Weitere Stimmen zu Silvio Gesell

in chronologischer Reihenfolge von

Leo Tolstoi  (1828–1910)

„Höchst interessant ist das Schicksal, das der Tätigkeit eines außergewöhnlichen Mannes zuteil wurde – Henry Georges, der all seine gewaltigen Geisteskräfte darauf verwandte, die Ungerechtigkeit und Grausamkeit des Grundeigentums nachzuweisen und die Mittel zu zeigen, durch die diese Ungerechtigkeit angesichts der heute bei allen Völkern bestehenden Staatsordnung beseitigt werden kann. … In England waren nahezu alle Aristokraten gegen ihn, u.a. auch der berühmte Toynbee, Gladstone und Herbert Spencer. … In Schottland, Portugal und Neuseeland erinnert man sich seiner ab und zu. In England jedoch und in den Vereinigten Staaten nimmt die Zahl seiner Anhänger unaufhörlich ab, in Frankreich ist seine Lehre fast unbekannt und in Deutschland wird sie … überall durch die lärmend verkündete Lehre des Sozialismus übertönt. … Die unbestreitbare Wahrheit, dass der Boden nicht ausschließliches Eigentum einiger weniger sein kann und dass es Sünde ist, den Boden denen zu verwehren, die ihn brauchen, diese unbestreitbare Wahrheit muss Gemeingut aller werden.“
Die große Sünde (1905), in: Philosophische und sozialkritische Schriften, Berlin-Ost 1974, S. 641–643 und 656–657.

 

Gustav Landauer  (1870–1919)

„In der freien Tauschwirtschaft muss das Geld allen anderen Waren, von denen es sich heute im Wesen unterscheidet, gleich werden und doch allgemeines Tauschmittel sein. Sehr wertvoll sind die Vorschläge, die Silvio Gesell gemacht hat. … Er ist einer der ganz wenigen, die von Proudhon gelernt haben, seine Größe anerkennen und im Anschluss an ihn zu selbstständigem Weiterdenken gekommen sind.“
Aufruf zum Sozialismus (1911), Frankfurt/M. 1967, S. 157–160.

 

Gottfried Feder  (1883–1941)

„In den gewaltigen Frühlingsstürmen, die einer neuen Zeit vorausgehen, haben sich immer falsche Propheten zum Wort gemeldet. Daneben erscheinen immer ganze Reihen von Schwarmgeistern. … Der gefährlichste dieser deutschen Propheten war und ist Silvio Gesell. Seine Lehre von Freiland und Freigeld hat geradezu Verheerungen angerichtet in vielen deutschen Köpfen. Die restlose Ablehnung und wissenschaftliche Erledigung der Gesellschen Irrlehre kann heute als Gemeingut des Nationalsozialismus angesehen werden.“
Propheten und Schwarmgeister, in: Völkischer Beobachter vom 27.10.1923.

 

Erich Mühsam  (1878–1934)

„Silvio Gesell ist auch so einer, den ich – Mann wie Lehre – immens hoch schätze. Es ist alles ineinander gefügt in seinem Bau, alles prachtvoll gestützt, alles richtig und unwiderleglich und hat nur die eine Schwäche, dass dieser Bau isoliert errichtet wird. … Gesell hat natürlich selbst als Erfinder der Idee, als Entdecker des Verfahrens das Recht auf die Einseitigkeit des Monomanen. Einer muss da sein, der gerade diesen Stein behaut. Aber wer seine Arbeit verwerten will, muss sehen, dass man die Welt nicht von einem Punkt aus kurieren kann und dass man, um an der Ostsee Oliven zu ziehen, zuerst den gesamten Boden mit Heißwasseranlagen und intensiver Umarbeitung kultivieren muss.“
in: Der Krater, Berlin 1909; Neuausgabe Berlin 1977, S. 48-49.

