenschätzen erhobene Entgelt – die sog. Bodenrente – sollte für den Unterhalt von Müttern und Kindern verwendet werden.

Seine sozialreformerischen Gedanken fasste Silvio Gesell 1916 in seinem Hauptwerk „Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ zusammen. Während des ersten Weltkriegs erschien es zuerst in Berlin und in der Schweiz. Auf Initiative von Ernst Niekisch und Gustav Landauer beteiligte sich Gesell im April 1919 als Volksbeauftragter für das Finanzwesen an der ersten Bayerischen Räterepublik. Nach deren Sturz geriet er vorübergehend in Haft, wurde aber von der Anklage des Hochverrats freigesprochen. In seiner Verteidigungsrede legte Gesell Zeugnis von seiner andauernden Sorge ab, „dass ich verunglücken könnte, ehe ich meinen Fund (die Idee der Geld- und Bodenreform; d. Hrsg.) seinem rechtmäßigen Eigentümer ausgehändigt hätte. Seit 30 Jahren bin ich bestimmt nicht ein einziges Mal zu Bett gegangen, ohne mich zu fragen, was ich noch tun könnte, um meinen Schatz zum Gemeingut zu machen.“ [3]

Weil die Schweiz ihm trotz seines Freispruchs die Wiedereinreise verweigerte, ließ sich Gesell 1920 in der Nähe von Potsdam nieder und baute sein Modell einer „Marktwirtschaft ohne Kapitalismus“ weiter aus. Dabei knüpfte er außer an Henry George auch an den französischen Sozialreformer Pierre Joseph Proudhon an, den Karl Marx heftig kritisiert hatte. Die Wertschätzung für Proudhon verband Gesell mit Gustav Landauer, der seinerseits einen prägenden Einfluss auf den jüdischen Philosophen Martin Buber hatte. Georges Gedanken gelangten durch Theodor Hertzka auch nach Österreich-Ungarn und durch Michael Flürscheim nach Deutschland, wo sie in abgeschwächter Form durch Adolf Damaschke verbreitet wurden. Ähnlich wie Buber spielte auch der bodenreformerische Soziologe und Ökonom Franz Oppenheimer eine Rolle in den Anfängen der zionistischen Siedlungsbewegung in Palästina. Außer zu Oppenheimers „Liberalsozialismus“ gab es gedankliche Parallelen zwischen der Geld- und Bodenreform und der „Dreigliederung des Sozialen Organismus“ in der von Rudolf Steiner begründeten Anthroposophie.

Im ausgehenden 19. Jahrhundert und während der ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts gab es ein breites Spektrum von Bestrebungen, die nach einer freiheitlichen Alternative zum klassischen Laissez-faire-Kapitalismus, aber auch zu neueren Formen einer mehr oder weniger staatlich reglementierten kapitalistischen Marktwirtschaft einerseits und zu den totalitären Systemen des Kommunismus und des Faschismus andererseits suchten. Innerhalb dieses Spektrums war Gesell derjenige, der die geldreformerischen und die bodenreformerischen Ideen am gründlichsten durchdachte und sie sachgerecht miteinander verband. Aus dieser Perspektive kommentierte er auch das Zeitgeschehen während der 1920er Jahre. Mit einer Denkschrift wies er 1919 die Weimarer Nationalversammlung auf die Notwendigkeit hin, alle Bevölkerungsschichten mit einer gestaffelten, bis zu 75%igen Vermögensabgabe zur Finanzierung der Kriegsfolgen heranzuziehen und dann mit einer kaufkraftstabilen Währung ein solides Fundament für den wirtschaftlichen Neubeginn und die Weimarer Demokratie zu legen. Er trat für eine Anerkennung der Reparationsforderungen der Siegermächte und für eine Aussöhnung Deutschlands mit seinen westlichen und östlichen Nachbarn ein. Und eine „Internationale Valuta-Assoziation“ sollte die Voraussetzungen für einen den Weltfrieden fördernden freien und zugleich gerechten Welthandel schaffen.