„Silvio Gesell war ein sozialer Wegbahner von größtem geistigen Wuchs. Der Spott der Börsenpraktiker und das Gelächter der Marxisten können seine Bedeutung als Vorkämpfer gerechter und freiheitlicher Gesellschaftsgestaltung nicht mindern. Die Zeit revolutionärer Verwirklichung wird dem Toten vieles abzubitten haben, was die Zeit dogmatischer Unbelehrbarkeit an dem Lebenden und damit zugleich an sich selbst gesündigt hat. Der Weg der Menschheit zur anständigen Gemeinschaft wird mit mancher Fuhre Erde aus dem Garten Silvio Gesells gestampft sein.“
Nachruf auf Silvio Gesell, in: Fanal Nr. 7/1930.

Paul von Schoenaich  (1866–1954)

„Schon seit 1922 stand ich den Gedanken Gesells nahe, ohne indessen tief in sie einzudringen. Die Wirtschaftskrise veranlasste mich, das Versäumte nachzuholen. … Der Grund, warum der Name Silvio Gesell in der Presse kaum erwähnt wird, ist nach meiner Ansicht hauptsächlich der, dass das Währungsproblem als ebenso trocken wie schwierig gilt. Ich kann jedem, der sich für diese gar nicht trockene Materie interessiert, das Studium der ‚Natürlichen Wirtschaftsordnung’ nur warm empfehlen. … Alles, was Gesell über die Gesetzmäßigkeit des Geldumlaufs und die Fehler der Goldwährung sagt, unterschreibe ich wörtlich. Und doch halte ich die Zinstheorie für falsch. … Dass das Geld, das der Diener der Wirtschaft sein sollte, sich allmählich zu ihrem Herren gemacht hat, kann ernstlich nicht mehr bestritten werden.“
Mein Finale, Flensburg 1947, S. 45–46, 49 und 51–52.

 

Prof. Dr. Ernst Bloch  (1885–1975)

„Seit Marx ist der abstrakte Charakter der Utopien überwunden. Weltverbesserung geschieht als Arbeit in und mit dem dialektischen Gesetzeszusammenhang der objektiven Welt, mit der materiellen Dialektik einer begriffenen, bewusst hergestellten Geschichte. … Anders wäre es überhaupt nicht denkbar, die Wirtschaft besonders läppisch, also flickweise verbessern zu wollen. Wobei sich all dergleichen an einen der bedenklichsten Utopisten anschließt, an Proudhon. Zum Vorschein kamen auf diese Weise zwerghaft-komische Gebilde wie die Freigeld-Utopie, auf bloße Zahlungsmittel Sozialismus bauend.“
Das Prinzip Hoffnung – Band 2 (1959), 6. Aufl. Frankfurt/M.1979, S. 680 und 720–721.

 

Luise Rinser  (1911–2002)

„Da gab es das sogenannte Freigeldexperiment Wörgl. Das muss man nachlesen, da gibt es Bücher drüber. Das Experiment ist abgewürgt worden vom österreichischen Staat. … Ich würde allen raten, sich mit der Wirtschaftslehre von Silvio Gesell zu beschäftigen. Da müsste man jetzt einsetzen mit wirtschaftspolitischem Denken.“
Interview in der Zeitschrift „Info 3“ Nr. 7-8/1985, S. 8.

 

Michael Ende  (1929-1995)  und  Joseph Beuys  (1921-1986)