In seinen Veröffentlichungen trat Gesell auch antisemitischen, rassistischen und nationalistischen Ideologien entgegen. Immer wieder wandte er sich mit Denkschriften und Aufsätzen an die Sozialdemokratie und an die Gewerkschaftsbewegung, ohne dort das erhoffte Verständnis für seine Reformvorschläge zu finden. Obwohl Gesell während der 1920er Jahre ignoriert, gelegentlich verhöhnt und nur selten ernst genommen wurde, ließ er sich vom Unverständnis und der Ignoranz seiner Zeitgenossen nicht entmutigen. Er hörte nicht auf, die Öffentlichkeit weiter vor der Gefahr eines erneuten großen Krieges zu warnen und auch die damalige Friedensbewegung aufzufordern, sich stärker für eine Überwindung der wirtschaftlichen Ursachen von Bürger- und Völkerkriegen einzusetzen. Jedoch blieb die von Silvio Gesell begründete Geld- und Bodenreformbewegung während der 1920er Jahre zu klein, um die Wirtschafts- und Währungspolitik der Weimarer Republik oder das Denken in den damaligen sozialen Bewegungen spürbar beeinflussen zu können.

Den Beginn der großen Weltwirtschaftskrise erlebte Silvio Gesell noch mit. Aber es blieb ihm erspart, auch noch mit anzusehen zu müssen, wie noch Schlimmeres eintrat als er sich im Entwurf zum Vorwort einer Neuauflage seines Hauptwerks vorstellen konnte: „Wenn wir unfähig bleiben, die Aufgabe, die uns gestellt wurde, zu lösen, so werden die Empörungen und Verzweiflungstaten immer größere Kreise umfassen und immer größere Opfer verlangen; die Hungerrevolten werden kein Ende mehr nehmen, die Regierung wird von links nach rechts und von rechts nach links pendeln, und jeder Pendelschlag wird nur die Verwirrung, die Hilf- und Ratlosigkeit vermehren.“ [4]

Am 11. März 1930 starb Silvio Gesell in der bodenreformerischen Genossenschafts- siedlung Eden-Oranienburg. Den einzigen würdigen Nachruf widmete ihm der Dichter Erich Mühsam, sein Freund aus gemeinsamen Münchener Revolutionstagen. Mühsam nannte Gesell einen „sozialen Wegbahner von größtem geistigen Wuchs“.[5] Wenige Jahre später würdigte der berühmte britische Ökonom John Maynard Keynes Gesell als denjenigen Vorläufer, der seinen eigenen bahnbrechenden Gedanken am nächsten gekommen war, und brachte seine Erwartung zum Ausdruck, „dass die Zukunft mehr vom Geiste Gesells als von jenem von Marx lernen wird“.[6]

In den ersten Jahren nach der NS-Diktatur und dem Zweiten Weltkrieg erlebte die Geld- und Bodenreformbewegung nochmals einen kurzzeitigen Aufschwung. Der schweizerische Journalist und Politiker Friedrich Salzmann veröffentlichte 1945 ein Buch „An die Überlebenden“ mit Zitaten aus Werken Gesells zu verschiedenen Themen, in dem er Gesell das „nicht weg zu diskutierende Recht“ zusprach, „wenigstens von den Überlebenden des Zweiten Weltkriegs gehört zu werden“.
1949 gab Karl Walker eine Neuauflage von Gesells Hauptwerk „Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“ heraus. [7]

In den folgenden Jahren des westdeutschen Wirtschaftswunders geriet das Werk Silvio Gesells nahezu in Vergessenheit. Obwohl neben Keynes auch der amerikanische Geldtheoretiker Irving Fisher und die beiden späteren Träger des Nobelpreises für Wirtschaftswissenschaften Lawrence Klein und Maurice Allais Gesells Theorieansätzen eine gewisse Wertschätzung entgegengebracht hatten, schenkte ihnen die ökonomische Fachwissenschaft lange Zeit kaum Aufmerksamkeit. Um die Mitte der 1970er Jahre sah George Garvy in Gesell lediglich einen „typischen monetären Kauz“ und Gottfried Bombach qualifizierte seine Überlegung, den Liquiditätsvorteil des Geldes gegenüber der menschlichen Arbeit und ihren Erzeugnissen mit „künstlichen Durchhaltekosten des Geldes“ (Keynes) zu neutralisieren, als „skurril“ ab. [8]

Erst die wirtschaftliche Dauerkrise der letzten Jahrzehnte mit der anhaltenden Massenarbeitslosigkeit, mit der zunehmenden sozialen Polarisierung von Reichtum und Armut, der Umweltzerstörung und in jüngster Zeit mit der Krise auf den internationalen Finanzmärkten löste ein erneutes Interesse an Gesells Geld- und Bodenreform aus. Während der 1980er Jahre begann insbesondere Dieter Suhr mit der wissenschaftlichen Neuformulierung der Geldreformgedanken. [9]

1998 verwies Hans Georg Nutzinger auf einem Symposium des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) darauf, „dass Geld tatsächlich eine eigene, von den realen Vorgängen weitgehend abgelöste Dynamik entfalten kann.“ Die Auseinandersetzung mit dieser Dynamik des Geldes würde der Mainstream der Ökonomie Außenseitern wie Gesell überlassen. „Diese Außenseiterdiskussionen sind nicht ausreichend mit der allgemeinen Theorie verknüpft und daher ebenfalls in vieler Hinsicht auch nicht gut durchdacht. Aber die Anhänger von Gesell haben einen wichtigen Umstand im Prinzip richtig erkannt, dass nämlich der Besitz von Land und Geld dem Inhaber solcher ‚assets’ eine gewisse privilegierte Position gibt, die ja auch Keynes als wesentlichen Bestandteil seiner eigenen allgemeinen Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes gesehen hat. ... Dieses Geldmonopol ist noch nicht richtig theoretisch analysiert, aber der damit angesprochene Zusammenhang lässt sich nicht bestreiten.“ [10]

Eine zwar noch kleine, aber wachsende Zahl von Menschen sieht in Silvio Gesells Werk einen aktualisierbaren Beitrag zur Überwindung der heutigen wirtschaftlichen und ökologischen Krise, wobei die Bodenreformgedanken auch als Ansatz für die Lösung der Klimaproblematik betrachtet werden. [11] Allmählich findet die Geldreform Eingang in wissenschaftliche Diskussionen, durch die us-amerikanischen bzw. englischen Geldtheoretiker Marvin Goodfriend und Willem Buiter sogar in englischsprachige Fachzeitschriften. Vorläufiger Höhepunkt dieser Diskussion ist die Überlegung des us-amerikanischen Ökonomen und Lehrbuchautors Gregory Mankiw im Frühjahr 2009, dass die Federal Reserve im Sinne von Gesells Vorschlägen die Zinsen unterhalb der Nulllinie in den negativen Bereich senken könnte. Inzwischen haben Ilgmann & Menner diesen Gedanken in der Zeitschrift „International Economics and Economic Policy“ ausführlicher dargelegt. [12]

Diese Anfänge einer wissenschaftlichen Rezeption der Geldreform heben freilich ihre „akademische Heimatlosigkeit” im Mainstream der Ökonomie noch nicht auf. Deshalb hält es der Wirtschaftsethiker Peter Ulrich von der Universität St. Gallen/Schweiz für eine Aufgabe der Wirtschaftsethik, „sich der Herausforderung des ‚Geldkomplexes’ anzunehmen, auch wenn die real bestehenden Macht- und Interessenstrukturen für einschlägige geistige Innovationen vorerst wenig Raum bieten.” [13]

  Als Quellenbasis für detaillierte wissenschaftliche Studien über die Theorie der Geld- und Bodenrechtsreform liegen die 1988 begonnene und 2000 mit einem Registerband abgeschlossene 18-bändige Gesamtausgabe der Werke von Silvio Gesell sowie eine Sammlung der einschlägigen Primär- und Sekundärliteratur im „Archiv für Geld- und Bodenreform“ vor, das sich als Sondersammlung in der Bibliothek der Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg befindet. [14]

Die wissenschaftliche Rezeption der Denkansätze einer Geld- und Bodenrechtsreform steckt bislang noch in ihren Anfängen. Die vorliegende Auswahl von Textpassagen aus Silvio Gesells Werken will einen ersten Überblick vermitteln. Sie soll sowohl Einblicke in seine Persönlichkeit gewähren als auch den gesellschaftspolitischen und geschichtlichen Gesamtzusammenhang verdeutlichen, in den Gesell seine Gedanken über eine Geld- und Bodenrechtsreform eingebettet hat. Die ausgewählten Texte enthalten auch zentrale Inhalte seines Theorieansatzes einer Geld- und Bodenrechtsreform, aber eine Lektüre der vollständigen Quellentexte können sie nicht ersetzen. Manche Aussagen Gesells lassen sich wie diejenigen über das Verhältnis zwischen den Geschlechtern und seine späten akratischen Neigungnen nur aus dem zeitgeschichtlichen Kontext verstehen. Andere zeigen seinen Weitblick und die auch heute noch unvermindert anhaltende Aktualität seiner grundlegenden ökonomisch-ordnungspolitischen Neuorientierung.