Michael Ende: „Eine Gesellschaft kann man nicht machen, sondern man kann nur gewisse Voraussetzungen schaffen, dass sie gedeihen kann, dass sie entstehen kann. Was daraus werden wird, das muss man den Menschen überlassen. … Eine der Voraussetzungen einer neuen Gesellschaftskultur ist die Einsicht, dass uns einige grundsätzliche ererbte Missstände  - wenn wir sie nicht aus dem Weg räumen – überhaupt nicht möglich machen werden, dass wir an die Gestaltung einer neuen Kultur herankommen werden. Dazu gehört ein vollkommen veraltetes Geldwesen, das wir heute haben. Es entsteht fortwährend eine fatale Diskrepanz zwischen der Eigengesetzlichkeit des Geldes und der wirtschaftlichen Realität, eine Diskrepanz, die ständig zu verhängnisvollen Folgen führt, von ökologischen Katastrophen über Inflationen und Ausbeutung der Dritten Welt bis hin zum Ausbruch von Kriegen. Und immer wieder, nachdem man ‚tabula rasa’ gemacht hat, fängt man an derselben Stelle an und baut dasselbe alte Finanzsystem wieder auf, hauptsächlich weil bisher eben nie bedacht worden ist, dass die Funktion des Geldes selber ein ganz entscheidender Kulturfaktor ist, dass mit einer unwahren Geldwirtschaft niemals eine wahre Kultur entstehen kann.
Joseph Beuys: Da sind wir an einem Punkt, da treten einem die nicht tief genug durchdachten Modelle von Silvio Gesell vor Augen, der natürlich durchaus recht hat, wenn er sagt: Geld ist ein unlauterer Konkurrent zur Ware. Steiner hat später auch noch einmal diesen Passus von Gesell in seinen nationalökonomischen Kurs aufgenommen. … Es wurde sogar zugestanden, in kleineren Gemeinden so etwas zu praktizieren.
Michael Ende: „Ja, in Schwanenkirchen und in Wörgl. … Eine neue Gesellschaftsordnung beinhaltet wohl auch die Tatsache, dass das Wirtschaftsleben sozusagen als Fundament dient, auf dem ein neues Gesamtkunstwerk oder eine neue Kultur sich begründen kann.“
Michael Ende und Joseph Beuys, Kunst und Politik – ein Gespräch, Wangen 1989, S. 35–44.

Prof. Dr. Arno Klönne  (1931)

„Die Schrift ‚Die Reformation im Münzwesen als Brücke zum sozialen Staat’ von Silvio Gesell war der Einstieg in eine höchst umfangreiche wirtschaftsreformerische und zugleich gesellschaftsutopische Schriftstellerei ihres Verfassers, zugleich der Beginn einer lang anhaltenden und in sich äußerst vielseitigen, auch widersprüchlichen sozialen Bewegung, die unter dem Namen ‚Freiwirtschaftsbewegung’ bekannt wurde. …
  Tatsächlich machte es der Publizist und Politiker Silvio Gesell seinen Anhängern wie seinen Gegnern, zeitgenössisch und nachträglich, keineswegs leicht, ihn in der Geografie der gesellschaftlichen Richtungen und Abgrenzungen zu verorten. … Welcher Silvio Gesell ist sozusagen der Richtige - der, auf den sich Anarchisten beriefen, weil er im Frühjahr 1919 zusammen mit Gustav Landauer und Erich Mühsam als Volksbeauftragter für das Finanzwesen zur ersten bayerischen Räteregierung gehörte? Oder jener, auf den sich freiwirtschaftliche Verfechter der Wirtschaftspolitik Ludwig Erhards beriefen, als sie nach 1945 zusammen mit Neoliberalen die Aktionsgemeinschaft Soziale Marktwirtschaft gründeten? Ist die Auslegung der Freiwirtschaft authentisch, mit der in den Krisenjahren der Weimarer Republik proletarische Revolutionäre ihren Widerstand gegen eine deutschnationale Unternehmerschaft begründeten? Oder jene Auslegung, die mittelständische Wirtschaftsleute den Führern der NSDAP als monetaristische Politik für das Dritte Reich anzudienen versuchten? …
   Silvio Gesell war kein Antisemit und er war kein Nationalist oder deutscher Imperialist. Sein politisches Weltbild war auf Gleichberechtigung der Völker, Abbau der nationalen Grenzen, Freihandel und Frieden ausgerichtet. In gewissem Sinne war er allerdings Sozialdarwinist. Dass er sich 1919 in München eine Räteregierung zur Verfügung stellte, in der Internationalisten, Linkssozialisten und Anarchisten den Ton abgaben, ist in seiner politischen Biografie durchaus plausibel, ebenso dass er in den zwanziger Jahren eher jenen Richtungen in der Freiwirtschaftsbewegung zuneigte, die ein Bündnis mit der Arbeiterbewegung suchten.“
Marktwirtschaft ohne Kapitalismus - Rundfunkvortrag am 20.8.1991 im WDR 3, in: INWO (Hg.), Gerechtes Geld – Gerechte Welt. 100 Jahre Gedanken zu einer Natürlichen Wirtschaftsordnung. Lütjenburg 1992, S. 126–133.

 

Carl Amery  (1922–2005)

„Es gilt, das Geld von seinem Status als Absolutum, als Sakrament zu befreien, es wieder zu einem nüchternen Werkzeug zu machen. … Das globale Finanzwesen ist nach einem ebenso alten wie ruchlosen Prinzip organisiert: dem Prinzip des Zinseszinses. Jeder Hauptschüler mit Taschenrechner kann sofort feststellen, dass dieses Prinzip weltmörderisch ist. Seine Aggressivität ist sozusagen eingebaut. … Dieses Geldsystem wird als selbstverständlich betrachtet. Aber das ist es keineswegs. Es gibt bargeldlose Tauschsysteme; es gibt Rabattsysteme. Es gibt Notgeld wie die Créditos im krisengeschüttelten Argentinien. Und es gibt darüber hinaus theoretische, ja sogar praktisch erprobte Ansätze, die auf einer gänzlich anderen Perspektive beruhen: Alterndes Geld würde sich abnützen und an Wert verlieren. Es war der Deutschargentinier Silvio Gesell, der diese Theorie systematisch durchdachte. Die krisengeschüttelte Zwischenkriegszeit sah dann zwei praktische Erprobungen. Beide haben sich durchaus bewährt. … Wörgls Freigeld wurde von der Wiener Staatsbank zu Fall gebracht - Mammon lässt seiner nicht spotten.“
Global Exit – Die Kirchen und der Totale Markt, München 2002, S. 214 und 219–220.

 

Prof. Dr. Elmar Altvater  (1938)  und  Prof. Dr. Birgit Mahnkopf  (1950)

„Die Allgemeinheit der Geldform ist eine Bedingung der sozialen Synthese in der kapitalistischen Geldgesellschaft und wenn sie zerbricht, geht ein Stück synthetisierender Kraft verloren. … Spezialgelder hat es in der Geschichte immer gegeben, freilich zumeist als Relikte prä-moderner gesellschaftlicher Verhältnisse. Heute gibt es sie wieder, als Ausdruck ‚post-moderner’ Vielfalt von Gesellschaften in Zeiten der Globalisierung. … In Tauschringen wird eher instinktiv der Sachverhalt begriffen, dass in der Form des Geldes in nucleo die Form der Gesellschaft enthalten ist und dass daher mit der Einführung einer alternativen Geldform die Gesellschaft selbst verändert werden könne. …
Proudhon verfolgte die Idee, das Geld direkt auf Arbeit zu gründen. Eine Verselbstständigung des Geldes gegenüber der Welt der Arbeit sollte es nie geben können. Eine Entkoppelung der monetären von der realen Sphäre wäre auf diese Weise ausgeschlossen - eine Vorstellung, die Marx für so widersinnig hielt, dass er sie im ‚Kapital’ lediglich in einer Fußnote behandelte (MEW 23, S. 109) und als absurd verwarf. … Das Geld ersetzen zu wollen, ohne die Warenproduktion in Frage zu stellen, ist eine theoretisch wenig durchdachte und politisch inkonsequente Attitüde. …
Dennoch ist die Idee der Bindung des Geldes an die Arbeit nicht totzukriegen und sie ist von Rudolf Steiner und seinen späteren Adepten bis heute propagiert worden. Geld soll moralisch (keine Zinsen), territorial (lokale Tauschringe gegen globale Ökonomie), politisch (gegen die Gier des Marktes) sozial verpflichtet werden. Insbesondere Silvio Gesell versucht in seinen theoretischen Arbeiten zu zeigen, dass die Verselbständigung des Geldes gegenüber der Warenwelt  in der Form des Kredits nicht notwendig sei. … Diese Idee hat also eine lange Geschichte, die bis zu den utopischen Sozialisten des frühen 19. Jahrhunderts zurückreicht.“
Globalisierung der Unsicherheit – Arbeit im Schatten, schmutziges Geld und Informelle Politik, Münster 2002, S. 186–189.