Ganz im Sinne von Gesells Hoffnung, die er im März 1928 in einem Brief zum Ausdruck brachte, möge die vorliegende Auswahl von Textpassagen aus seinen Werken ein größeres Interesse an vertiefenden Studien wecken: „Das, was ich will, ist nicht Sache eines Menschen. Ich konnte die Richtung angeben. Das Übrige tun andere.“ [15] Auch wenn vorerst offen bleibt, wann sich einmal eine historische Chance zur Verwirklichung der Geld- und Bodenreformgedanken ergibt, so gilt auch heute noch, was Gesell kurz vor dem Ersten Weltkrieg als Motto ausgab: „Warten wir nicht die Wirtschaftskrise, den Bruder- und Völkerkrieg ab, um eine geistige Arbeit zu verrichten, wozu Ruhe und Frieden unentratbare Voraussetzungen sind. Jetzt ist die Zeit, die Währungsfragen zu erörtern.“ [16]

Werner Onken

Anmerkungen
[1]  Vgl. die von Hans Timm überlieferte Äußerung Gesells in Gesammelte Werke Band 1, S. 55 („welterschütternde Entdeckung“), und Band 4, S. 14 („glücklicher Finder“).
[2]  Gerardo della Paolera & Alan Taylor, Straining at the Anchor – The Argentine Currency Board and the Search for Macroeconomic Stability 1880–1935, Chicago and London 2001, S. 31, 115-119, 129, 203-204 und 230-231.
[3]  Vgl. den Auszug aus der Verteidigungsrede (1919).
[4]  Silvio Gesell, Vorwort zur geplanten 7. Auflage der „Natürlichen Wirtschaftsordnung“ – Fragment im Winter 1929/30, in: Gesammelte Werke Band 11, S. 402.
[5]  Erich Mühsam, Nachruf auf Silvio Gesell, in: Fanal Nr. 7/1930.
[6]  John Maynard Keynes, Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes (1935), Berlin 1976, S. 298-300.
[7]  Friedrich Salzmann, An die Überlebenden – Gedanken von Silvio Gesell, Heidelberg 1948, S. 7. - Silvio Gesell, Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld; 9., von Karl Walker herausgegebene Auflage, Lauf bei Nürnberg 1949. -  Vgl. auch Werner Schmid, Silvio Gesell – Lebensgeschichte eines Pioniers, Bern 1954.
[8]  Vgl. hierzu den Bereich „Ökonomen über Gesell“.
[9]  Vgl. die weiterführenden Literaturhinweise.
[10] Vgl. http://www.silvio-gesell.de/html/okonomen_uber__gesell.html#nutzinger . - Vgl. außerdem das Vorwort von Hans Georg Nutzinger zu dem von ihm herausgegebenen Buch „Gerechtigkeit in der Wirtschaft – Quadratur des Kreises?, Marburg 2006, S. 7-17.
[11] Dirk Löhr, Die Plünderung der Erde – Ein Beitrag zur Ökologischen Ökonomik, Kiel 2008. – Fritz Andres, Klimapolitik als Ordnungspolitik, in: Fragen der Freiheit Nr. 258/2001, S. 33-65.
[12] Siehe die weiterführenden Literaturhinweise.
[13] Peter Ulrich, Vorwort zu Mathias Weis & Heiko Spitzeck, Der Geldkomplex – Kritische Reflexion unseres Geldsystems und mögliche Zukunftsszenarien, Bern 2008, S. 6.
[14] Siehe die weiterführenden Literaturhinweise.
[15] Brief an Heinrich Rissom vom 28.3.1928, in: Gesammelte Werke Band 18, S. 354.
[16] Die Metallwährung in der Geschichte (1912), in: Gesammelte Werke Band 6, S. 279-281.


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