Prof. Dr. Jochen Hörisch  (1951)

„Zu den Abgründen des Geldes gehört unter anderem auch dieser:  dass es als das eine Geldmedium, das es ist, drei bemerkenswert unterschiedliche Aufgaben wahrnimmt - es ist Recheneinheit, Tauschmedium und Wertaufbewahrungsmittel zugleich. Diese heilige Dreifaltigkeit ist zweifellos reizvoll. Doch sie kann wie derzeit zu erheblichen Schieflagen beitragen: Wenn zu viele das Tauschmedium Geld systematisch als Wertaufbewahrungsmittel einsetzen, trägt das erheblich zu Deflationen und Wirtschaftskrisen bei. Das plausible Gegenmittel zum deflationären Lähmungsgift aber ist hochgradig tabubesetzt: Schwundgeld. Wer über Geld verfügt, dessen Wert überschaubar schwindet (zum Beispiel jährlich 3 Prozent an Wert verliert), wird das lebhafteste Interesse daran haben, es auszugeben und damit die Realökonomie zu stimulieren. Mäßige Inflationen (etwa in der Größenordnung von 3 bis 5 Prozent) haben die Funktion von Schwundgeld zum Teil und zeitweise übernommen. Vieles spräche dafür, offen als solches deklariertes Schwundgeld an die Stelle von schwachen Inflationen zu setzen.“
Der mephistophelische Kapitalismus - Und plötzlich ist die Knappheit knapp, in: Merkur – Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken Nr. 9-10/2003, S. 895–896.

 

Dirk Müller | Mr. DAX  (1968)

„Es wird Zeit, wieder ein wenig zurück zu kommen zu Themen, die so scheinbar gar nicht in diese Zeit des schnellen Konsums und Kredits zu passen scheinen. … Immer mehr, immer schneller. Wie konnte es dazu kommen? … Der Grund dieses Konsumwahnsinns liegt in unserem Wirtschaftssystem. Ein Wirtschaftssystem, das auf Zins und Zinseszins aufgebaut ist. Das Geld verzinst sich, wird mehr und mehr – und das geschieht durch den Zinseszinseffekt immer schneller. …
   Ein System auf der Basis von Zins und Zinseszins kann nicht dauerhaft funktionieren. … In einem begrenzten System, wie unsere Erde es nun einmal ist, kann ein unendliches exponentielles Wachstum wie ein Zinseszinssystem schon rein logisch nicht funktionieren. Unser Wirtschaftssystem wird irgendwann kollabieren. … Das ist mathematisch gar nicht anders möglich. Ein See, in dem sich die Algen ständig vermehren, kippt auch irgendwann um. Mit dem Zinssystem ist es genau so. Denn so wie auf der einen Seite das Vermögen von immer weniger Menschen immer abstrusere Dimensionen annimmt, so muss auf der anderen Seite ja auch die Verschuldung der anderen immer dramatischere Formen annehmen. Denn wer zahlt schließlich Zinsen, wenn nicht ein Schuldner? … Die Konsequenz ist bestechend einfach: Dieses System braucht, um zu bestehen, immer neue Schuldner. Nur so kann sich das stetig wachsende Geld verzinsen. Irgendwann ist aber der Punkt erreicht, an dem die Schuldenlast die Bürger erdrückt. Sie sind nicht mehr in der Lage, neue Kredite aufzunehmen. Zumindest nicht in der Menge, die das System zum Wachsen und Überleben benötigt. Dann kommt es zu Situationen wie im Jahr 2008.
   Das Problem sind nicht die Banken oder die fallenden Immobilien. Das Problem ist, dass die Menschen nicht genug Kredite aufnehmen können. Der Konsum bricht ein und sofort beginnt das System zusammenzubrechen. Nur eine sofortige Infusion mit neuen Krediten kann kurzfristig Rettung bringen. Wenn der Bürger keine Kredite aufnehmen will oder kann, macht es eben der Staat im Namen der Bürger – 700 Milliarden, wie gerade in den USA geschehen. Nahezu das Doppelte des gesamten Haushalts der Bundesrepublik Deutschlands wird mal eben als neue Schulden auf die Rücken der US-Bürger geladen. Im Namen des Volkes natürlich. In Europa sieht es da nicht besser aus.
   Der Konsum muss sich immer schneller drehen. Wir verbrauchen dabei die Ressourcen unseres Planeten für immer unsinnigere Dinge. Herstellen, konsumieren, entsorgen, herstellen. … Der Konsum wird zum Selbstzweck des Konsums erzwungen. … Ständig wird uns ein Konsumbedürfnis eingeimpft, das wir von alleine gar nicht hätten. Wenn Sie das System des Zinseszinses und des Josephspfennigs verstanden haben, ist Ihnen aber auch klar, dass diese Kreditinfusion keine langfristige Rettung bringen kann. Das System wird nur kurzfristig über die nächste Runde gerettet. …
   Aber wie sieht die Alternative aus? Der Kommunismus ist doch auch gescheitert. Stimmt. Aber dennoch gibt es Alternativen zu unserem Zinseszinssystem. Die sog. Freiwirtschaft ist ein Wirtschaftsmodell, das Anfang des 20. Jahrhunderts durch den belgischen Kaufmann und Finanztheoretiker Silvio Gesell großes Ansehen erlangte. … Ein Wirtschaftssystem ohne Zinseszins ist ein ausgesprochen komplexes Thema, das heutzutage sehr kontrovers diskutiert wird. Sicherlich müssen viele Details durchdacht und diskutiert werden. Aber ist es nicht eine Überlegung wert, einmal über Alternativen nachzudenken? Unser jetziges System erweist sich ja, wie man in den letzten Monaten nur zu genau studieren konnte, anscheinend doch nicht als der Stein der Weisen, als der er uns seit Jahrzehnten verkauft wird. Also sollte man doch frei von jeder Ideologie darüber nachdenken, ob es nicht Alternativen gibt.“
Crashkurs – Weltwirtschaftskrise oder Jahrhundertchance? Wie Sie das Beste aus Ihrem Geld machen. München 2009, S. 193–203. 

 

Dr. Norbert Blüm  (1935)

„Die Krise der internationalen Währungs- und Finanzordnung sollte eigentlich dafür sorgen, das globale Illusionstheater zu entlarven. … Wie aber soll Geld in das Geschäft mit Arbeit und Gütern fließen, wenn mit Geld allein so viel mehr Geld verdient werden kann? …
   Geld ist der Stoff, aus dem die Träume des Finanzkapitalismus geschneidert sind. Wie weit die Täuschung getrieben wurde, zeigt sich schon an dem unwidersprochenen Versprechen, dass ‚Geld arbeitet’. Dabei macht es doch keinen Finger krumm. … Das Geld hat sich von seinem instrumentellen Charakter emanzipiert und ist vom Mittel zum Zweck geworden. … Das Geld und seine Geschwister Aktie, Anleihe, Zertifikat oder Derivat generieren jedoch inzwischen mehr Geld, als jede Produktion Güter hervorbringen kann. Das Geld läuft den Waren davon. Es ist gleichsam auf der Flucht vor der Realität und verursacht als Phantom eine gigantische ökonomische Konfusion. …
   Egal wie hoch oder niedrig der Zins ist – wer sich für ein Geschäft Geld geliehen hat, der muss jetzt nicht nur alle seine Kosten wieder einspielen und dazu so viel an der Sache verdienen, dass er selbst davon leben kann. Er muss auch den Zins für seine Gläubiger verdienen. Das ist letztlich der Grund, warum es hinterher immer mehr Geld geben muss als vorher. Grenzenloses Wachstum ist der Sand, auf dem jede moderne Geldwirtschaft gebaut ist. Ohne ständiges Wachstum wäre die wunderbare Geldvermehrung am Ende. …
   Über 99 % der den Erdball umkreisenden Dollar-Billionen haben mit der Realität von Waren und Arbeit nichts zu tun. Es sind Geschäfte ohne Inhalt: Phantasiegeschäfte. Sie erst ermöglichen Börsenhysterie und Börsenpanik, gigantische Devisen- und Kreditspekulationen, die dank modernster Computertechnik in Sekundenbruchteilen abgewickelt werden können. Eine durchgeknallte, im Grunde pathologische Geldwirtschaft. …
   Gleichwohl zeigen sich erste, noch unscheinbare Vorboten für die Abwendung von der Vergötzung des Geldes. … So mischen sich immer mehr sog. Lokalwährungen ins große globale Geldgetriebe. Noch werden sie von den meisten Volkswirten als eine Art Finanz-Folklore belächelt. Doch sie unterminieren das ‚arbeitslose’ Geldgeschäft. Regionale Zahlungsmittel wie der ‚Chiemgauer’, der Berchtesgadener ‚Sterntaler’ oder die ‚Bürgerblüte’ aus Kassel haben nur eine begrenzte Laufzeit. Dann muss das alternative Geld eingetauscht werden oder sein Wert verfällt allmählich. … Dieses Geld kann nicht mehr gehortet werden, um je nach Profitaussicht ein- oder auszusteigen. …
   Weit entfernt und weitgehend unbemerkt von der globalen Finanzwirtschaft findet also bereits heute eine lokale Abkopplung statt. … Aus einem zinsorientierten Geldsystem wird umgestiegen in lokale Verrechnungswährungen und Tauschringe.“
aus: Ehrliche Arbeit – Ein Angriff auf den Finanzkapitalismus und seine Raffgier, Gütersloh 2011, S. 27–28, 41–42, 44, 48 und 51–53.  

 

Prof. Dr. David Harvey  (1935)

„Geld ist ... ebenso untrennbar mit dem Gebrauchswert verknüpft wie mit dem Tauschwert. ... Während das utopische Ziel einer Gesellschaftsordnung ohne Tauschwert erst noch formuliert werden muss, könnte es sinnvoll sein, als Zwischenschritt eine Quasi-Geldform zu etablieren, die den Tausch erleichtert, aber die private Akkumulation von Reichtum und gesellschaftlicher Macht verhindert. Im Prinzip ist das möglich. So zitiert Keynes in seinem einflussreichen Werk ‚Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes‘ den ‚seltsamen, zu Unrecht übersehenen Propheten Silvio Gesell‘, der schon vor langer Zeit die Einführung von Quasi-Geld vorschlug, das oxidiert, wenn es nicht verwendet wird. Nach Gesells Ansicht muss die fundamentale Asymmetrie von verderblichen Waren (Gebrauchswerten) und Geldform (Tauschwert), die solchen Verfallsprozessen nicht unterworfen ist, beseitigt werden. ... Bei elektronischem Geld lässt sich das heute in einer Weise bewerkstelligen, die früher nicht möglich war.“
Siebzehn Widersprüche und das Ende des Kapitalismus, Berlin 2015 (amerikanische Erstausgabe 2014), S. 54-55.